Über Weihnachtsbaum und Stollen – Fundstücke Sächsischer Volkskunde

24. Dezember 2019 | Kultur | 1 Kommentar

Im Jahre 1900 erschien ein Buch über Sächsische Volkskunde mit damaligen Ansichten und Erkenntnissen. Im Kapitel über Sitten und Gebräuche im Kreislauf des Jahres finden sich zum Thema Weihnachtsbaum folgende Anmerkungen:

„Heute ist unser Weihnachtsfest in erster Linie ein Familien-, ein Kinderfest. Den Glanzpunkt dieses Festes bildet der Lichterbaum mit seinen Äpfeln und Nüssen und Zuckerzeug und die Bescherung der Gaben, die unter ihm ausgebreitet liegen. Diese Feier steht in ziemlich schroffem Gegensatze zu einer mittelalterlichen Christfeier. … Allerdings kommen schon grünende Zweige, Äpfel und Stollen vor, allein diese befinden sich im Gefolge des Aberglaubens und sind weder an Zeit, d.h. an den Christtag , noch an einen bestimmten Ort gebunden. … Es mag daher ein schönes, sinniges Bild sein, wenn man Luther im Kreise der Seinen unter dem Christbaume sitzen sieht, geschichtlich ist es nicht, denn damals kannte man noch keinen Lichterbaum. … Alter Glaube und deutsches Gemüt bilden den Boden, auf dem der Christbaum Wurzeln geschlagen hat und gewachsen ist. Verschiedene Völker, zu denen auch unsere Vorfahren gehörten, lebten seit uralten Zeiten in dem Wahne, dass einige Bäume zweimal blühten und Früchte trügen. In den Winter wurde die Zeit der zweiten Blüte, die Zeit der zweiten Ernte versetzt. Dieses Glaubens bemächtigte sich auch die Kirche. … Vor allen waren es die Apfelbäume, von denen diese Märe galt. .. in vielen Familien werden am Andreastage Kirsch- und Äpfelzweige gepflückt. … und führten zu dem Gedanken, den grünen Baum des Winters, den Tannen- oder Fichtenbaum in die menschlichen Wohnungen zu tragen. Wir finden die Thatsache zum ersten Male im 17. Jahrhundert belegt und zwar in einer Straßburger Quelle. … zum ersten male in unserem Sachsen und zwar 1737 in Zittau. Hier wurde damals jedem Gliede der Familie ein Christbäumchen aufgestellt. … Und bald hält der Christbaum auch seinen Einzug auf dem Christmarkte. Während wir auf dem Leipziger Christmarkte des Jahres 1785 noch keine Tannenbäume antreffen, finden wir sie auf dem Dresdener im Jahre 1807 in großer Zahl. … Heute hat selbst in der ärmsten Hütte der Tannenbaum Aufnahme gefunden.“

Einige Absätze weiter heißt es: „Bevor ich von Weihnachten scheide, mag noch mit wenigen Worten des Christstollens gedacht werden, der ja in Sachsen allgemein verbreitet ist. Nicht überall in deutschen Landen finden wir ihn, weder in bayrisch-alemannischen, noch in fränkischem Gebiete ist er heimisch, dagegen ist er es in dem ganzen ostdeutschen Kolonisationsgebiete. Und hier ist er in der Form, die er heute hat, sehr alt, denn bereits um 1400 wird er in diesen Gegenden erwähnt. … Ob wir im Stollen eine symbolische Darstellung des Christkindes haben, was ja recht möglich ist, oder ob das Gebäck ins Heidentum zurückgeht, wage ich nicht zu entscheiden. An ein altgermanisches Opfer, wovon so oft gefabelt wird, ist natürlich nicht zu denken.“

(Quelle: Sächsische Volkskunde, Robert Wuttke, Dresden 1900)
(H.J. Ferenz)

 

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