Nazi-Hochburg Halle? Entsetzen über Spiegel-Artikel

1. April 2013 | Politik | 9 Kommentare

Ein Artikel in der aktuellen Ausgabe des Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“ sorgt derzeit für Entsetzen: denn die Stadt Halle (Saale) wird als Hochburg von Rechtsextremen diffamiert. Anlass des Artikels: die Aufstellung von Karamba Diaby als SPD-Direktkandidat für die Bundestagswahl. Der gebürtige Senegalese könnte der erste Schwarzafrikaner im deutschen Parlament werden.

„Ich bin sehr frustriert und entsetzt“, kommentierte Karamba Diaby gegenüber HalleSpektrum.de den Artikel von Gordon Repinski. „Es ist ein Experiment“, schreibt der Spiegel-Autor in seinem Bericht über die Kandidatur. „Halle gilt als eine der Hochburgen des Rechtsradikalismus in Deutschland, bei der Landtagswahl 2011 holte die NPD in manchem Viertel fast zehn Prozent der Stimmen“, schreibt der Reporter, der für seinen Bericht und sein Interview per Zug von Berlin in die Saalestadt kam und zwei Stunden Zeit hatte. So kommt es auch zum Schluss: „In einigen Ecken der Stadt ist es lebensgefährlich für Menschen mit dunkler Hautfarbe, nachts allein auf die Straße zu gehen.“ Angesichts dieser Zeilen kann man noch froh sein, dass der Reporter bei seinem Kurzbesuch in Halle, bei dem er nicht mehr sah als Hauptbahnhof und Boulevard, den Thor Steinar-Laden in der Flaniermeile übersehen hat. Für die Aufmachung des Artikels hätte es sicher ein reißerisches Bild hergegeben.

„Ich wusste nicht, welche Aufmachung die vorhaben“, schimpft Karamba Diaby. „Das war nicht meine Darstellung von Halle“, sagte der engagierte SPD-Mann und fährt fort: „ich fühle mich verarscht.“ Halle als rechtsextreme Hochburg zu bezeichnen sei sachlich falsch, so Diaby, auch wenn jedes Prozent eines zuviel sei. „Meine Befürchtung ist: wer den Artikel oberflächlich liest, denkt ich will Halle in die Pfanne hauen.“ Dabei habe er dem Spiegel-Mann sogar mit auf den Weg gegeben: „wer einmal in Halle war, der wird wieder kommen.“ So ähnlich zitiert ihn auch der Spiegel, umrahmt in ein abwertendes Bild von Halle: „Draußen schießt ein Junge eine tote Taube durch die leere Fußgängerzone. Diaby schwärmt: ‚Wenn Sie schon mal in Halle waren, vergessen Sie es nicht.‘ Diaby muss Halle schön finden. In den nächsten Wochen ist die Straße sein Ort, da ist der Wahlkampf.“

„Die Darstellung überrascht und erschreckt mich“, kommentiert auch Oberbürgermeister Bernd Wiegand den Artikel. „Es ist nicht erkennbar, mit welchen Quellen der Autor arbeitet. Die mir bekannten Statistiken im Bereich der politisch motivierten Gewaltdelikte und die Ergebnisse der Landtagswahl 2011 zeichnen für die Stadt Halle ein anderes Bild“, so Wiegand. „Ein breites gesellschaftliches Bündnis fördert seit Jahren durch vielfältige Aktionen Toleranz und Zivilcourage in unserer Stadt. In Halle ist kein Platz für Rechtsextremisten und Fremdenhass – in keinem Stadtteil.“ Erst kürzlich fand die Respekt-Bildungswoche statt. Genau während dieser war Spiegel-Reporter Repinski in Halle, besuchte auch das Ladenlokal der Initiative. Diaby hatte ihn dorthin eingeladen. Interesse an den Aktionen dort ließ er nicht erkennen.

Unklar bleibt, woher der Spiegel-Redakteur seine Fakten hat. Belegt hat er sie auch nicht mit Fakten. Zwar zog die NPD tatsächlich bereits mehrfach durch Halle, jedoch erfolgten die Anmeldungen jeweils von außerhalb, kamen die Teilnehmer mit Zügen und Bussen in die Stadt. Während es in Teilen Sachsen-Anhalts wie Burgenlandkreis, Harz und Magdeburg funktionierende Parteistrukturen gibt, ist selbst das in Halle nicht gegeben. Und die Wahlergebnisse zeichnen auch ein anderes Bild: 3,17 Prozent holten die Rechtsextremen bei den Landtagswahlen 2011 in Halle, landesweit waren es mit 4,6 Prozent wesentlich mehr. Immerhin: mit 4,3 Prozent lag die NPD im Wahlkreis 39 (Silberhöhe/Südstadt) im stadtweiten Vergleich weit vorn, ebenso im Wahlkreis 36 (Halle-Neustadt) mit 4,6 Prozent. Die Wahlbeteiligung hier schwankte zwischen 30 und 40 Prozent.

„Gilt als rechtsextreme Hochburg“ ist ohnehin in Zeitungen und Zeitschriften wie Spiegel, taz und Zeit eine gern genommene Formulierung. Dortmund, Bochum, Backnang, Lübeck, Berlin-Marzahn, Spremberg, Pirna, Hoyerswerda, Cottbus … vornehmlich Ruhrpott und der Osten bekommen von Zeitungsredakteuren dieses Klischee gern verliehen. Die mobile „Mobile Opferberatung“ weist für Halle 12 rechte Angriffe für das vergangene Jahr aus gegenüber 16 im Jahr davor aus. Mit einbezogen sind dabei aber nicht nur Angriffe auf Ausländer, sondern auch auf sogenannte alternative Jugendliche. Aufgeführt wird dort auch der Angriff auf einen Schwarzafrikaner in der Großen Ulrichstraße – der Attacke gingen aber laut Polizei zuvor Beschimpfungen des alkoholisierten Mannes in Richtung der Gruppe voraus.

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