Die Mitläufer

18. September 2018 | Politik | 30 Kommentare

Gegendemonstration in Köthen, Foto: Igor Matviyets

„Es sind unschöne Zeiten, in denen wir leben… Wir alle müssen die offene Gesellschaft verteidigen!“ Dr. Diaby in Köthen

In Zusammenhang mit den Demonstrationen von Köthen sind viele Medien in ein Schema von Rechts und Links verfallen. Wir haben uns im HalleSpektrum gefragt, wo war eigentlich die politische Mitte? Kann man von links sprechen, wenn allein drei Bundestagsabgeordnete (die ich erkannt habe) in der Gegendemonstration mitgelaufen sind? Kann man von links sprechen, wenn sich  jüdische Menschen gegen bekennende Rechtsextreme positionieren? Und ist es die noch die bürgerliche Mitte, wenn Bürger dem Aufzug der Rechtsextremen Beifall bekunden oder sich in deren Reihen einordnen, obwohl dort verfassungsfeindliche Symbole und verfassungsfeindliche Faschistengrüße gezeigt werden (Hitler hat auf diese Handbewegung kein Copyright, auch wenn er es „deutschen Gruß“ genannt hat)? Gerade über die Mitläufer in rechten Demonstrationen hat sich Frau Juna Grossmann, jüdische Blogerin, Gedanken gemacht. Diesen Beitrag dürfen wir hier übernehmen, dafür herzlichen Dank:

Die Mitläufer

„In Chemnitz liefen ja nicht nur Nazis oder Rechtsradikale mit, sondern auch Menschen aus der Mitte. Was denken Sie von diesen Menschen?“ So oder so ähnlich wurde ich in der vergangenen Woche gefragt. Ich weiß nicht mehr, was ich antwortete, doch die Frage wirkte nach.

Was eigentlich ist schlimmer? Ich bleibe bei dem, was ich schon immer sagte, mir ist es lieber, ich sehe jemanden den Hass auf Juden an, er äußert sich klar und abwehrend als jene, die mit ihrem „Ich hab ja nichts gegen Juden, aber…“ das Land bevölkern. Und diese sogenannte Mitte, die mitlief? Habe ich Verständnis? Verständnis dafür, dass sie etwas zum Ausdruck bringen wollten? Nein, habe ich nicht. Denn diese Mitläufer, im wahrsten Sinne, kommen nicht erst auf die Idee, in einem freien Land zu leben und sich andere Wege zu suchen, als den, mit Nazis unwidersprochen mitzulaufen. Wie viele der Mitläufer haben gesagt, dass sie den Marsch verlassen, als die Hitlergrüße gezeigt wurden? Wie viele, als der Hass laut propagiert wird? Sichtbar waren sie nicht. Widerspruch in den Reihen der Marschierenden?

Es ist das immer gleiche Bild und die Frage: Was ist gefährlicher? Es sind die Menschen, die sich selbst nicht als rechts, als Nationalsozialisten, als irgendwas sehen und dennoch aufschließen in die rechten Reihen. Es sind die Menschen, die nichts sagen, die still sind und den Hass und die Gewalt als kleineres Übel sehen – so, wie es auch in der Politik nicht erst seit gestern als kleineres Übel gesehen wird, wenn Hass die Macht übernimmt. Die Macht übernimmt über Straßen, über Orte und Städte und vor allem über Menschen.

