Landesregierung schreibt Zeitung: Opposition schäumt

14. Oktober 2012 | Politik | 5 Kommentare

Am Samstag erschien die Mitteldeutsche Zeitung mit einer Spezialausgabe. Denn die Landesregierung steuerte einen Teil der Beiträge bei. Chefredakteur Hartmut Augustin sprach von einer „besonderen Ausgabe“. Eigentlich achte man ja sehr sorgsam auf die nötige Distanz, um das selbstgesteckte Motto „Überparteilich & Unabhängig“ einzuhalten. Trotzdem habe man sich auf dieses Experiment eingelassen, schreibt Augustin in seinem Kommentar. „Wir wollten wissen, welches Thema der Regierung eine Nachricht wert ist, welche Texte auf die Titelseite sollten und welche Informationen als nicht meldenswert eingestuft werden.“

Und so ist der große Aufmacher „Ganz Europa rechnet mit Sachsen-Anhalt“. MZ-Redakteur Ralf Böhme berichtet, „durch Hochtechnologie steigt das Land in die Champions League des Internets auf.“ Gemeint ist damit der Baustart für Europas modernstes Rechenzentrum im Salzlandkreis. 100 Millionen Euro sollen investiert werden, wie es heißt. Die Telekom-Tochter T-System – die in den letzten Jahren in Sachsen-Anhalt massenhaft Arbeitsplätze abgebaut hat – lässt sich nun wieder als Wohltäter feiern. Einen flammenden Artikel gab es außerdem zum Weiterbau der A143.

„Die Tatsache, dass die MZ sich eine Ausgabe ganz offiziell von der Landesregierung gestalten und schreiben lässt und dies als Promotion für sich und die Landesregierung verkauft, ist an sich schon schlimm genug“, schäumt der Links-Fraktionschef im Landtag, Wulf Gallert. „Dass der Verlag dies tun kann, ohne das es eine entsprechende öffentliche Reaktion gibt ( unter Anderem vom mdr ) zeigt, wie weit uns ein kritischer Zeitgeist verloren gegangen ist. Es liegt offenbar an uns das zu ändern.“ Der hallesche Landtagsabgeordnete um Stadtparteichef der Linken, Swen Knöchel, schrieb auf HalleSpektrum.de: „der Einfluss auf die Redaktion war schon immer unverkennbar, nun wird offensichtlich was zusammen versucht die öffentliche Meinung zu beeinflussen.“ Die FDP-Stadträtin Katja Raab schrieb im Vorfeld, „Na hoffentlich hält sich die Selbstbeweihräucherung in Grenzen.“ Sven Bendig von den Magdeburger Piraten twitterte, „Uiih, jetzt mal öffentlich. Unabhängigkeit der Medien dahin.“ Der Jugendkoordinator von solid, Robert Fietzke, kommenierte die Aktion bei Twitter: „Super, die sachsen-anhaltische Regierung darf ein Wochenende Propaganda in der #MZ machen – und verkauft’s als Event.“

Kritik musste die MZ aber auch auf ihrer Facebook-Seite einstecken. „Sind Medien käuflich oder doch nur für Politiker da? Egal. Unabhängiger Journalismus sieht jedenfalls anders aus. Wenn die MZ auf den Besuch des Kabinetts so stolz ist, würde es mich nicht wundern, wenn das auch Einfluß auf die Berichterstattung hat. Aber das ist bestimmt niemandem peinlich, oder? Man sonnt sich ja so gern im Ruhm der „Mächtigen“. *kopfschütteln*“, schrieb ein User. Ein anderer erklärte, „sie tuen alle wichtiger, als sie es wirklich sind ! Eine ordentliche und unabhängige Presse würde das Tun und Handeln dieser Politiker täglich auf die Waage stellen und kritisch betrachten. Was hier abgeht ist nur noch Augenwischerei. Das Volk schön dumm halten, ja nix an die Öffentlichkeit kommen lassen.“ Ein weiterer User schriebm „Auch in meinen Augen verliert die Zeitung hiermit etwas an Glaubwürdigkeit, muss man doch nun davon ausgehen, das die Politiker ihre Artikel in der MZ selbst schreiben dürfen. Ein Hoch auf die Pressefreiheit!“ Doch nicht jeder User übte Kritik. „Was hier vom Stapel gelassen wird ist lächerlich. Politik ist einer der Kernpunkte ein jeder Tageszeitung, und bei regionaler und lokaler Berichterstattung wiegt sie sogar noch mehr auf. Darum finde ich es auch überhaupt nicht verwerflich einen Politiker zu dieser Arbeitsstätte des alltäglichen Mediums einzuladen. Nach der Ansicht einiger Abneiger würde die Feuerwehr in Dessau-Roßlau, seit seinem (Reiner Haseloff) Besuch im Jahr 2010, nur noch zu einsetzen von CDU-Mitgliedern fahren. Falls jedoch andere Menschen die Hilfe bräuchten (man nehme an es wären Parteimitglieder der SPD), so würde plötzlich keiner den Notruf entgegennehmen. Welch grandiose Logik.“

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