Assoziationsraum Wunderkammer: Zeitgenössische Künste zur Kunst- und Naturalienkammer der Franckeschen Stiftungen

22. April 2015 | Kultur | Keine Kommentare

Alte Blechdosen, Schraubverschlüsse, Muscheln, Kabel, Bilder, Videoinstallationen… In den Franckeschen Stiftungen eröffnet am 24. April die neue Ausstellung „Assoziationsraum Wunderkammer“ im Historischen Waisenhaus. Und die befasst sich als modernes Spiegelbild mit der historischen Kunst- und Naturalienkammer aus der Mitte des 18. Jahrhunderts.
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Es sei die bisher größte und internationale Ausstellung zur Naturalienkammer, sagte Stiftungsdirektor Thomas Müller-Bahlke. Burg-Rektor Dieter Hofmann zeigte sich glücklich, dass die Kooperation zwischen den Franckeschen Stiftungen und der Kunsthochschule möglich war.

Die einzige vollständig erhaltene barocke Wunderkammer im Dachgeschoss des Gebäudes erlaubt das Studium einer Welterfahrung, die mit der zunehmenden Spezialisierung der Wissenschaften seit dem 18. Jahrhundert verloren gegangen ist. 17 renommierte, international agierende Alumni der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle ließen sich von den Ordnungsprinzipien, Gedankenräumen und Bildern der Wunderkammern anregen. Am historischen Ort, direkt in der Wunderkammer der Franckeschen Stiftungen, und in den Ausstellungsräumen des Historischen Waisenhauses zeigen sie ihre in Auseinandersetzung mit international verorteten KünstlerInnen und GestalterInnen entstandenen Werke. Die Lust am Entdecken ferner Welten, die Spannung des Unerklärlichen der Vielfalt der Naturformen, die durch Neugierde angetriebene experimentelle Forschung sind dabei nur einige der Prinzipien, die sowohl die Ordnung der Wunderkammer als auch die aktuelle Ausstellung bestimmen. Wundersame und erstaunliche Gebilde werden zu sehen sein, Dinge und Filme, die Geschichten erzählen. Zusammen bilden sie den Denkraum einer multimedial orientierten und global vernetzten künstlerischen Produktion und schaffen zugleich einen assoziativen Raum voller Verweisgeflechte: eine heutige Wunderkammer. Im Rahmen aktueller kunst- und kulturwissenschaftlicher Diskurse zur Material- und Dinggeschichte sowie zur Bedeutung künstlerischer Forschung will dieses Ausstellungsprojekt einen pointierten Kommentar liefern.
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Der Ausstellungsparcours hat sein Zentrum im Studiolo I, einem Konzentrations- und Reflexionsraum. Fünf künstlerische Positionen stehen hier stellvertretend für Leitgedanken der Wunderkammer: für die Verknüpfung von Makro- und Mikrokosmos, das Sammeln und Systematisieren, das Enzyklopädische, die Wiederholung und Kumulation, für Ordnungen des Hyperimage und transkulturelle Denk- und Handlungsräume. Die Ordnung der Räume folgt den für historische Wunderkammern maßgeblichen Kategorien: Naturalia, Artificialia, Scientificia, Memorabilia und Realia. In diesen Räumen verbinden die KünstlerInnen das universale und enzyklopädische Modell der Wunderkammer mit ihren individuellen Geschichten, den Alltagsfundstücken und den verflochtenen Wegen der künstlerischen Recherche. Das assoziative Nebeneinander bringt die Ikonographie des Materials und die Sprache der Dinge zum Klingen. Die Ausstellung greift das nomadische Denken der Findenden auf, zeigt vertraute Stücke in neuen Konstellationen sowie wundersame und erstaunliche Gebilde. Erbauliches gesellt sich zu Kuriosem, Lehrreiches mündet in Visionärem. Den Ausstellungsparcours schließt das Studiolo II ab, ein Raum mit Schaukästen aus venezianischen Spiegeln, die das Sichtbare und Unsichtbare, die Realität und den Vorstellungsraum miteinander in Beziehung setzen.

