Nachlese: Der arme Schwan im Opernhaus

1. April 2015 | Kultur | Keine Kommentare

Jason Robert Brown, amerikanischer Komponist und mehrfacher Tony-Award-Gewinner, extra aus New York angereist, hat das Werk höchstselbst mit der Halleschen Staatskapelle einstudiert und die ersten drei Vorstellungen dirigiert. Das ist schon ein Ereignis.
Schwan Trompete
„Der Schwan mit der Trompete“: Es handelt sich um eine erzählte Sinfonie für großes Sinfonieorchester, 6 Schauspieler und einen Solotrompeter. Das Orchester ist auf der Bühne plaziert und muß nicht im Orchestergraben verschwinden. Davor sitzen die Schauspieler und lesen die Geschichte vor, allen voran Axel Gärtner als kleiner Sam, der die ganze Geschichte erlebt. Die Musik kennt man aus amerikanischen Filmen. Wenn die jungen Schwäne fliegen lernen, könnte das auch die musikalische Untermalung für ein Airforce-Geschwader sein. Alles ein wenig militant, ein wenig romantisch, aber immer eingängig und unterhaltsam.

Die kleinen Zuschauer klatschen denn auch schon mal den Rhythmus mit.

Aber was wird da für eine Geschichte erzählt nach dem Roman von E.B. White?
Louie, ein kleiner Schwan, ist sozusagen behindert, er hat keine Stimme, die ein Trompeterschwan aber zum Überleben braucht. Dieses Dilemma bringt den Schwanenpapa dazu, eine Trompete aus einem Musikladen zu klauen. Der kleine Schwan lernt das Instrument spielen, was wunderbar von dem jungen Trompeter Emanuel Till sowohl musikalisch als auch schauspielerisch in schöner Unbeholfenheit dargestellt wird. Der behinderte Schwan reist nun nach Boston und Philadelphia und verdient Geld, um seine „Schulden“ bezahlen zu können (es ist aber kein griechischer Schwan). Bei der Geldübergabe wird der Schwanenpapa zu allem Übel auch noch angeschossen, überlebt aber glücklich in einem tollen Krankenhaus, das offenbar auch Schwäne behandelt (und niemand fragt nach einer Krankenkasse!), weil er nun endlich seine Schuld beglichen hat und kein schlechtes Gewissen ihn mehr plagt. Das ist schon starker Tobak.

Hier werden menschliche Vorstellungen des Neoliberalismus ganz simpel auf Schwäne übertragen und den kindlichen Zuschauern auf unterhaltsame Weise eingehämmert. Diese „Arbeit“ des Schwans muß natürlich auch noch viel Spaß machen, was einen ordentlichen Schuß Pathos ergibt. Und natürlich gibt es ein Happy End mit einer schönen Schwanendame. Wer fleißig ist, hat auch Glück in der Liebe. Die künftigen, zu erwartenden Jungschwäne werden brav in den Zoo gebracht, weil Sam, der kleine Erzähler der ganzen Geschichte, inzwischen dort arbeitet. Hier wird erzählt, was brave Staatsbürger denken sollten, wenn sie Schwäne wären. Sind sie aber nicht.

Regisseur Hansjörg Zäther hat das kleine sinfonische Spektakel ohne Schnickschnack inszeniert. Bemerkenswert sind noch die Bühnenillustrationen von Sven Voelker, der mit ganz schlichten grafischen Mitteln die Inszenierung auf einer Projektionsleiwand begleitet.

Den kleinen Zuschauern im randvollen Opernhaus hat es gefallen.

Nächste und letzte Vorstellung: 20.04.2015 10:00 Uhr
Dauer 90 Minuten ohne Pause

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