Kirche macht sich stark: wählen gehen

20. September 2013 | Politik | 3 Kommentare

„Gesicht zeigen – Wählen gehen“ steht seit Freitagvormittag an der Marktkirche in Halle (Saale). Baukletterer der Firma „Spezial Team GIH“ haben ein riesiges Bahnner im Auftrag des Evangelischen Kirchenkreises Halle-Saalkreis angebracht.

Superintendent Hans-Jürgen Kant: „Als Christen rufen wir dazu auf, wählen zu gehen. Mit der Wahl bestimmen wir mit, wie sich unser Land entwickelt. Die Demokratie bedarf wie eine wertvolle Pflanze der Zuwendung und der Pflege. Wenn wir ihr gleichgültig begegnen, wird sie verdorren und vertrocknen. Parteien und Gruppierungen, die Menschen verachten und ausgrenzen, können dann wie Unkraut wachsen. Deshalb wollen wir als Kirchenkreis für Toleranz und Verantwortungsübernahme werben und Flagge – oder besser gesagt BANNER – zeigen.“

Die mit Smileys und Text bedruckte blaue Gitternetzplane ist ein Beitrag des Evangelischen Kirchenkreises Halle-Saalkreis zur aktuellen Kampagne der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) zu Ehrenamt und Demokratie. „Sie haben die Wahl“: Dieses wichtige Anliegen auch im regionalen Kontext zu unterstützen, war u.a. ausschlaggebend für die nunmehr anstehende Befestigung des ca. 12 Kilogramm schweren Banners. Und Wahlen stehen in den kommenden Wochen einige an. Neben der Bundestagswahl am Sonntag, dem 22. September 2013, werden im Folgemonat Oktober in den Gemeinden der EKM die neuen Gemeindekirchenräte (GKR) gewählt. Im Evangelischen Kirchenkreis Halle-Saalkreis gilt es immerhin 79 Gemeindekirchenräte zu besetzen. Hierfür werden ca. 500 Kirchenälteste, so die traditionelle Bezeichnung der Gemeindekirchenrätinnen und Gemeindekirchenräte, inkl. Stellvertreter benötigt.

Der katholische Bischof vom Bistum Magdeburg, Gerhard Feige, sagte: „Bis 1989 – also zu DDR-Zeiten – bin ich entweder gar nicht wählen gegangen oder habe auf dem Stimmzettel alles durchgestrichen. Eigentlich wurde erwartet, den Stimmzettel mit den gemeinsamen Kandidaten der sogenannten Nationalen Front ungelesen nur zusammenzufalten und in die Wahlurne zu werfen. Auf ein derart entwürdigendes Verfahren war ich jedoch nicht bereit, mich ernsthaft einzulassen. Jede Wahl diente ja dem herrschenden Regime lediglich dazu, sich wieder einmal zu vergewissern, ob man die Bevölkerung noch im Griff hatte. Manche bezeichneten diese Wahlen auch als „Viehzählung“.

Wie erhebend war es dagegen, nach der friedlichen Revolution und gesellschaftlichen Wende 1990 erstmals wirklich frei wählen zu können; die Beteiligung lag dabei übrigens bei 94 Prozent. Doch schon bald erschien vielen die errungene Freiheit „grauer als der Traum von ihr“. Ernüchternde Enttäuschungen folgten überzogenen Erwartungen. Und tatsächlich ist die Freiheit anstrengend und überfordert oftmals sogar, können viele Wünsche nicht erfüllt werden, geht es zum Teil ungerecht und unbarmherzig in unserer Gesellschaft zu. Kein Wunder, wenn sich inzwischen auch eine gewisse Politikverdrossenheit breitgemacht hat.

Außerdem ist es bedauerlicherweise immer noch nicht jedem und jeder bewusst, dass Demokratie ein kostbares, aber auch gefährdetes Gut ist. Um diese Staatsform mit Leben zu erfüllen und notfalls auch zu verteidigen, bedarf es engagierter Bürgerinnen und Bürger. Verantwortung ist gefragt, auf allen Ebenen, nicht nur in der Politik, sondern auch in allen Bereichen der Zivilgesellschaft, auf Bundesebene wie vor Ort.

Ich habe durchaus manches Verständnis für alle, die den Wahlkampf als lächerlich empfinden, keiner der Versprechungen glauben können und sich schon entschieden haben, nicht zu wählen, oder noch nicht wissen, wen beziehungsweise welche Partei oder ob sie überhaupt wählen sollen. Dennoch bin ich der Meinung: Auch wenn es keine Partei gibt, die vollständig meinen eigenen Vorstellungen oder denen anderer entspricht, sollte man sich an der Wahl beteiligen und wenigstens – wie manche sagen – dem kleineren Übel seine Stimme geben. Dabei halte ich es für wichtig, nicht denen zu verfallen, die demagogisch argumentieren oder den Himmel auf Erden versprechen; vertrauenswürdiger sind die Politiker, die sich für Ziele, die aus christlicher Sicht unverzichtbar sind, und für realistische Lösungsmöglichkeiten einsetzen. Darum rufe ich noch einmal alle auf, Ihr Wahlrecht wahrzunehmen und damit – wenn auch indirekt – mitzuentscheiden, wie es in Deutschland weitergehen soll. Ich jedenfalls werde mich an dieser Abstimmung beteiligen.“

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