Protest gegen Kürzungspläne der Uni Halle

10. Oktober 2012 | Bildung und Wissenschaft | Keine Kommentare

Begleitet von Protesten durch Gewerkschaften und Studentenverbänden hat am Mittwoch in der Burse zur Tulpe die Senatssitzung der Martin-Luther-Universität begonnen, auf der ein Kürzungspaket beschlossen werden soll.

Weil ein Loch von 6,5 Mio Euro im Haushalt klafft, sollen bis zu 100 Mitarbeitestellen eingespart werden. In diesem Zusammenhang ist auch der Wegfall von 25 Professuren vorgesehen. Studenten befürchten eine Verschlechterung von Forschung und Lehre. Der Personalrat der Uni sieht sogar 170 Stellen in Gefahr.

Halles Uni-Rektor Udo Sträter sagte zur Einleitung über die Notwendigkeit des Strukturanpassungskonzepts: „Dieses Defizit nimmt eine beängstigende Größe an und behindert die Universität massiv“, so Sträter. Dank zusätzlicher Mittel aus dem Hochschulpakt sei es bislang nicht zur Katastrophe gekommen. „Wir brauchen jetzt eine Anpassung der Strukturen an unsere Finanzlage“, machte der Unirektor deutlich. Die Uni müsse sich aus der Defizitfalle befreien, um wieder eine Profilbildung betreiben zu können.

Möglich seien Einsparungen laut Sträter nur, freiwerdende Stellen nicht wieder zu besetzen. Dabei sollen aber die Strukturen nicht nachhaltig geschädigt werden. Bis zum Jahr 2020 gebe es einen gewissen Spielraum, machte der Rektor deutlich. 107 Professuren werden in diesem Zeitraum frei. Bei jenen müsse entschieden werden, ob sie wiederbesetzt werden müssen oder gestrichen werden. Im Jahr 2014 werden laut Sträter neun Professuren frei. Durch die Nichtbesetzung von 100 Professoren- und Mitarbeiterstellen lasse sich die enorme Summe nur umsetzen. Ohne einen Abschluss der Profildiskussion sei das nicht möglich. Sträter sagte, die Forschung solle nicht geschädigt werden. Auch die große Fächervielfalt wolle man erhalten. Auch vor dem Abschluss der Diskussion mit dem Wissenschaftsrat sei die Umsetzung des kompletten Sparpakets nicht möglich, andernfalls würde das Konzept die Profildiskussion unmöglich machen. Bis 2019 solle etwa die Hälfte des Sparpakets realisiert werden. Sollte es zu diesem Beschluss kommen, könnte es ab der kommenden Woche auch wieder Ausschreibungen für Professuren geben.

Das Kuratorium der Uni erklärte, man sehe es als außerordentlich bedauerlich an, dass sich der Senat noch vor Abschluss der Profilbildung mit der Kürzung befassen muss. Andernfalls sei das Defizit enorm, weshalb es abgebaut werden müsse, ohne dass die Uni ihr Profil verliere, so die Kuratoriumsvorsitzende Jutta Schnitzer-Ungefug, zugleich Generalsekretärin der Leopoldina. Es sei wichtig einen Plan zu haben und vorbereitet zu sein. „Es wird eine kritische Diskussion sei, wie es mit der Hochschullandschaft in Sachsen-Anhalt weitergeht“, sagte die Kuratoriumsvorsitzende.

Nun melden sich die studentischen Senatoren zu Wort. Herr Schmidt kritisiert, dass Studierende nur unzureichend einbezogen worden sind. Es habe nur Gespräche mit den Dekanen im Hinterzimmer gegeben, was Sträter mit den Worten „mein Büro ist kein Hinterzimmer“, konterte. Das Konzept sei zu unkonkret. Kritik wurde auch an der Politik geübt, die nach Meinung Schmidts die Probleme an der Uni nicht sieht. Befürchtet wird insbesondere ein enormer Qualitätsverlust und gar Wegfall bei den kleinen Fächern. Gefordert wird für das kommende Jahr eine Profildiskussion. Das Konzept lehne man ganz klar ab, was mit lang anhaltendem Applaus quittiert wurde.

