Kulturelle Leitlinien: wenn man nicht mehr weiter weiß…

20. November 2013 | Kultur | 1 Kommentar

… gründet man einen Arbeitskreis… Genau so kann das Vorgehen um die Kulturellen Leitlinien bezeichnet werden. Seit mehr als drei Jahren wird in den Ausschüssen diskutiert, werden Vertreter von Kultureinrichtungen eingeladen und um Stellungnahmen gebeten. Jetzt im November sollte es nun endlich soweit sein, unter der neuen Kulturdezernentin Judith Marquardt sollte der Stadtrat das Papier zur kulturellen Ausrichtung der Stadt beschließen.

Doch daraus wird nichts. Denn in seiner Abschlussberatung votierte eine Mehrheit der Stadträte dafür, eine neue Arbeitsgruppe zu installieren. Dieses interfraktionelle Gremium soll im Januar zum ersten Mal tagen. Die Leitlinien sollen nun durch das Gremium eine Zielsetzung bekommen, die entsprechende Handlungsempfehlungen formuliert.

„Wenn es denn so einfach wäre in sechs Wochen Prioritäten zu finden und mehrheitsfähig zu machen, dann hätte man das bereits vor drei Jahren tun können“, schimpft Grünen-Stadträtin Inés Brock über die anderen Parteien. „Angesichts der Kürzungsdebatten und Proteste erscheint es eher fraglich, ob der Stadtrat zu einer solchen Positionierung in der Lage ist, wenn schon der Fachausschuss einer inhaltlichen Diskussion ausweicht. Über Änderungsanträge allein wird es kein Ergebnis geben, mit dem alle Akteure leben können. Grundsatzdebatten sollten nicht am Ende sondern am Beginn eines solchen Prozesses geführt werden.“ Es bleibe fraglich ob der gegenwärtige Stadtrat noch in die Lage versetzt werde, ein „Ende gut – alles gut“ zu liefern. Stattdessen sei Orientierungslosigkeit zu befürchten in einer Zeit in der eine klare Leitlinie notwendig wäre.

Vor anderthalb Jahren schrieben wir von HalleSpektrum.de bereits diesen Text hier:
Halles kulturelle Lei(d)(t)linien
Seit fast zwei Jahren wird im Kulturausschuss über die Kulturpolitischen Leitlinien diskutiert, noch in diesem Jahr soll der Stadtrat eine Entscheidung treffen. Zuvor war das Papier von der Stadtverwaltung im stillen Kämmerlein erarbeitet worden. Konstruktives kam in den bisherigen Debatten größtenteils nicht rum. Die meisten geladenen Kunstschaffenden nutzten das Podium, um sich selbst darzustellen.

Doch es gab einige Ausnahmen. So manch Kunstinteressierte der Stadt hat sich mit dem Papier auseinandergesetzt. Das Fazit ist verheerend. Betrachter kommen zum Eindruck: wer sich richtig mit dem Papier befasst hat, lehnt es ab.

Die Krone setzt dem Ganzen ein Brief des freien Theaters Apron auf. Die Theatermacher kritisieren die Unterstützungspolitik der Stadt. Fördermittel habe man letztmalig 1996 von der Stadt erhalten. Zwischendurch habe es man mal probiert, vor allem nach Anregung des Kulturausschusses, heißt es in dem Schreiben. Lange hörte man nichts von der Stadt, auch nicht auf Nachfrage. Deshalb habe man sich anderweitig um Finanzierung gekümmert. „Dann, anderthalb Jahre nach Antragstellung und nachdem wir inoffiziell erfahren hatten, dass im Kulturausschuss der Stadt für unser Theaterprojekt gestimmt worden war und mittlerweile drei Monate nach Beendigung des Projektes erhielten wir erstmals eine schriftliche Nachricht des Kulturbüros, indem die Förderung des Projektes mit der Begründung abgelehnt wurde, es habe ja bereits stattgefunden“, schreiben die Apron-Theatermacher in ihrem Brief. „Es sei wie es sei, nachdem uns klar wurde, dass die Kulturförderer der Stadt Halle offensichtlich bestrebt sind, unsere Bemühungen um Kultur eher zu behindern als zu fördern, sind wir nicht motiviert, kostenlos Zeit und geistige Kräfte in die Verbesserung der kulturpolitischen Leitlinien der Stadt Halle zu investieren und diese in ehrenamtlicher Tätigkeit als fachliche Stellungnahme abzugeben.“

