Ex-Kulturdezernent zeigt seine Sammlung im Stadtarchiv

12. September 2012 | Kultur | 1 Kommentar

Halles früherer Kulturdezernent Hans-Jochen Marquardt, heute bei der Leopoldina tätig, zeigt unter dem Titel „Reclams Kosmos. Zeugnisse eines universalen Programms (Zeitraum: 1828– 1945)“ eine Ausstellung mit Werken seiner Privatsammlung. Die Schau wird am 13. September 2012, um 17 Uhr eröffnet.

Am 10. November 1867 erschien „Faust. Eine Tragödie von Goethe. Erster Theil“ im Verlag Philipp Reclam jun. Leipzig als das erste Heft von „Reclams Universal-Bibliothek“, der ältesten noch existierenden deutschsprachigen Taschenbuchreihe, die längst auch zu einer Institution der deutschen Literaturgeschichte geworden ist. Der Verlag wurde 1828 als „Literarisches Museum“ gegründet; erst 1837 gab Anton Philipp Reclam (1807–1896) ihm seinen Namen. Nach 1945 gab es in Leipzig und in Stuttgart bzw. Ditzingen zwei Reclam-Verlage und zwei Taschenbuchreihen mit dem Namen „Reclams Universal-Bibliothek“. Nach Vollzug der deutschen Einheit wurde der Leipziger Reclam-Verlag an die Eigentümer rückübertragen. Im Jahr 2006 wurde er geschlossen. Seither erscheint „Reclams Universal-Bibliothek“ in Ditzingen.

In mehr als vier Jahrzehnten hat PD Dr. habil. Hans-Jochen Marquardt (Halle) seine umfangreiche Reclam-Sammlung aufgebaut. Die Ausstellung gibt einen Überblick über die Zeit von 1828 bis 1945 und konzentriert sich auf „Reclams Universal-Bibliothek“ und ihre weniger bekannten Varianten, Neben- und Unterreihen. Aber auch Vorläufer, Konkurrenz-Reihen und Nachahmer werden vorgestellt, außerdem Kataloge, Werbemittel, gebundene Ausgaben und einige Besonderheiten wie z. B. die „Tragbare Feldbücherei“ aus dem I. Weltkrieg, sogenannte „Tarnschriften“ (Antikriegsschriften, illegal getarnt im Reclam- Umschlag) oder die berühmten Automaten-Bücher. Auch einige Kuriositäten zeigt die Ausstellung, z. B. einen 1877 in kleinster Auflage erschienenen ‚ewigen‘ „Tisch-Kalender“ zum 70. Geburtstag des Verlagsgründers.

Überraschenderweise gibt es auch einige Bezüge von Reclam zu Halle, die in der Ausstellung gleichfalls thematisiert werden. So war z. B. eine der ersten Zeitschriften bei Reclam die seit 1842 von Friedrich Wilhelm Alexander Held (1813–1872) herausgegebene ultraliberale „Leipziger Locomotive“. Doch schon im Dezember 1843 wurde dem Blatt die Konzession entzogen, und Held ging nach Halle, wo er es im Selbstverlag herausgab, bis er auch hier ausgewiesen wurde. Reclams Erfolg rief 1886 gleich zwei (und später noch weitere) Konkurrenz- Unternehmen auf den Plan. Neben „Meyers Volksbüchern“ aus dem Bibliographischen Institut Leipzig und Wien (1698 Nummern bis 1915) begann Otto Hendel in Halle mit der „Bibliothek der Gesamt-Literatur des In- und Auslandes“, die es bis 1930 auf 2573 Nummern brachte. An einen Geschäftsfreund schrieb Hendel: „Reclam hat die längere Puste vor uns voraus.“ Ein Bruder des Verlagsgründers war Carl Heinrich Reclam (1821–1887), Professor der Medizin an der Leipziger Universität und seit 1859 Mitglied der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina (seit 2008 Nationale Akademie der Wissenschaften) in Halle. 1849 heiratete er die gefeierte Sopranistin Marie Sachse, die u. a. in vielen Gewandhaus- und Kirchenkonzerten mitwirkte, so auch in dem Benefizkonzert „Zum Besten des Halle’schen Händel-Denkmals“ am 22. Juni 1858 in der Thomaskirche zu Leipzig. Aus dem Plakat zu dieser Aufführung, das sich als Leihgabe in der Dauerausstellung des Händel-Hauses zu Halle befindet, geht hervor, dass „Frau Dr. Reclam“ zwei Händel-Arien gesungen hat. So werden auch durch Reclam die vielfältigen Beziehungen in der Kulturgeschichte von Leipzig und Halle sichtbar. Dies aufzuzeigen, ist ebenfalls eines der Anliegen dieser Ausstellung.

Die Ausstellung ist für die Öffentlichkeit ab dem 17. September bis zum 1. November während der Öffnungszeiten (Mo 10–15 Uhr, Di–Do 10–18 Uhr, Fr auf Anfrage) im Stadtarchiv zu besichtigen. Der Eintritt ist frei.

Weiterhin können sich am Mittwoch, den 10. Oktober 2012, um 17 Uhr, interessierte Bürger von Herrn Dr. Marquardt durch die Ausstellung führen lassen.

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