Zoff um die Singschule: Strafanzeige gegen den Chorleiter

3. April 2013 | Kultur | 6 Kommentare

Die Gräben zwischen der Singschule der Stadt Halle (Saale) und dem gleichnamigen Verein sind tief. Am Mittwoch beschäftigte sich der Kulturausschuss nun erneut mit der Thematik.

Doch bevor geredet werden konnte ging es erst einmal um die Formalien: wer darf reden, wer nicht. Ulrike Wünscher (CDU) ergriff als Erste das Wort, die nur den Vertreter der Jugendwerkstatt und nicht den Verein zu Wort kommen lassen wollte – schließlich stehe dieser nicht auf der Tagesordnung. „Ich finde es nicht gut, jemanden auszuschließen“, entgegnete Detlef Wend (SPD). Ähnlich äußerte sich Erwin Bartsch (Linke). „Ich bin unbedingt dafür, dass der Verein reden darf.“ Insbesondere wegen des unsäglichen Schreibens, so Bartsch – dabei zielt er auf ein Schreiben des künstlerischen Leiters der Singschule, Dominik Grimm, ab. „Gerade diese Querelen wollen wir nicht“, machte Ulrike Wünscher klar mit Blick auf die wohl dann anstehende Debatte. Am Ende wurde das Rederecht nur der Singschule, nicht aber dem Verein eingeräumt. Ulrike WÜnscher (CDU), Harald Bartl (CDU), Dietrich Strech (MitBürger) und Hans Dieter Wöllenweber (FDP) hatten gegen das Rederecht gestimmt, Inés Brock enthielt sich. Nach der Abstimmung ging Detlef Wend zu Bartl, flüsterte ihm was zu – dem darauf der Kragen platzte. „Ich bin der Letzte der nicht reden will“, sagte er. Die Situation sei so verfestigt, dass andere Lösungen gesucht werden müssten. Doch dieser Schlagabtausch, so Bartl, sollte eben nicht an dieser Stelle geführt werden. „Das ärgert mich.“ Offenbar hat Wend bei seinem kurzen Einwurf auch auf Bartls rolle als Pfarrer abgezielt. „Ich sitze hier als Bürger und nicht als Vertreter der evangelischen Kirche“, so Bartl. Die Lage sei mehr als misslich, Schuldzuweisungen würden nicht weiterhelfen. Detlef Wend reagierte empört zurück. „Wenn ich am Rande was zu Ihnen unter vier Augen sage, können Sie auch unter vier Augen antworten und müssen mich nicht anpissen“, so Wend. „Und sie müssen nicht hier her kommen“, konterte Bartl.

Im Anschluss legte Dominik Grimm die aktuelle Entwicklung dar. Im vergangenen Jahr habe man die Schwerpunkte auf die Nachwuchsgewinnung gelegt. So habe man in Horten Außenstellen mit Einstiegsklassen gegründet. Nach einem Jahr kommen die jungen Sänger dann in die Singschulen-Klasse 1 mit Stimmbildung und Einzelunterricht. Die Einstiegsklassen werden laut Grimm gut angenommen und seien fester Bestandteil des nachmittäglichen Hortangebotes. Jeweils zu Schuljahresbeginn könne man die Erstklässler in die Einstiegsklassen integrieren, habe so einen kontinuierlichen Nachwuchsfluss und könne das Niveau des Chores steigen. Kritik übte er an seinen Vorgängern und Gründern des Kinderchores, Sabine Bauer und Manfred Wipler, die der Singschule sehr mickrige Zahlen vorwerfen würden. Das Gegenteil sei der Fall. So habe es unter Bauer/Wipler im Jahr 2008 nur vier, ein Jahr später sechs und im Jahr 2010 zehn Kinder in der Singklasse 1 gegeben. Derzeit seien es 27 Kinder in der Einstiegsklasse und 21 in der Singklasse 1. „Die Umstrukturierungsmaßnahmen waren durchaus sinnvoll, haben gegriffen und sind alles andere als mickrig“, so Grimm. Zum 1. April 2013 seien 244 Schüler gemeldet gewesen, davon 62 im Vokalbereich, 69 bei der musikalischen Früherziehung und 47 bei der Gitarre. Die anderen Schüler teilen sich auf Tasteninstrumente, Kindertanz und Musiktheorie auf.