Während Apron also keine Stellungnahme abgeben will, haben das einige andere Persönlichkeiten getan. HalleSpektrum.de hat die Sitzungen der letzten Monate begleitet. Da wäre zum Beispiel Thomas Müller-Bahlke, Direktor der Franckeschen Stiftungen getan. „Diffus“ nannte er die Präambel der Leitlinien, wenig konzise und als Einstieg wenig geeignet. Die Fassung wirke noch unfertig, so Müller Bahlke. Er sagte, „die kulturpolitischen Leitlinien sollten die gesamte kulturelle Landschaft in Halle in den Blick nehmen. “ Derzeit würden sie sich zu sehr auf die Kultureinrichtungen in städtischer Trägerschaft konzentrieren oder auf Einrichtungen, die von der Stadt finanziert werden. „Dadurch kommt es zu Verzerrungen in Bezug auf Darstellung der tatsächlichen Kulturlandschaft.“ Die Fokussierung auf das Thema Musik werde nach Angaben Müller-Bahlkes der kulturellen Vielfalt Halles nicht gerecht. „Diese Vorgehensweise blendet zahlreiche andere kulturelle Potentiale in der Stadt aus.“ Er sprach sich zudem für eine Gleichberechtigung der kulturellen Bereiche aus. Müller-Bahlke erklärte zudem, das Verhältnis zwischen städtischen und anderen Museen in der Halle müsse sich uneingeschränkt kooperativ gestalten.

Ähnlich äußerte sich auch Alfred Reichenberger vom Landesmuseum für Vorgeschichte. Die städtischen Museen und die Sammlungen anderer Träger sehe er als einen Verbund an. Wichtig sei die Vernetzung der Einrichtungen untereinander. Kritik an den Leitlinien übte zudem Roman Pliske vom Mitteldeutschen Verlag, der in dem Papier unter anderem die Literatur vermisste und kritisierte, dass jeder sein eigenes Süppchen kocht.

Manon Bursion von der Landeskunststiftung beglückwünschte die Stadt wenige Sitzungen zuvor zunächst, dass diese sich auf dem Weg macht, ein Zukunftspapier für die Kultur in der Stadt aufzustellen. Allerdings fehle beispielsweise der Film völlig. Dabei habe die Stadt auf diesem Sektor viel zu bieten, unter anderem mit dem Mitteldeutschen Multimediazentrum, arthaus und Digital Images. Außerdem solle die Stadt die Händelfestspiele mehr als Forum für neue Musik begreifen, meint Bursian. Daneben könne man die Stadt nur darin bestärken, die freie Theaterszene stärker zu vernetzen. Werner Freitag von der Moritzburg regte an, auch die Wissenschaft stärker mit einzubeziehen. Diese könnte ebenfalls als wesentlicher Kulturfaktor fungieren.

Einen großen Verriss gab es während einer Kulturausschusssitzung durch Hans Georg Sehrt vom Halleschen Kunstverein, der von einer „Ansammlung aussagefremder Punkte“ sprach und das Papier „sehr dürftig“ nannte. So sei in den Leitlinien von einer vielfältigen Galerielandschaft die Rede. Die habe Halle aber keinesfalls. „Nicht jede Garage die Galerie dran schreibt, ist auch eine“, so Sehrt. Das Programm „Rent a gallery“ der Kunststiftung nannte er einen Inzuchtbetrieb, gerade einmal zwei Galerien seien nach dem Programm noch übrig geblieben. Stattdessen fehlten wichtige Einrichtungen wie die Villa Kobe, der Kunstverein Talstraße, der Kirchenmusikhochschule oder der Bundesverband bildender Künstler. Hervorragende Dinge würden an der Kunsthochschule Burg Giebichenstein gemacht, wenn auch teilweise mit geringer Wirkung in der Stadt. „Deshalb muss die Stadt auf die Burg zugehen“, meinte Sehrt.