Gehen Sie auf die Straße für mehr Kindergärten …

Es sind die Mitläufer, die alles möglich machten und machen. Die den wenigen aktiven das Podium geben, die Bestätigung, den Auftrieb, den Rückhalt. Es sind die Mitläufer, die mit ihren Schritten Zustimmung zeigen und immer noch sagen „Ich bin ja nicht rechts.“ Das mag sein. Doch Sie zeigen es nicht. Sie zeigen, dass Sie zustimmen und wundern und beklagen sich, dass Sie gleichgestellt werden? Sie haben es einzig und allein sich selbst zuzuschreiben. Mitleid können Sie nicht erwarten. Und doch haben Sie Themen, die Sie ansprechen möchten? Dann tun Sie es. Tun Sie es ohne Hass. Gehen Sie auf die Straße für mehr Kindergärten, für bessere Bedingungen in der Pflege, in der Bildung. Gehen Sie auf die Straße, wenn Sie die Ungleichbehandlung von Ost und West in den Gehältern ungerecht finden. Gehen Sie auf die Straße, reden Sie mit Ihren Abgeordneten darüber, was Sie bewegt. Dafür gibt es Bürgersprechstunden. Gehen Sie in Parteien ohne Hass, engagieren Sie sich dort oder in gemeinnützigen Vereinen. Ändern Sie selbst etwas in dem Land, in dem die Änderung eben nicht mehr nur von oben verordnet wird, sondern in dem jeder etwas selbst beitragen kann. Doch tun Sie eines nicht: seien Sie nicht der Boden, auf dem der Hass gedeiht, denn das sind Sie, mit jedem einzelnen Schritt, den Sie tun in den Reihen von Pegida, AfD und Co. Sie sind es, wie es schon immer die Mitläufer waren. Und dann, dann haben Sie das alles wieder nicht gewollt.

Juna Grossmann, Beitrag zuerst erschienen am 16.09.2018 in Irgendwiejüdisch

Am Schluss möchten wir auf das Buch von Frau Grossmann hinweisen:

Schonzeit vorbei : Über das Leben mit dem täglichen Antisemitismus

Grossmann, Juna

Verlag: Droemer/Knaur (2018)

Kartoniert, Großformatiges Paperback. Klappenbroschur, 160 S.

ISBN-13: 978-3-426-27775-1, 14,99 €

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Dieses Thema enthält 30 Antworten und 15 Teilnehmer. Es wurde zuletzt aktualisiert von  Schulze vor 2 Monate, 4 Wochen.

Ansicht von 25 Beiträgen - 1 bis 25 (von insgesamt 31)
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    Beiträge
  • #324500

    Die Mitläufer


    Ich glaube, dass die Mitläufer gegen die Morde von Migranten und die Migrationspolitik protestieren wollten. Es protestieren ja nur Rechte, wo sollen sie sonst mitlaufen?

    • Diese Antwort wurde geändert vor 2 Monate, 4 Wochen von  wolli.
    • Diese Antwort wurde geändert vor 2 Monate, 4 Wochen von  Riosal.
    #324501

    Weder in Chemnitz noch in Köthen gab es einen Mord. Alles andere sind Fake-News und Hetze. Bleib bitte bei den Tatsachen.
    Morde sind das, was der NSU gemacht hat.

    #324502

    Natürlich laufen konservative Liberale , nicht bei Menschen mit die zweifelhafte demokratische Ansichten haben , u. andere Bürger wegen Ihrer Herkunft, Geschlecht, oder Rasse diskriminieren.
    Und das obwohl sie hinsichtlich Flüchtling- u. / o.
    Einwanderungspolitik ganz andere Anschauungen haben als manche Linke.
    Das was Sie Herr Wolli bei Gegendemonstrationen gegen
    Pseudonationale u. NEOrechtsradikalen sehen, ist somit auch vermeintlich genau spiegelbildlich der besorgte rechtsstaatlich denkende Bürger der Mitte, der sich mit anderen Demokraten vereint.
    Und das werden hoffentlich mehr werden , soweit Ihre Freunde weiter radikalisieren

    #324503

    Es ist doch erstaunlich, dass in Chemnitz Alles in einen Topf geworfen wird. In Hamburg war das sicherlich völlig anders. Da kann das Differenzieren gar nicht beendet werden.

    #324504

    Wie viele Mitläufer gab es hintern dem Schwarzen Block ?
    Wie viele von den denen können begeistert über Demokratie reden?

    Rechte flüchten vor Autonomen

    Chemnitz/18:21Vor einem Rewe Markt wurde eine größere Gruppe Rechte von Autonomen aufgemischt.Diese kamen überraschend aus einer Seitenstraße!Rechte flüchten, siehe Vid:

    Gepostet von Schwarzer Block/Autonome Antifa am Samstag, 1. September 2018

    #324505

    „Gehen sie auf die Straße für mehr Kindergärten“, bessere Schulen, Sicherung der Rente, bessere Löhne, gegen Kriegsbeteiligung, gegen die US-Besatzung usw. usf. Da aber ist “ die Mitte“ sehr stumm. Gelle

    #324506

    „Kann man von links sprechen, wenn allein drei Bundestagsabgeordnete (die ich erkannt habe) in der Gegendemonstration mitgelaufen sind?“
    Kann man von Rechts sprechen wenn Bundestagsabgeordnete in der Demonstration mitgelaufen sind? Ich denke schon.

