„Adriana Lecouvreur“ an der Oper Halle

26. Januar 2016 | Kultur | Keine Kommentare

Große italienische Oper – eine große Liebe zwischen einer berühmten französischen Schauspielerin und einem sächsischen Grafen:

Copyright Theater, Oper und Orchester GmbH Halle / Fotos: Anna Kolata

Copyright Theater, Oper und Orchester GmbH Halle / Fotos: Anna Kolata

Die nur selten aufgeführte Oper „Adriana Lecouvreur“ von Francesco Cilea erlebt am 30. Januar 2016 ihre Premiere an der Oper Halle. Farbenreiche, sehr emotionale, aber auch feinsinnige Musik und eine packend erzählte Geschichte machen Cileas Hauptwerk zu einem bedeutenden und besonderen Bühnenstück unter den italienischen Opern um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert. Das Libretto von Arturo Colautti greift auf ein populäres französisches Schauspiel von Eugène Scribe und Ernest Legouvé aus dem Jahr 1849 zurück, das wiederum auf historischen Geschehnissen und Personen basiert. Die Hauptperson Adriana war eine gefeierte Schauspielerin an der Comédie-Française in Paris, die im Jahr 1730 verstarb – 37 Jahre jung. Es verbreitete sich rasch das Gerücht, die Fürstin von Bouillon habe Adriana vergiftet, denn die beiden Frauen waren Nebenbuhlerinnen um die Gunst Moritz’ von Sachsen, einem unehelichen Sohn Augusts des Starken. Trotz seiner Liebe zu Adriana wird dessen Handeln von seinen politischen Verpflichtungen und Interessen im Kurlandkonflikt bestimmt, wodurch er an die ihn unterstützende Fürstin gebunden ist. Obwohl es ein tragisches Ende für Adriana geben muss, hat die Oper auch Raum für gewitzte, buffoartige Szenen.

Für die Hauptrollen benötigt „Adriana Lecouvreur“ vier herausragende Sänger/innen. Die vier Charaktere sind menschlich sehr unterschiedlich und fordern auch den entsprechenden Darsteller. Diese Herausforderung nimmt die Oper Halle an – zwei der Hauptpersonen gehören zum eigenen Ensemble. Eine davon ist die Darstellerin der Titelrolle, die diesjährige Händel-Preisträgerin Kammersängerin Romelia Lichtenstein. Für die Regie konnte Dr. Ulrich Peters gewonnen werden, derzeitiger Generalintendant des Theaters Münster. Beide standen im Rahmen eines Projekts am musikwissenschaftlichen Institut der Martin-Luther-Universität, das die hallesche Produktion begleitet, für ein Gespräch zur Verfügung. Die Studierenden Stefanie Müller und Franz Jentsch trafen KS Romelia Lichtenstein und Ulrich Peters im Operncafé.

 

Die heute nur wenig bekannte Oper „Adriana Lecouvreur“ von Francesco Cilea war bei ihrer Uraufführung 1902 am Mailänder Teatro Lirico ein großer Erfolg. Hätte sie mehr Aufmerksamkeit im heutigen Opernbetrieb verdient, Herr Peters?

  1. Peters: Ja, finde ich schon. Cilea steht doch sehr stark im Schatten von Puccini. Man spielt heute Puccini rauf und runter – in Italien allerdings ist auch Cilea immer wieder im Repertoire und in Deutschland kommt er so ganz, ganz langsam an. Umso mehr eine Freude, dass das Theater Halle sich traut, diese Oper auf den Spielplan zu setzen!

Frau Lichtenstein, haben Sie die „Adriana“ schon einmal gesungen oder ist das Neuland für Sie?

  1. Lichtenstein: Absolutes Neuland. Ich habe noch nicht einmal eine Arie daraus gesungen, etwa im Konzert. Die Partie aber hab ich mir schon lange immer mal heimlich gewünscht und freue mich umso mehr, dass ich sie jetzt singen darf.

 

Wodurch zeichnet sich die Partie aus und was mögen Sie daran besonders?