Berthold Marquardt ging darauf ein, dass die Uni bereits seit Jahren mit einem Personalabbau zu kämpfen habe. Die Uni sei nur von einem Problem ins nächste hineingerutscht. Für ihn sei nicht überzeugend dargestellt, wie das Defizit von 6,5 Millionen Euro zustande kommt. „Es gibt keine belastbaren Prognosen.“

Eine weitere Wortmeldung: wenn es nicht beschlossen wird, haben weder Land noch Uni einen Schaden. Daneben sei das Kürzungspapier unausgewogen. Hauptsächlich an der Basis solle gekürzt werden, weshalb es nicht akzeptabel sei. Auch hier großer Applaus.

Ebenfalls gegen die Vorlage ist eine Senatorin. Sie kritisiert, immer wieder werde gebetsmühlenartig von notwendigen Kürzungen geredet. Die Uni solle eher nach Außen auftreten und sagen, sie sei unterfinanziert. Das sei für die im kommenden Jahr anstehen Verhandlungen um die Mittel aus dem Landeshaushalt nötig.

Kanzler Martin Hecht sagte, das Defizit sei durch Mehrausgaben und die Inflation zurückzuführen. Im Rahmen der Verhandlungen um die Zielvereinbarungen habe man im vergangenen Jahr bereits probiert, das Defizit abzusenken.

Sebastian Lüdecke sagte, in vielen Bereichen sei die Uni bereits jetzt unterbesetzt. Sollte jetzt eine weitere Kürzung beschlossen werden, verschärfe sich die Situation. „Ich halte das für ein fatales Signal, jetzt an der Stelle über Kürzungen zu reden.“ Wenn eine Kürzung politisch gewollt sei, sollten das Finanzminister Bullerjahn und Wissenschaftsministerin Wolff so vor dem Senat persönlich vertreten. Derzeit könne er nicht abschätzen, welche Schaden das Kürzungspaket anrichte.

Ein Professor sagte ebenfalls, dass Papier greife schon zu sehr in die Strukturdiskussion ein. Er könne die Proteste gegen Kürzungen verstehen. Doch in seiner Brust würden zwei Herzen schlagen. Denn ab 2020 – nach Auslaufen des Solidarpakts – drohen dem Land weitere Kürzungen und damit auch den Unis. Eine wichtige Aufgabe komme auch der Politik zu.

„Warum müssen wir das alles schnell schnell machen“, fragte ein Studentenvertreter. „Wir wollen einbezogen werden und genügend Zeit dafür haben.“ Berthold Marquardt mutmaßte, das sich schon noch irgendwann die Dekane an die Spitze der Protestbewegung setzen werden – wenn ihre eigenen Bereiche betroffen sind.

Den Glauben an die Politik habe er verloren, sagte der Senator und frühere Uni-Rektor Wilfried Greksch. „Sind sie in der Opposition, sind sie für uns. Sind sie in der Regierung, sind sie gegen uns.“ Er mahnte an, eine wirkliche Diskussion könne erst nach Vorliegen der Empfehlungen des Wissenschaftsrates in Gang gesetzt werden. Dies bedeute aber nicht, dass man die Hände in den Schoß legen könne. Greksch kritisierte daneben, dass die Uni jede Modeerscheinung mitmache. Beispielhaft nannte er die Stiftungsprofessuren im Solarzellenbereich. Heute seien die Firmen pleite und die Uni habe die Probleme. Greksch sprach sich für mehr Grundlagenforschung aus.

Wir begleiten an dieser Stelle den weiteren Verlauf der Sitzung:

Print Friendly, PDF & Email
No Comments

Kommentar schreiben