Halle will’s wissen: des Bürgers Meinung zählt

18. November 2012 | Politik | 1 Kommentar

In den nächsten Tagen werden fast 6.000 Hallenserinnen und Hallenser einen Infobrief der Stadt in ihrem Briefkasten vorfinden. Enthalten wird der Brief die elfte Bürgerumfrage die in Kooperation von Martin-Luther- Universität Halle-Wittenberg und Stadt Halle (Saale) entstanden ist. Auf 16 Seiten und in 49 Fragenkomplexen versuchen die beiden Partner das Befinden der Stadtbevölkerung in Erfahrung zu bringen. Neben einer allgemeinen Erfassung der Situation der Bewohner der Stadt verfolgt die Umfrage konkrete Ziele. Denn die Ergebnisse sollen in die Zukunftsplanungen der Stadt einfließen. Offiziell vorstellen will die Stadtverwaltung ihre Bürgerumfrage am Montag.

Mit dabei sind wieder viele allgemeine Fragen, schließlich geht es ja um eine Fortschreibung, die Umfrageergebnisse sollen vergleichbar sein. Dazu gehören Familienstand, Religionszugehörigkeit, Personen im Haushalt, Nettoeinkommen, Berufliche Qualifikation und Job, Schulabschluss und Wohnsituation. Erkundigt wird sich auch, ob die Befragten in nächster Zeit einen Umzug ins Auge fassen und – wenn ja – wohin es geht und warum.

Gefragt wird auch, wie zufrieden die Hallenser mit ihrem Leben sind, wie sie die wirtschaftliche Situation einschätzen und wie sich die Wirtschaft in der Saalestadt in den kommenden fünf Jahren entwickeln wird.

Außerdem geht es in der Bürgerumfrage darum, was die Hallenser als die dringendsten Probleme in ihrem Viertel ansehen. Zur Auswahl stehen dabei Hundekot, Zerstörungswut, Graffiti, Schmutz und Müll, fehlende Grün- und Erholungsflächen, Gruppen herumhängender Jugendlicher, Leerstand, Trinker, Gewalt und Kriminalität, Lärm, Raser, störend parkende Autos und unzureichende Straßenbeleuchtung.

Erkundigt wird sich auch, wie sehr sich die Hallenser mit ihrer Stadt, dem Stadtviertel und dem Bundesland verbunden fühlen. Das Image der Stadt wird ebenso abgefragt, Mit Blick auf die sinkenden finanziellen Mittel der Stadt wird zudem gefragt, wofür die Stadt künftig vorrangig Geld ausgeben sollte. Ankreuzen können die Befragten aus einer Liste fünf verschiedene Aufgaben (soziale Infrastruktur, Kultur, Sicherung und Schaffung von Arbeitsplätzen, Erhalt und Sanierung des Straßennetzes, Sanierung der Innenstadt, Umweltschutz, Grünanlagen/Parks, Sanierung/Instandhaltung in den Stadtvierteln, Radwege ausbauen, Schuldenabbau/Haushaltskonsolidierung der Stadt Halle, öffentliche Sicherheit, öffentlicher Personennahverkehr, Gehwege sanieren, Standortsicherung und Förderung der Ansiedelung neuer Unternehmen, Ausbau der Zusammenarbeit mit den Städten und Gemeinden in der Region, Wissenschafts- und Bildungseinrichtungen, Sport- und Freizeiteinrichtungen). Daneben werden die Hallenser gefragt, wie die Stadt von ihrem Schuldenstand runterkommen soll. Auswählen können die Umfrageteilnehmer dabei zwischen Erhöhung von Abgaben (z.B. Gebühren, Beiträge, Steuern) , Reduzierung von Leistungen (z.B. kürzere Öffnungszeiten bzw. die Schließung von
städtischen Einrichtungen), Verkauf städtischen Eigentums (z.B. Wohnungsbestand, Bäder, städtische Einrichtungen) und Kann ich so nicht sagen. Und weil natürlich immer wieder auf „die Stadtverwaltung“ geschimpft wird, wird auch die Zufriedenheit mit einzelnen Ämtern abgefragt. Etwa 60.000 Hallenser engagieren sich ehrenamtlich, so heißt es. In der Studie wird dem bürgerschaftlichen Engagement auch Platz eingeräumt. So wird gefragt, ob und in welchem Bereich sich die Befragten engagieren.

