Emil-Abderhalden-Straße: Ausschuss vertagt Umbenennung

4. Dezember 2013 | Politik | 1 Kommentar

Nationalsozialist und Rassist sagen die Einen, die Anderen loben ihn als herausragenden Wissenschaftler: am Mittwoch hat sich der Kulturausschuss mit der Umbenennung der Emil-Abderhalden-Straße befasst.

Eine Entscheidung wurde noch nicht getroffen. Die Räte vertagten den Antrag der Grünen auf das nächste Jahr. 7 Räte (CDU, Linke, FDP) waren für die Vertagung. Jetzt soll erst die Studie der Leopoldina abgewartet werden. Vier Räte (Grüne, SPD, MitBürger) wollten eine schnelle Entscheidung zur Umbenennung. Im Vorfeld gab es eine anderthalbstündige Debatte.

Leopoldina-Generalsekretärin Jutta Schnitzer-Ungefug wies daraufhin, dass die damalige Umbenennung der Wilhelmstraße auf einen Ratsbeschluss vom 25.2.1952 zurückgehe. Innerhalb der Leopoldina gebe es keine Akten, dass der Anstoß zur Umbenennung von dort ausging. „Die Lepoldina vermutet, dass die Initiative von der Stadt ausging, um die Leopoldina zum 300-jährigen Bestehen zu ehren“, meinte Schnitzer-Ungefug. Sie hob Abderhaldens vielseitige Tätigkeit als Professor der Uni und dessen Schaffung sozialer Einrichtung wie des Kinderheims in Kröllwitz. Bereits 1994 habe die Leopoldina eine Veranstaltung zur Forschung des Verhältnisses der Akademie zum nationalsozialistischen Regime durchgeführt. Auch der damalige Leopoldina-Präsident habe sich für die erfolgte Streichung jüdischer Mitglieder aus den Matrikeln entschuldigt. Zudem sei eine Gedenkstele für die Leopoldina-Mitglieder bei Prof. Bernd Göbel in Auftrag gegeben worden, um an die Leopoldina-Mitglieder zu erinnern, die in den Konzentrationslagern ums Leben kamen. Schnitzer-Ungefug erinnerte auch an das in Auftrag gegeben Gutachten, das Mitte kommenden Jahres erscheinen soll.“Konzipiert ist die Studie als Biographie eine wissenschaftlichen Institution“, so Schnitzer-Ungefug. Abderhalden sei ein international anerkannter Forscher gewesen, sei Anfang der 30er von nationalsozialistischen Studenten angegriffen worden, weil er jüdische und ausländische Mitarbeiter beschäftigte. Schnitzer-Ungefug sagte auch, es gebe keine direkte Verbindung zwischen Abderhalden und KZ-Arzt Mengele, wohl aber einen Kontakt zu einem der Lehrer Mengeles. Sie warb dafür, Personen aus ihrer Zeit heraus zu sehen. Die Eugenik sei damals nicht negativ besetzt gewesen. Schnitzer-Ungefug hob seine Maßnahmen gegen Kindersterblichkeit und die Einrichtung von Hebammenschulen hervor. „Die Forderung nach Verhütung erbkranken Nachwuchses wurde nicht nur von Abderhalden erhoben“, so Schnitzer-Ungefug. Er habe immer die Auswirkungen der positiven Eugenik zur Verbesserung der Lebensbedingungen, sagte sie. Die Streichung jüdischer Mitglieder habe er mit Bleistift vorgenommen. Seit der Streichung bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs habe die Leopoldina kein Mitgliederverzeichnis mehr herausgegeben
ersten Verzeichnis nach dem zweiten Weltkrieg habe dann alle jüdischen Mitglieder wieder geführt. Abderhalden sei weder ein überzeugter Nationalsozialist noch ein Antisemit gewesen, meinte Schnitzer-Ungefug.

Udo Sträter, Rektor der Martin-Luther-Universität, warb für eine Umbenennung, möglicherweise auch in Teilen als salomonische Lösung. Aberhalden sei über die Stadtgrenzen hinaus umstritten, deshalb könne er die Argumente der Professoren-Initiative zur Neubenennung verstehen. Es könne nicht Aufgabe des Kulturausschusses sein, über die wissenschaftlichen Leistungen Abderhaldens und sein Agieren im Nationalsozialismus zu debattieren. „Das GSZ kann nicht zur permanenten Rehabilitierung werden.“ Die Initiative verfolge das Ziel, Schaden abzuwenden.

