Offener Brief der Initiative gegen antisemitische Propaganda

2. März 2018 | Kultur | 1 Kommentar

Wir dokumentieren hier einen Brief der Initiative gegen antisemitische Propaganda. Es geht hier um das einzigartige Ensemble Synagoge Gröbzig, zu dem wir bereits mehrere Beiträge brachten. Die Meinung der Verfasser des offenen Briefes spiegelt nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder. Vom Vize-Landrat erhielten wir bislang keine Stellungnahme. Der Pressesprecher des Landratsamtes erklärte sich für nicht zuständig.

„Offener Brief der Initiative gegen antisemitische Propaganda (IGAP) an den Vize-Landrat und Vorsitzenden des Museumsvereins Gröbziger Synagoge Bernhard Böddeker (CDU) mit der Forderung nach Auflösung des Vereins.

Gründe für das Schreiben sind Ihre Bemühungen zur Verdrängung des Vereins der Freunde und Förderer des Museums Synagoge Gröbzig (FFMSG) und das Betreiben von Geschichtsrevisionismus.

Ihre zielstrebigen Bemühungen um mehr Einfluss auf die Museumslandschaft in Sachsen-Anhalt sind uns nicht entgangen. Erfolgreich konnten Sie in den letzten Monaten wichtige Posten in der Kulturlandschaft wie beispielsweise die Geschäftsführung der KKM1 oder den Vorsitz des im Sommer 2017 neu gegründeten Museumsvereins Synagoge Gröbzig besetzen. Hierbei nutzten Sie alle Ihnen zur Verfügung stehenden Mittel, um unliebsame Kontrahenten zu diffamieren und von ihren Posten zu drängen.2 Anlass genug für unsere Initiative sich Ihr Engagement bezüglich der Synagoge Gröbzig genauer anzuschauen und Gründe für Ihre Ambitionen offen darzulegen.

Bereits im Frühjahr 2016 wurde darüber beraten, wie die Finanzierung dieses besonderen Museumskomplexes in Gröbzig, welcher in seinem Dasein einmalig in Deutschland ist, weiter gehen solle. Ein Problem der Gröbziger Bevölkerung und des Ortsbürgermeister Honsas (Freier Wähler) war, dass ausgerechnet dieser Verein als einer von siebzehn Vereinen in Gröbzig einen Sonderstatus hatte und damit eine höhere finanzielle Förderung als andere erhielt. Deshalb empfahl Herr Honsa, der nun stellvertretender Vorsitzender Ihres neu gegründeten Vereins ist, dass der Museumskomplex Eigentum des Landes Sachsen-Anhalt werde und damit auch eine vollständige finanzielle Förderung durch das Land einhergehen würde3 und nicht wie zuvor zu Teilen durch die Stadt. So müsste man sich nicht mehr mit der kostspieligen Aufarbeitung jüdischen Lebens im Städtchen beschäftigen und könnte Kulturgelder vermeintlich bedeutenderen Vereinen wie beispielsweise dem Rassekaninchenverein Gröbzig oder dem Heimatverein zukommen lassen.

Auch Sie äußerten sich 2016 schon kritisch zur Vereinsarbeit des Museums Gröbzig, in dem Sie zu bedenken gaben, dass es im Landkreis einige Museen gäbe, die man ins Verhältnis dazu setzen solle und dass die Arbeitssituation des Vereins überdacht werden müsse4. Glücklicherweise hat das ehemalige Kultusministerium eine Evaluation des Vereins der Freunde und Förderer des Museums Synagoge Gröbzig und seiner Arbeit beauftragt, die sehr positiv ausfiel und keinen Grund gab, die bestehenden Fördermittel nicht zur Verfügung zustellen5. Daran änderte auch die Unterstützung für Sie durch die AfD nichts6.