Halle in 13 Jahren?
Derzeit arbeitet die Verwaltung ein neues Stadtentwicklungskonzept aufzustellen. Dabei sollen die grundlegenden Ziele für die städtische Entwicklung bis zum Jahr 2025 definiert werden. Was die Hallenser dabei für wichtig oder unwichtig halten, wird auch abgefragt. Auswahlpunkte sind dabei Priorität für die Stärkung der Innenstadt, Entwicklung des Landschafts- und Freizeitraumes sowie des Wohnens an der Saale („Stadt am Fluss“), Abriss leer stehender Gebäude am Stadtrand, Entwicklung eines Erholungs- und Freizeitraumes Hufeisensee (Freibad, Wassersport, Golf), Bereitstellung von Bauflächen für Einfamilienhäuser, Stärkung der Familienfreundlichkeit (Kinderspielplätze, Schulen usw.), Sicherung und Erhalt der Altbauten in der Innenstadt, Neugestaltung des Stadteingangs am Riebeckplatz (ehemalige Hochhäuser), Leitthema der Stadtentwicklung „Vorfahrt für Bildung und Wissenschaft“, stärkere Anpassung der Stadt an die Bedürfnisse Älterer, Stärkung der Attraktivität der Altstadt (Handel, Gastronomie, Kultur, Wohnen), Erhalt des vielfältigen Kulturangebotes, Bewerbung für eine Bundesgartenschau, Erhalt und weitere Sanierung des ÖPNV, Schaffung weiterer Gewerbe- und Industriegebiete, Erhalt der autoarmen Altstadt, Sicherung preisgünstigen Wohnraumes, Klimaschutz (z.B. energetische Sanierung, kommunaler Gebäude).

Pflegebedürftigkeit
Weil die Einwohner immer älter werden, rückt das Thema Pflege immer stärker in den Fokus. Unter anderem wird gefragt, wo die Hallenser bei Pflegebedürftigkeit am liebsten gepflegt werden wollen und ob sie selbst bereit wären, eine nahestehende Person zu pflegen.

Bundestagswahl im Blick
Die letzten Wahlen in Halle haben es gezeigt, dass die Politikverdrossenheit groß ist. Nur ein Drittel der Hallenser ging an die Urnen. Mit Blick auf die bevorstehende Bundestagswahl ist auch das ein Thema. So erkundigen sich die Frager danach, welches Interesse die Hallenser an Politik haben und ob sie zur Bundestagswahl wählen gehen würden. Auch nach der Parteipreferenz wird sich erkundigt.

Heftige Kritik gab es bei der letzten Bürgerumfrage vor 3 Jahren, weil Ausländer, Drogenabhängige und Hundekot in einer Frage zu als störend empfundenen Dingen in der Stadt als Antwortmöglichkeiten zusammen auftauchten. Prompt wurde den Initiatoren der Studie Rassismus vorgeworfen. Migranten sind auch diesmal Thema, allerdings in deutlich dezenterer Form. „Haben Sie persönlich Kontakte zu in Deutschland lebenden Ausländern“, wird gefragt. Außerdem wollen die Interviewer wissen, ob die Befragten Rassismus und Fremdenfeindlichkeit als Problem ansehen und ob eine Einwanderung von Ausländern nach Halle größere Unterstützung finden sollte.

Ergebnisse der Bürgerumfrage 2009
Die Ergebnisse der 10. Bürgerumfrage haben Oberbürgermeisterin Dagmar Szabados und Professor Reinhold Sackmann vom Soziologischen Institut der Martin-Luther-Universität am 22. April 2010 vorgestellt. An dieser Stelle noch einmal die damaligen Infos. Eine wichtige Kernaussage am Anfang: die Hallenser sind immer zufriedener mit ihrem Leben, die Quote stieg auf 66 Prozent. Und sie stehen auch zu Halle. 59,8 Prozent fühlen sich mit ihrer Stadt sehr eng verbunden. Der bisherige Höchststand. Mit 36,7 Prozent hatte es 1995 den absoluten Tiefststand gegeben. Von 6000 befragten Einwohnern haben 2925 geantwortet.