Der Katalog
Zur Ausstellung erscheint ein umfangreicher Katalog mit einem spannenden Essayteil: Nike Bätzner, Professorin für Kunstgeschichte an der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle und Kuratorin verschiedener, international präsentierter Ausstellungen, legt die Verbindungen zwischen der Konzeption der Wunderkammern und der zeitgenössischen Kunstproduktion dar. Claus Veltmann, Kustos der Franckeschen Stiftungen, leitet mit einer Einordnung der Kunst- und Naturalienkammer August Hermann Franckes in die frühneuzeitliche Bildungstradition ein. Michael Glasmeier, Professor für Kunstwissenschaft an der Hochschule für Künste in Bremen, Kurator ausgezeichneter Ausstellungen und Buchautor, spiegelt die Faszination des Kuriosen seit der Frühen Neuzeit. Felix Thürlemann, bis vor kurzem Professor für Kunstwissenschaft an der Universität Konstanz, Autor zahlreicher einschlägiger Publikationen, stellt die Atelierbilder des 17. Jahrhunderts, welche ganze Sammlungen repräsentierten, in Relation zu heutigen Konzeptionen pluraler Bilder. James Delbourgo, Wissenschaftshistoriker mit Schwerpunkt Reisen und Sammeln in der Frühen Neuzeit, fragt nach Konzepten der Kolonialisierung innerhalb der transatlantischen Welt, wie sie in den frühneuzeitlichen Sammlungen sichtbar werden. Philine Helas, Kunstwissenschaftlerin an der Bibliotheca Hertziana in Rom, befasst sich mit dem mythischen und in jede Wunderkammer gehörenden Wesen des Einhorns. Robert Felfe, Professor für Kunstgeschichte an der Universität Hamburg, greift wie Helas das spannungsvolle Zusammentreffen von ausschmückender Legende und wissenschaftlicher Forschung in der Frühen Neuzeit auf, hier anhand der zu allen Sammlungen gehörenden Gesteine. Nadine Engel schließlich, Volontärin bei den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen in München, erkennt die Wiederaufnahme von Ordnungskriterien der Wunderkammern in den Ausstellungen der Surrealisten. Vom spielerischen Aspekt des Sammelns über das Auratische der Dinge bis zur Kulturtechnik der mythologischen Erzählung untersuchen die Essays Strukturen der Wunderkammern, wie sie heute wiederentdeckt werden.

Der zweite Teil des Katalogs dokumentiert umfangreich mit Text und Bild die künstlerischen Arbeiten und ihre Kontextualisierung.

Assoziationsraum Wunderkammer. Zeitgenössische Künste zur Kunst- und Naturalienkammer der Franckeschen Stiftungen zu Halle. Hg. v. Nike Bätzner. Eine Kooperationsausstellung der Franckeschen Stiftungen zu Halle und der BURG anlässlich des 100. Jubiläums der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle vom 24. April bis 16. August 2015 in den Franckeschen Stiftungen. Halle/Saale 2015 (Kataloge der Franckeschen Stiftungen 32).
248 S., 149 Abb., mit 32 Postkarten, 29,- €; ISBN 978-3-447-10388-6

LISTE DER TEILNEHMENDEN KÜNSTLER

STUDIOLO I
Pedro Flores Balbuena, gen. Ogwa (PRY)
Alighiero Boetti (ITA)
Anna Maria Maiolino (BRA)
Ulrike Grossarth (DEU)
Thomas Huber (CH)
Branislava Susnik (PRY)

KÜNSTLERTANDEMS
NATURALIA
Sophie Baumgärtner (DEU)
Naturaliensammlung
Pia Fischer (DEU)
Lars von Trier (DK)

ARTIFICIALIA
Wilhelm Frederking (DEU)
Xu Na, Yang Yanyu (CHN)
Silvia Weidenbach (DEU/GBR)
London Souvenirs

SCIENTIFICIA
Ginan Seidl (DEU)
Mario Brondo (MEX)
cominghomefunktion (DEU/CYP)
Burçak Konukman (TUR)

MEMORABILIA
Murat Haschu (RUS)
David Lynch (USA)
Nina Viktoria Naußed (DEU)
Charlotta Bellander (SWE)
Esther Suarez Ruiz (COL)
Floß von El Dorado (COL)
Nora Läkamp (DEU)
Reminiszenz Federico García Lorca (ES)

REALIA
Anne Baumann (DEU)
Sabina Shikhlinskaya (AZE)
Kristina Heinrichs (DEU)
Claudio Adami (ITA)
Palmblatthandschrift (IN)
Berlin Rhizom (CHN/DEU/TWN)

STUDIOLO II
Susanne Hopmann (DEU)
Georg Lisek (DEU)

INTERVENTIONEN IN DER KUNST-UND NATURALIENKAMMER DER FRANCKESCHEN STIFTUNGEN
Sophie Baumgärtner (DEU)
Ester Suárez Ruiz (COL)
Wilhelm Frederking (DEU)
Nina Viktoria Naußed (DEU)

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