Da die Evaluation keine Ergebnisse in Ihrem Interesse lieferte, mussten andere Interventionsmöglichkeiten gefunden werden, den Verein in Verruf zu bringen. Dazu wurden Lügen über eine vermeintliche Insolvenz und angeblichen Auflösung gestreut. Außerdem sei die Arbeit nicht genügend regional gebunden und die Gröbziger würden sich im Museumskomplex nicht wiederfinden7. All diese Vorwürfe und Unwahrheiten wurden bereits von der Museumsleiterin Marion Mendez und dem Verein selbst, unter anderem durch Präsentationen auf Stadtratssitzungen, entkräftet, was Sie und Herrn Honsa nicht davon abhielt, den Verein weiterhin zu diffamieren.

Im Zuge dessen gründeten Sie unter anderem mit Dirk Honsa den Museumsverein Gröbziger Synagoge. Ihr Ziel war es nun, die Fördergelder der Stadt und des Landkreises dem anderen Verein wegzunehmen und Gelder für Ihre Interessen durch die jeweiligen Ausschüsse bewilligt zu bekommen8. Natürlich gibt man lieber Ihnen als politisch Mitwirkenden im Landkreis Anhalt-Bitterfeld die Fördergelder, als einem unabhängigen Verein, in dessen Museumskonzept die „Bewahrung“ und „Rettung“ der Synagoge zur Zeit des Nationalsozialismus kritisch betrachtet wird. Und damit wird Ihre Motivation und die des Ortsbürgermeisters Gröbzig für das Besetzen wichtiger kultureller Posten offensichtlich. Die Ausrichtung der neuen Museumsarbeit durch Ihren Verein beinhaltet keinerlei Hinweise zum Themenbereich Juden im Nationalsozialismus9. So verwundert es auch nicht, dass Honsa und Sie am Märchen von der Bewahrung und Rettung jüdischer Kultur durch wehrhafte Gröbziger in der NS-Zeit festhalten und kritische Stimmen mundtot machen. Ein Blick in die bestehenden Publikationen zur historischen Vergangenheit des Städtchens reicht aus, um zu erkennen, wie Geschichtsrevisionismus funktionieren kann. Der Gröbziger Erich Hobusch arbeitete in seiner 1984 erschienen Publikation „Synagoge Gröbzig – gerettet und bewahrt“ unwissenschaftlich und übernahm undatierte Schreiben sowie mündlich überlieferte Aussagen als Belege für seine Thesen. Bezieht man sich ausschließlich auf die dokumentierten Quellen, wird schnell klar, dass es in Gröbzig weniger um die Rettung der Synagoge und jüdischen Kulturgutes, sondern mehr um die Unversehrtheit des Gebäudes, welches nach der Beseitigung aller Hinweise auf das Judentum als gängiges Heimatmuseums diente, ging.

Schlimmer noch liest sich ein weiteres Buch, die „Geschichte der Stadt Gröbzig“, welches durch die Eingeborenen Fritz Jahrmarkt und Otto Kappes im Jahr 2000 publiziert wurde. Jahrmarkt war überzeugter Nationalsozialist und unterzeichnete am 18. November 1938 als Vermieter die Wohnungskündigungen für die verbliebenen jüdischen Menschen in Gröbzig. In seinem Buch spricht er davon, dass „gute Menschen sich plötzlich in der NSDAP wiedergefunden haben“, niemand etwas von der Judenvernichtung wusste, viele mutige Bürger in Deutschland Juden versteckt hätten und von „anständig menschlich denkenden Nazis in Gröbzig“ sowie „Erfindungen von Missetaten der Nazis, um Judenfeindlichkeit in Gröbzig nachzuweisen“10. Der Mitherausgeber dieses Schandwerkes und Musterbeispiel für Vergangenheitsklitterung, Otto Kappes, ist ein Gründungsmitglied des neuen Museumsvereins Gröbziger Synagoge, dem Honsa und Sie vorstehen. Diese Schönfärberei der NS-Vergangenheit versuchte der bisherige Verein durch die verbliebenen Akten im Archiv der Synagoge11 aufzuarbeiten und durch eine neue Dauerausstellung zu dokumentieren, die momentan noch im Museum zu sehen ist. Weder Honsa noch Sie haben ein Interesse an Kritik des bestehenden Mythos um die Stadt. Aus diesem Grund haben Sie den alten Verein und die Museumsleiterin Marion Mendez aus Gröbzig verdrängt.