Neben den seit 10 Jahren kontinuierlich gestellten Fragen gab es aber auch einen speziellen Fragenkomplex. Gefragt wurde dabei unter anderem nach der Zukunft der Kleingärten. Denen droht, so die Befürchtung, ein drastischer Mitgliederschwund. „Das muss nicht sein“, findet Professor Sackmann. Ein Drittel der Hallenser hat einen Schrebergarten. Jeder Zehnte davon will seinen Kleingarten mittelfristig aufgeben. Zahlen, die zunächst Sorgen bereiten könnten. Doch 8,7 Prozent aller Befragten können sich grundsätzlich vorstellen, sich einen Kleingarten zuzulegen. „Das Potential ist da“, freute sich bei der Vorstellung am 22. April 2010 der damalige Planungsdezernent Thomas Pohlack. Denn in Zahlen ausgedrückt heißt das: 69 Befragte wollen einen Kleingarten aufgeben, rund 200 können sich vorstellen, neuer Kleingartenbesitzer zu werden. „Das ist für uns eine überraschende Aussage“, so Pohlack. Denn es gebe immer wieder Anträge von Grundstücksbesitzern, Kleingartensparten in Wohngebiete für Einfamilienhäuser umzuwandeln. Das wird erstmal nicht passieren. „Wir bleiben auf dem status quo, keine Anlagen liquidieren“, erklärte der damalige Beigeordnete. Doch damit nicht das böse Erwachen kommt, muss laut Professor Sackmann einiges passieren. „Wir brauchen einen Imagewechsel.“ Die Sparten müssten anfangen ihr Profil zu ändern und auf jüngere Menschen zugehen, ihnen Angebote unterbreiten. Denn jeder zweite Schrebergärtner ist älter als 60.

Befragt wurden die Teilnehmer auch nach dem Internetangebot der Stadt. Jeder dritte nutzt die Homepage, vorrangig aber zur Informationsbeschaffung. E-Government macht bislang nur einen geringen Teil aus. Hier sieht Professor Sackmann größere Chancen. Und Oberbürgermeisterin Szabados will die älteren Hallenser auf die Internetseite locken, für Rentner optimieren. „Vielleicht müssen wir da die Schrift größer machen“, sagte Szabados damals als Beispiel.

Ein weiterer Schwerpunkt lag auf dem Wohnen im Alter. 71 Prozent der Befragten wollen auch im Alter in ihrer Wohnung leben. Eine Alternative wären für 48 Prozent betreute Wohnformen und für 32 Prozent Wohn- und Hausgemeinschaften mit anderen Älteren.

Auf einer Skala von eins (sehr schlechter Ruf) bis fünf (sehr guter Ruf) konnten die Befragten die Beliebtheit von Stadtteilen einschätzen. Platz eins mit einer durchschnittlichen Note von 4,24 ging an Dölau, gefolgt von Kröllwitz und dem Paulusviertel. „Das Ergebnis für das Paulusviertel hat uns überrascht“, so Sackmann. Das liege vor allem an dem großen bürgerschaftlichen Engagement im Viertel. Mit 1,84 hat die Silberhöhe den schlechtesten Ruf, gefolgt von Neustadt (2,45). Die Bewohner der Stadtteile selbst bewerten ihre Wohnquartiere allesamt deutlich besser, vor allem die Einwohner in den Plattenbaugebieten finden ihr Viertel deutlich besser als der Gesamtruf. Spitzenreiter mit 4,6 ist Heide-Süd, was in der Gesamtwahrnehmung nur eine Note von 3,92 bekam. Ausreißer ist die südliche Innenstadt, unter anderem mit Glaucha. Der Ruf von Außen ist besser als die Einschätzung der Bewohner. „Die Wohnzufriedenheit war hier schon immer gering“, sagte Steffen Fliegner vom Ressort Stadtentwicklung und Freiraumplanung der Stadtverwaltung. Ausgewertet wurde auch der Verdienst der Hallenser, den man parallel zum Ruf der Stadtteile legen könnte. In Dölau, Kröllwitz und Heide-Süd gibt es die meisten Menschen, die mehr als 2500 Euro verdienen. In Silberhöhe und Neustadt die wenigsten. Genau umgekehrt ist es bei den Geringverdienern, also Menschen die weniger als 600 Euro haben.

Am wichtigsten für die Hallenser ist mit 73 Prozent der Schutz vor Kriminalität. Es folgen Arbeits- und Verdienstmöglichkeiten, die für 64 Prozent der Befragten wichtig sind – allerdings sind im Umkehrschluss nur 17 Prozent zufrieden mit den Angeboten. Auch die Versorgung mit Ärzten und Krankenhäusern sowie Ausbildungsplätzen bewerten die Hallenser als wichtigen Punkt.

Der kontinuierliche Abriss in den Plattenbaugebieten stößt auf ein positives Echo bei den Hallensern. 63 Prozent der Befragten begrüßten den Abriss, 79 Prozent lobten die Begrünung der ehemals bebauten Flächen. Die Aufwertung der Altbauviertel und die Sanierung verfallener Häuser erzielen mit je rund 70 Prozent ebenfalls einen hohen Wert.

Nicht ausgewertet wurde die umstrittene Frage nach Ausländern und Hundekot. Teilnehmer sollten hierbei entscheiden, von was sie sich mehr gestört fühlen. Dies hatte für heftige Kritik bei zahlreichen Verbänden und Vereinen gesorgt und auch den halleschen Stadtrat beschäftigt.

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