    @ringelblume
    Bleib bitte bei den Tatsachen, alle Opfer sind an Herzversagen gestorben. Der Anlass dafür ist ja seit einigen Tagen nicht mehr relevant.

    #324507

    @farbspektrum
    Ach das war diese Menschenjagd in Chemnitz von der immer wieder geschrieben wurde.

    #324508

    Vielen Dank für die Übernahme der Veröffentlichung der Gedanken von Frau Grossmann!!!
    Mich treibt die Frage um, was aus unserem christlich geprägten Heimatland, in welchen mindestens ein Viertel der Bevölkerung einen Migrationshintergrund hat, geworden ist? Wo sind die Tugenden und Werte unserer Gesellschaft (Glaube, Hoffnung, Liebe, Zuversicht, Nächstenliebe, Vertrauen, Gemeinschaft, Wertschätzung, Hilsbereitschaft,…) abgeblieben?
    Wenn wir Deutschen, wenn wir Europäer nicht ganz schnell begreifen, dass wir unseren materiellen Wohlstand teilen müssen, dann werden uns Kriege, Hungersnöte und die sich abzeichnenden Klimaveränderungen in naher Zukunft viele weitere Millionen Menschen nach Europa bringen.

    #324509

    Wir können nicht Milliarden Bedürftige dieser Welt auf der Grundlage einer täumerischen Ideologie zu uns holen. Es muss eine Hilfe zur Selbsthilfe vor Ort geben. Mehr als das beliebte Kinderspiel „Wir bohren euch einen Brunnen“.

    #324510

    Farbi: Verstehendes lesen:
    Es geht nicht um „zu uns holen“. Herr Stiller (vielen Dank für den sehr berührenden Beitrag) schrieb „Wohlstand teilen“. Sonst kommen die Bedürftigen zu uns, das werden wir nicht verhindern. Dafür müssen wir sie nicht „holen“. Und ja, es geht dabei auch um den Weltfrieden.

    #324511

    Um den Weltfrieden geht es eher am Mittelmeer.

    #324512

    Dort gerade nicht. Aber anderswo.

    #324513

    Ich denke schon, dass es am MIttelmeer sehr brenzlig ist, vermutlich haben die Israelis ein russisches Militärflugzeug abgeschossen und Kriegstreiber möchten zu gern einen Anlass konstruieren, um Syrien zu bombardieren.

    Red.: Bitte nicht faken: Russ. Militär geht bislang davon aus, dass die syrische Luftabwehr das Flugzeug abgeschossen hat. Allerdings waren auch israelische Flugzeuge in dem Bereich. Mehr ist bislang nicht bekannt. Vorverurteilungen dulde ich hier nicht.

    #324514

    Ok, einigen wir uns auf den Nahen Osten.

    #324515

    „Russ. Militär geht bislang davon aus, dass die syrische Luftabwehr das Flugzeug abgeschossen hat.“
    Dass die Russen den Abschuss durch Syrien bestätigt haben ist neu. Ich verwahre mich dagegen Fakenews zu verbereiten. Ich habe von „vermutlich“ geschrieben. Es war nicht unwahrscheinlich, da die Israelis zur gleichen Zeit syrisches Territorium bombardiert haben.

    #324516

    Den Begriff Politische Mitte mag ich nicht, wie sollte man den denn definieren? Sollte es eine politische Mitte geben, wird sie immer in die eine oder andere Richtung tendieren!