Nach Recherchen unserer Initiative ist ein Teil Ihres neuen Konzepts die Verklärung jüdischer Geschichte in Gröbzig zu einem Schtetl, was a-historisch wäre, da diese ausschließlich in Osteuropa existierten. Geschichte scheint Ihnen also nicht wirklich wichtig zu sein, da sich jüdische Folklore besser vermarkten lässt als eine kritische und reflektierte Auseinandersetzung mit der Rolle Gröbzigs zur Zeit der Schoah.

Um eine neutrale Aufarbeitung der Zeit des Nationalsozialismus zu gewährleisten ist es unabdinglich, die Leitung und Gestaltung des Museums an einen unabhängigen Verein zu übertragen. Wir fordern Sie auf, den neu gegründeten Verein aufzulösen und Ihre politischen Bestrebungen zur Betreibung von Geschichtsrevisionismus einzustellen.

Initiative gegen antisemitische Propaganda

1Der Geschäftsführer der Köthen Kultur Marketing GmbH (KKM), Michael Schuster, wird offiziell zum 30. Juni 2018 entlassen und ist bereits mit unbegründeten Vorwürfen durch Bernhard Böddeker ersetzt wurden. Für Ronald Mormann, Mitglied des KKM-Aufsichtsrates und Landtagsabgeordneter, ist Schuster ein Bauernopfer (vgl. MZ online 15.12.2017).

2 Herr Schuster wurde teilweise durch dieselben Leute abgewählt wie der alte Verein der Freunde und Förderer des Museums Synagoge Gröbzig. Der Aufsichtsrat der KKM, welcher Schuster entlassen hat, besteht nämlich zu Teilen auch aus Mitgliederndes Kreistages des Landkreises Anhalt-Bitterfeld. Dieser Ausschuss entscheidet wiederum auch über die Bewilligung der finanziellen Zuwendungen zur Förderung des Vereins FFSG (vgl. Gesellschaftsvertrag der KKM GmbH). In beiden Fällen verliefen die Absetzungen durch nicht nachvollziehbare Begründungen.

3Vgl. MZ online 20.01.2018

4Vgl. MZ online 18.04.2016

5Vgl. MZ online 09.01.2017

6AfD Abgeordneter Daniel Roi stellte am 23. März 2017 eine kleine Anfrage an den Landtag von Sachsen Anhalt. Der bereits durch rassistische und behindertenfeindliche Statements aufgefallene AfD-Politiker stellte Fragen zur Finanzierung und zur Qualität der Arbeit des Vereins und flankierte somit bereitwillig Böddekers bereits geäußerte Kritik. Roi ist ebenso wie Honsa Mitglied des Kreistages Anhalt-Bitterfeld. (vgl. MZ online 09.01.2017) und (vgl. https://kleineanfragen.de/sachsen-anhalt/7/1163-foerderung-museum-synagoge-groebzig)

7Vgl. MZ online 17.01.2018

8Die Fördermittel von Stadt und Landkreis sind nämlich an den betreibenden Verein gebunden, wohingegen die finanzielle Förderung auf Landesebene an das Museumsobjekt direkt geht. Auf Stadt- und Landkreisebene sind die Gelder schnell für CDU- und Freie Wählergenossen bewilligt, da in beiden Ausschüssen nur die Mehrheit benötigt wird. Ein Leichtes, da im Zuge der letzten Kommunalwahlen ein Flügel aus CDU, FDP, AfD und Freien Wählern die mehrheitlichen Sitze im Kreistag hat (vgl. Stadt Anhalt-Bitterfeld Fraktionen online).

9Vgl. Landespressedienst Stephan Gebhardt/ Die Linke 22.01.2018

10Vgl. Kap. „Juden in Gröbzig und ihre Synagoge“ sowie Kap. „Zeitgeschehen in Gröbzig von 1914 bis 1945“

11Die Akten aus dem Archiv befinden sich jetzt im Besitz der Stadt Dessau.

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