Dölauer Heide: Keine Chance für Wölfe

12. April 2017 | Glosse | 3 Kommentare

Sachsen-Anhalt, einst das Land der Frühaufsteher, droht zu verwildern: Viel schneller als gedacht dringt der große böse Wolf gerade hier ein und wird in nicht allzu ferner Zeit rudelweise die Flur zwischen Fläming und Harz durchstreifen auf der verzweifelten Suche nach ein paar übrig gebliebenen Schafen. Auch in den halleschen Stadtwald – falls es den dann überhaupt noch gibt und er nicht längst abgeholzt worden ist – wird er reinschnuppern. Hat er doch gehört vom Konzept zur „Wiederaufforstung der Dölauer Heide“, das die Stadt damals, im Jahr 2017, begonnen hatte. Schöne altdeutsche Eichen, wie der gute alte Bösewicht sie von jeher liebt, waren da vorgesehen. Vor allem aber auch extra für Großmütterchen angelegte Routen, so genannte  „Seniorenwanderwege“ mit vielen Bänken, auf denen sie sich, erschöpft von den Gebrechen des Alters, ausruhen könnten.  Da wittert der böse, aber auch schlaue Wolf natürlich seine Chance: Hinterrücks kann er sich heranschleichen und braucht nur noch zuzuschnappen, ohne zuvor umständlich Enkelkinder über den Wohnort ihrer Oma aushorchen zu müssen.

Wolfswelpen

Aber was muss er dann erleben, wenn er in jener nicht allzu fernen Zeit die Dölauer Heide hungrig, aber hoffnungsvoll betritt? Alle von der Stadt aufgestellten Bänke sind leer! Statt im Schatten der neugepflanzten Eichbäume friedlich vor sich hinzudämmern, wirbeln die Seniorinnen (nur vereinzelt gibt es auch männliche Exemplare) im federnden Nordic –Walking-Schritt zügig an den aufgestellten Ruhebänken vorbei. Die Stadtverantwortlichen hatten (vielleicht weil sie selbst seit Jahren keinen Fuß mehr in ihren Wald gesetzt hatten) gar nicht mitbekommen, dass die Großmütter schon seit der Jahrtausendwende  die Heide auch ohne Seniorenwege bevölkern, nicht um sich auszuruhen, sondern im Gegenteil: um sich fit zu halten. Dabei tragen manche sogar kleidsame rote Basecapchen, die dem Wolf irgendwie vertraut vorkommen. Doch dass die fitten Alten, nicht selten ebenfalls in kleinen Rudeln, fröhlich und unerschrocken die Heide durchstreifen, noch dazu in beiden Händen Stöcke schwenken, macht unserm guten alten, aber eben auch scheuen Untier Angst.  Erschöpft wird es sich kurz auf einer der teuren, aber vergeblich aufgestellten Bänke niederlassen, um zu heulen. Und dann hungrig weiterziehen, Richtung Westen.

Eva Scherf

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