    Warum muss man einer Partei angehören, um gesellschaftspolitische Werte zu verteidigen und sozialpolitische Rechte einfordern zu können? Einer Partei anzugehören, bedeutet nur die Interessen eines kleinen Teils der Bevölkerung zu vertreten. Einer Partei geht es primär um Stimmenzuwachs und somit um einen Zuwachs der „parlamentarischen Marktanteile“.
    Aber um etwas erreichen zu können, braucht es Geschlossenheit und Gemeinsamkeit, zählen nicht die jeweiligen Parteiprogramme und Machtkämpfe untereinander!

    Was ist ein Mitläufer? Ein „Spätpubertierender“ in der politischen Findungsphahse? …Oder sind es die Unentschlossenen, die sich nicht entscheiden können, welche Richtung doch die Zielführendere sein wird?
    Mit dieser Bevölkerungsgruppe sollte unser Staat durch Offenheit und Verständnis versuchen ins Gespräch zu kommen! Denn gegenwärtig greift in einem Teil der Bevölkerung eine erschreckende Verrohung um sich, bei der Menschen auf die Straße gehen, um ihre Aggressivität ausleben zu können, ihre eigenen egoistischen Ziele verfolgend und einer friedlichen Kommunikation unfähig. Ihre Aktivitäten finden (leider) dadurch Anerkennung, indem sich Ihnen die Medienlandschaft mit einem Großteil ihrer Berichterstattung widmet und ein großer Sicherungsapparat in Bewegung gesetzt wird. So gelingt es diesen Kräften doch in zunehmendem Maße, Ängste und Unsicherheit in weiten Teilen der Bevölkerung zu schüren!

    Aber findet denn das Eintreten der Bürger für sozialpolitische und ethische Belange, die zum Beispiel von der Autorin benannt worden sind, auch ANERKENNUNG?
    Dafür bedarf es einer politischen Führung, die den Bürgern alle Unterstützung zur Erreichung der geforderten sozialpolitischen Ziele zusichert, deren Wichtigkeit auch ANERKANNT wird, die frei von jahrelangen politischen Fehlentscheidungen ist und von ihren Bürgern nicht die Aufgabe einzelner individueller Rechte abverlangt!

    #324517

    Wenn diese „Mitläufer“, ihren Hintern mal schon 2010 und in den Jahren danach hochbekommen hätten, als es „nur“ gegen Hartz4 ging, hätten sie was verändern können. Nun meckern sie nur noch, ohne Veränderung.

    #324499

    „Es sind unschöne Zeiten, in denen wir leben… Wir alle müssen die offene Gesellschaft verteidigen!“ Dr. Diaby in Köthen In Zusammenhang mit den Demo
    [Der komplette Artikel: Die Mitläufer]

    #324518

    Ein Interview mit Frau Grossmann in der SZ
    https://www.sueddeutsche.de/politik/interview-am-morgen-antisemitismus-der-verweis-auf-muslime-ist-ablenkung-1.4134820

    salzig ist das Meer, salzig ist der Fluss, salzig sind die Tränen, Salz ist in der Luft

    #324585

    „Wir alle müssen die offene Gesellschaft verteidigen!“
    Was ist die Phrase „Offene Gesellschaft“ konkret?
    Aufgabe unserer Werte?
    Ich habe neulich einen Begriff gelesen, der mir gefällt: „Betreutes Denken“.

    #324590

    Ich habe neulich einen Begriff gelesen, der mir gefällt: „Betreutes Denken“.

    Da mit ist bestimmt die Diskursabschottung Rechter Foren gemeint. Schuld sind da immer die Migranten (und jene die sich ein wenig Mitmenschlichkeit oder auch nur Rechtsstaatlichkeit bewahrt haben).

    #324594

    Ach wo, fractus. Damit wird lediglich versucht, Kritiker des derzeit spürbaren exzessiven Multikulti auszugrenzen. Da gerät selbst Frau Wagenknecht möglicherweise unter die Räder.

    #324595

    Um das mal klar zu sagen: Konsorten wie die AfD werden nicht ausgegrenzt – sie grenzen sich aus. Es ist richtig und wichtig, die erstarkenden neuen Rechten beim sich auszugrenzen zu unterstützen. Das sind die Lehren aus dem Faschismus.

    #324597

    Es wundert mich, dass die Wagenknecht noch nicht aus der Partei ausgeschlossen oder zur Bewährung in die Produktion geschickt wurde.

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