Hintergrund:
Wie soll sich die Kultur in Halle (Saale) in den kommenden Jahren entwickeln? Auf was wird Wert gelegt? Die Stadtverwaltung hat dazu im stillen Kämmerlein neue kulturpolitische Leitlinien aufgestellt. Ein Arbeitsgremium aus Stadträten, Kulturverantwortlichen aber auch Vertretern der Bürgerschaft setzt sich derzeit mit dem Entwurf auseinander. Die alten Leitlinien wurden 1991 von der damaligen Stadtverordnetenversammlung verabschiedet, eine Diskussion zur Erneuerung vor zehn Jahren blieb ohne Erfolg. Bis Ende des Jahres soll nun das neue, 15seitige Papier diskutiert werden. Vor allem vor dem Hintergrund der Strukturdiskussion in der Theater, Oper und Orchester GmbH Halle und sinkenden Fördermitteln darf man auf die Diskussion gespannt sein.

„Kultur ist für die Stadt Halle an der Saale eines der bedeutendsten Kennzeichen städtebürgerlicher Identität. Originalität im Vergleich zu anderen Städten ist augenscheinlich, die eigenen Stärken und ihre Unverwechselbarkeit sind evident. Unsere Kulturlandschaft bietet einen reichhaltigen Nährboden für schöpferisches und produktives Wirken, sie entfaltet ein Magnetfeld für kreative Köpfe“, heißt es in dem Entwurf.

Erster Punkt in den neuen Leitlinien ist die Musik. „Musik ist das überzeugendste und entwicklungsfähigste Merkmal der halleschen Kultur“, steht es geschrieben. Vorrangiges Ziel hallescher Kulturpolitik solle es auch weiterhin bleiben, die Händelfestspiele auf hohem internationalem Niveau anzubieten. Festgehalten wird weiterhin an einer Verkleinerung der Staatskapelle auf 99 Musiker.

Punkt zwei beschäftigt sich mit den Sprechtheatern und den freien Theatergruppen der Stadt und der Strukturdebatte. Vorzuhalten sei ein breit gefächertes Programm im Schauspiel, im Kinder- und Jugendbereich und im Puppentheater, ist zu lesen. „Dieses vielfältige Programmangebot ist auch zu gewährleisten, wenn weitere Strukturanpassungen erfolgen müssen und das Thalia Theater und das neue theater zu einem Sprechtheater zusammengeführt werden. … Nachhaltiger als in den vergangenen Jahrzehnten stellt sich für die Einrichtungen der Hochkultur die Frage, wie kann der Kulturbetrieb für die unterschiedlichen Gruppen der Gesellschaft stärker geöffnet und bei einem größeren Teil der Bevölkerung größere Relevanz gewinnen.“

Unter dem Titel „Halle liest“ beschäftigt sich Punkt drei mit den zahlreichen Bibliotheken und Leseaktionen in der Stadt. Die halleschen Museen, „das kulturelle Gedächtnis der Stadt“ finden sich in Punkt vier. Als „kreative Impulsgeberin“ wird die bildende Kunst in Punkt fünf bezeichnet. Die Kultur in den Stadtteilen mit Begegnungszentren und Zirkeln wird in Punkt 6 als „Voraussetzung für soziale Integration und gesellschaftliches Miteinander“ aufgeführt. In Punkt Sieben aufgeführt sind die vielen kleinen und größeren Veranstaltungen und Feste in der Stadt wie Händels Open, Salzfest oder die Lange Nacht der Wissenschaften. Und im letzten Punkt 8 findet sich der Bergzoo als „attraktive Kultur- und Bildungseinrichtung“ wieder.

Im Fazit des Entwurfs heißt es schließlich, „So unerlässlich es war und auch zukünftig bleiben wird, im Kulturbereich Strukturveränderungen vorzunehmen, so unentbehrlich ist es, dies zu tun mit dem Ziel, die kulturellen Entwicklungspotentiale der Kulturstadt Halle zu stärken. Kultur in der Stadt ist wesentlich mehr als Kultur von der Stadt. Das Flair und den Facettenreichtum der Kultur der Stadt Halle bestimmen auch Einrichtungen, die nicht explizit an der Kulturförderung der Stadt partizipieren, die jedoch durch das Vorhandensein guter Rahmenbedingungen deutliche Unterstützung erfahren.“

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