  1. Lichtenstein: Es ist die Vielfalt, die diese Partie bietet und verlangt. Es gibt viele Momente in der Oper, die an Verdi, Puccini, aber auch an Wagner erinnern. Die sängerische Herausforderung besteht darin, die entsprechenden Stimmfarben zu finden. Und eine glaubwürdige Darstellung der Figur Adriana zu finden, ist auch nicht so ganz leicht.

 

  1. Peters: Eine Ergänzung noch: Es ist eine riesen Partie! Jenseits der ganzen individuellen Anforderungen ist das wirklich auch eine Herausforderung.

Hat Cilea gut für die Stimme und dankbar für den Sänger komponiert?

  1. Lichtenstein: Auf jeden Fall, ja. Cilea schreibt allerdings nicht ganz so organisch wie ein Puccini. Also man muss seine technischen Mittel schon absolut im Griff haben und genau wissen, was man tut. In bestimmten Passagen hilft die Orchesterbegleitung der Singstimme nicht wirklich. Aber es macht unglaublichen Spaß! Und weil die Musik so durch und durch emotional ist, wirft man sich da auch ganz rein.

In der Oper treffen verschiedene Welten aufeinander: die Welt des Theaters und die Welt des Adels, die Handlung im Jahr 1730 in einer Oper von 1902 – und auch die Liebe zwischen einer französischen Schauspielerin und einem sächsischen Grafen in einer italienischen Oper (U. Peters lächelt). Welchen Stellenwert haben diese Gegensätze für Sie bzw. in Ihrer Inszenierung, Herr Peters?

  1. Peters: Das wichtigste sind für mich die gesellschaftlichen Gegensätze. Das heißt, wir haben auf der einen Seite die Gruppe der Adligen: den Fürsten und die Fürstin von Boullion, auch Moritz von Sachsen; und wir haben auf der anderen Seite die Schauspieler, die einfache Bürger sind – und eigentlich können diese beiden Gruppen nicht zueinander kommen. Das ist gesellschaftlich nicht möglich. Heute ist das mitunter noch genauso, wie es damals war, und irgendein kleines Starlet kann nicht den Bundespräsidenten heiraten, respektive der Bundespräsident irgendein Starlet. Da die Oper musikalisch sehr im späten 19. Jh. angesiedelt ist, spielen wir sie auch wirklich in der Entstehungszeit und nicht in der Barockzeit, weil die Musik nun gar nichts Barockes hat. Das Thema an sich ist aber tatsächlich zeitlos.

Inwiefern ist der Stoff der Oper wirklich historisch und inwiefern gehen Librettist und Komponist einen eigenen Weg in der Deutung der Handlung?

  1. Peters: Die Figuren sind ja im Prinzip historisch verbürgt, die gibt es alle. Natürlich haben schon Scribe, der ja ursprünglich das Theaterstück geschrieben hat, dann aber auch der Komponist und der Librettist sich von den historischen Figuren weit entfernt. Sie hatten ganz spezielle Ideen. Scribe wollte erzählen, dass Moritz von Sachsen sich hinunterbeugt zu den Bürgerlichen und dass Adriana von einer Adligen vergiftet wird. Cilea selber geht ein bisschen näher an die historische Figur des Moritz ran. Er wird nicht ganz so positiv gezeichnet wie im Theaterstück und wird durchaus gezeigt als jemand, der viele Affären hat und sich zwischen der Liebe zu Adriana – zu der Bürgerlichen, zu der Schauspielerin – und seiner Karriere nicht entscheiden kann. Letztlich gewinnt aber die Karriere und er muss doch in seinen Adelskreisen bleiben.

Wie unterstützt Cileas ausdrucksstarke Musik den Verlauf der Handlung?

  1. Lichtenstein: Die Musik unterstützt ganz stark die Charaktere und Gemütszustände der Figuren. Ich finde die Musik sehr sinnlich. Zum Beispiel beginnt sie beim ersten Auftritt Adrianas ganz zart und steigert sich dann unglaublich bis in die großen Verzweiflungsausbrüche. Es gibt eigentlich alle Farben, die man braucht, um einen Charakter spannenden zu zeichnen. Eine ganz, ganz großartige Oper.