Ebenfalls zu Wort melden durfte sich Prof. Dietmar Gläßer, früher am Institut für Physiologische Chemie der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg und bei der Leopoldina lange Zeit im Senat als Mitglied der Sektion Humangenetik und Molekulare Medizin. „Die Wahrheit wird sich durchsetzen“, so Gläßer, „egal ob es 40 Jahre dauert oder 25.“ Dies zeige seine Erfahrung aus zwei Diktaturen. Er hob einige Verdienste Abderhaldens hervor. So habe dieser 1915 ein Säuglingsheim eingerichtet, auch Wärmstuben habe er initiiert und mehr als 1.600 Kleingärten für arme Familien eingerichtet. Damit gelte er als Entdecker der halleschen Schrebergärten. „Allein dafür könnte er mit einem Straßennamen geehrt werden“, so Gläßer. Die Grünen als Antragssteller müssten sich fragen lassen, warum diese Verdienste unterschlagen worden seien. Die Initiative von Professoren zur Umbenennung spreche ebenfalls geringschätzig von „eventuellen Verdiensten“, statt diese klar zu bennen. Abderhalden werde als „Fälscher wissenschaftlicher Daten“ verunglimpft. Gläßer zählt daraufhin die zahlreichen Auszeichnungen Abderhaldens auf. Er sprach von ungeheuerlichen und blödsinnigen Behauptungen gegenüber der Initiative, warf dem Mitinitiator Prof. Johannes Varwick Inkompetenz vor. Dieser habe es unterlassen, den Unterschied zwischen Nazi-Eugenik und Abderhalden-Eugenik zu erklären. Abderhalden habe Erbkrankheiten verhindern wollen. Die von Varwick „initiierte Schmähschrift“ erinnere an Pamphlete aus vergangenen Diktaturen. Das hier auch noch 40 Uni-Professoren unterschrieben hätten, sei ein Skandal. Abderhalden sei nie NSDAP-Mitglied gewesen. Zwar habe er Hitler gelobt, aber nur für dessen Gesundheitsstil und habe für seine Gesundheitspolitik Hoffnungen gehabt. Man solle die außerordentlichen Leistungen Abderhaldens würdigen, so Prof. Gläßer. „Distanzieren Sie sich von diesem Pamphlet“, sagte er in Richtung der Professoren-Initiative.

Uni-Rektor Sträter wies dies zurück. „Dass Emil Abderhalden Verdienste gehabt hat, will niemand bestreiten.“ Es gehe darum, was über ihn möglicherweise „übersehen“ wurde. An Prof. Gläßer gerichtet sagte er, es mache ihn stutzig zu erklären, Abderhalden sei nur Anhänger Hitlers gewesen, weil dieser nicht geraucht und getrunken habe. Es gehe um die Außenwirkung.

Inés Brock von der Antrag stellenden Partei der Grünen erklärte, es gebe von Seiten der Uni Widersprüche und Punkte, die man bedenken müsse. Wir sind kein fachwissenschaftliches Gremium, sondern eine politische Institution. Eine Straßenbenennung sei eine Ehrung. Deshalb müsse man sich fragen lassen, ob Abderhalden dies verdient habe.

Detlef Wend (SPD) machte den Vorschlag, die Straße umzubenennen. Und sollte die Studie etwas anderes herausfinden, könne man ja vielleicht eine andere Straße im Stadtgebiet finden, die nach Abderhalden benannt wird. Er galube nicht, dass man durch eine Umbenennung den Namen Abderhalden schädige, sagte Wend. „Wenn wir diesen Namen wegnehmen, haben wir Emil Abderhalden beerdigt. Für immer“, reagierte Ulrike Wünscher (CDU). Man sollte nicht im vorauseilenden Gehorsam die Straße umbenennen. „Ich werde mich nicht unter Zeitdruck setzen lassen“, sagte Erwin Bartsch (Linke). Er wolle vor einer Umbenennung erst die wissenschaftliche Studie abwarten, weil die angeführten Argumente der Gegner und Befürworter weit auseinander liegen. Erschrocken sei er über die Begründung des Grünen-Antrags. „Wo haben Sie denn diesen Mist her“, fragte Bartsch. „Ich erlebe uns ganz schön aufgescheucht“, meinte Harald Bartl (CDU). Sobald es die um jüngere Geschichte gehe, gebe es viele Diskutanten und Blickwinkel. Er wolle sich ebenfalls nicht unter Zeitdruck setzen lassen. „Warum kommen wir nicht mit unserem realen Menschenbild weiter, dass wir nicht schwarz und nicht weiß sind?“ Man brauche auch die Leute, die mit einem Grauton agieren. Das brachte Uni-Rektor Udo Sträter zu der Antwort, „die Frage ist welchen Grauton wir nach Außen abstrahlen.“ Wolfgang Stauch (Linke) meinte, er verstehe die ganze Aufregung gar nicht. Abderhalden habe riesige Verdienste um die Stadt gehabt. Und seine Fraktionskollegin Birgit Leibrich fragte, ob denn durch die Studie überhaupt noch neue Erkenntnisse zu erwarten seien. Günter Kraus (SPD) plädierte dafür, die in Auftrag gegebene Studie abzuwarten. MitBürger-Stadtrat Dietrich Strech brachte ins Gespräch, doch eine komplett neue Postanschrift zu finden. Und Inés Brock (Grüne) sagte, es bestehe Zeitdruck auch wegen der Eröffnung des Uni-Zentrums im kommenden Jahr. Da dürfe man die Umbenennung nicht vor sich herschieben. Die Öffentlichkeit erwarte eine Entscheidung. „Eine Vertagung ist Feigheit“, so Brock.

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