Reden durfte auch EdwinWerner, Ehrenpräsident des Landesmusikrates Sachsen-Anhalt und Mitglied im künstlerischen Beirat der Singschule. Er übte Kritik im Allgemeinen an der Gesellschaft, dass Eltern immer mehr das Interesse verloren haben. Einst hätte es 60 qualifizierte Erwachsenenchöre in der Stadt gegeben, heute seien es nur noch 40 mit etwa 1.000 Mitgliedern. Zum Vergleich führte er die Partnerstadt Karlsruhe an. Hier seien allein im badischen Sängerbund 119 Chöre mit 20.000 Mitgliedern organisiert. Anfang der 70er hätte es auch noch in jeder 2. Grundschule mindestens einen Chor gegeben, vor zehn Jahren seien es in der ganzen Stadt nur noch 8 Chöre gewesen. „Ich bin überzeugt, dass es heute noch weniger Schulchöre gibt als vor 10 Jahren“, so Werner. Eltern würden die Singtradition nicht kennen und so nicht wissen, welche Erlebnisse und positiven Erfahrungen damit verbunden seien. „Wenn die Kinder so begeistert wären, dass sie ihre Eltern dazu bringen bis zur Singschule zu kommen, dann wird der Erfolg sicher sein.“

Detlef Wend will einen Qualitätsabfall festgestellt haben und bezieht sich auf einen Fernsehbeitrag. “Was dort geboten wurde war wie wenn eine Klasse in der Schule singt“, so Wend. „Das fand ich für eine Singschule, wo auch städtisches Geld reinfließt von der Qualität nicht so toll.“ Eine Meinung, die Dominik Grimm nicht teilt. Zum einen liege es an der Aufnahme und dem Standort des Mikros. Außerdem würden selbst im Tölzer Knabenchor die sechs- bis siebenjährigen Kinder nicht perfekt singen. „Das ist eine Sache die muss wachsen und Zeit braucht.“

Elke Schwabe als Vertreterin des Kita- und Hort-Betreibers SKV fragte, wie denn die Kontaktaufnahme mit den Einrichtungen erfolge. Laut Grimm seien alle Horte angeschrieben worden. Allerdings hätten sich nur vier gemeldet, mit denen man nun zusammenarbeite. Nach „Störfeuer“ fragte Detlef Wend. Durch den tobenden Streit werde sehr wohl Druck aufgebaut, meinte. So trete er mit Kindern auf, denen er eigentlich gern noch etwas mehr Zeit geben würde, um Bühnenerfahrung zu sammeln. Zum Streit mit dem Verein wollte er sich nicht äußern. Was von dort komme sei unqualifiziert.

In einem offenen Brief hat er die andere Seite aber sehr wohl angegriffen. “Frau Bauer und Herr Wipler versuchen mit allen Mitteln, den Kinderchor der Stadt Halle systematisch und nachhaltig zu zerstören“, schreibt Grimm darin. Weiter spricht er von Schmähbriefen und in Stadtratssitzungen durch Vereinsvertreter vorgetragene falsche Fakten. „Dabei ist nur allzu deutlich erkennbar, worum es Frau Bauer und Herrn Wipler eigentlich geht, nämlich um die Fördermittel der Stadt.“ Grimm schreibt weiter, „Es ist höchste Zeit, Mittel und Wege zu finden, wie diese andauernde Kampagne beendet werden kann. Frau Bauer, Herr Wipler und ihre Mitstreiter haben nicht nur meine Mitarbeiter und die der „Jugendwerkstatt Frohe Zukunft“ an ihre psychischen Belastungsgrenzen gebracht, sie schrecken inzwischen auch nicht mehr davor zurück, die bei uns singenden und musizierenden Kinder öffentlich zu diskreditieren und bloßzustellen.“

Sabine Bauer reagiert ihrerseits auf diese Vorwürfe und hat sich Unterstützung vom ehemaligen Oberbürgermeister Klaus-Peter Rauen geholt. Der verfasst als Rechtsanwalt derzeit in ihrem Auftrag eine Strafanzeige gegen Dominik Grimm. Die Schlacht um die Singschule ist also noch lange nicht beendet.

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