Adriana Lecouvreur war eine gefeierte Schauspielerin, die durch ihr natürliches Spiel beeindruckte. Stellt Ihnen die Opernrolle als Adriana auch besondere schauspielerische Herausforderungen?

  1. Lichtenstein: Es gibt im zweiten Teil der Oper einen Monolog, der über der Musik deklamiert werden soll. Das ist schon eine ungewohnte Herausforderung.

Sie spielen als Hauptdarstellerin wiederum eine Hauptdarstellerin auf der Bühne. Können Sie auch persönliche Parallelen zwischen sich selbst und Adriana ziehen oder sich zumindest in besonderem Maße mit dieser Rolle identifizieren?

  1. Lichtenstein: Auf jeden Fall ist es etwas Besonders. Als Tosca hatte ich einmal eine Sängerin zu verkörpern. Jetzt ist es eine Schauspielerin, die sogar in Ausübung ihres Berufes zu erleben ist. Natürlich suche ich da auch nach Parallelen zu Bühnenerlebnissen von mir. Fast alle meiner letzten Figuren sterben am Ende, keine bisher durch vergiftete Veilchen, auch insofern etwas Spezielles.

Wie aufwendig waren die Vorbereitungen für diese Oper für Sie, Herr Peters?

  1. Peters: Ich bereite eine Oper normalerweise in Etappen über ein Jahr lang vor. Es ist schön, wenn Ideen sacken und sich setzen können und man dann irgendwie nach drei, vier Wochen das Stück wieder hochholt und fragt: Was ist inzwischen passiert in mir, was gibt es für neue Bilder in meinem Kopf? Ich mach ja nicht nur das –im Hauptberuf bin ich ja Intendant – da ist es schön, wenn man ein Jahr Zeit hat für so etwas.

Wie geht es nach „Adriana“ weiter?

  1. Lichtenstein: Als Nächstes werde ich die Despina in Axel Köhlers Neuinszenierung von Mozarts „Così fan tutte“ im Goethe-Theater Bad Lauchstädt singen, Premiere ist im April 2016. Über andere Pläne kann ich noch nichts sagen, weil sie noch nicht ganz spruchreif sind.

Haben Sie, Herr Peters, weitere Pläne mit der Oper Halle?

  1. Peters: Das weiß ich noch nicht. Ich hab natürlich einen sehr vollen Terminkalender und die nächsten zwei Jahre würde bei mir sowieso gar nichts gehen. Da ich nebenbei noch ein bisschen Intendant bin, komme ich nicht so viel zum Inszenieren: ein bis zweimal im Jahr, und da bin ich erfreulicherweise so ausgebucht, dass ich mehr absagen muss, als ich annehmen kann. Wir werden sehen – ich mag Halle sehr gern. Ich finde, es ist eine wunderbare Stadt und ein feines Ensemble!

 

Termine:

Premiere Samstag, 30. Januar 2016, 19.30 Uhr, Oper – Großer Saal

Freitag, 19. Februar 2016, 19.30 Uhr, Oper – Großer Saal

Sonntag, 28. Februar 2016, 15 Uhr, Oper – Großer Saal

Mittwoch, 02. März 2016, 19.30 Uhr, Oper – Großer Saal

Samstag, 05. März 2016, 19.30 Uhr, Oper – Großer Saal

Montag, 21.März 2016, 19.30 Uhr, Gastspiel im Graf-Zeppelin-Haus in Friedrichshafen (Bodensee)

 

Karten ab 10 € für Schüler, Studenten, Auszubildende und Halle-Pass-Inhaber

 

Weiterführende Informationen:

http://buehnen-halle.de/adriana_lecouvreur

http://buehnen-halle.de/ks_romelia_lichtenstein

http://buehnen-halle.de/ulrich_peters

http://www.musikwiss.uni-halle.de/

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