Emilie Dorsteen, ein blondes niedersächsisches Kaltblut, war eine erfolgreiche Geschäftsfrau knapp unter vierzig, die sich nur vor eine Sache fürchtete: Die Einsamkeit in der Weihnachtszeit. Das konnte ihr Unlust bis hin zu Magenschmerzen verursachen. Die Zeit vor den Festtagen war gut zu ertragen, da gab es Konzerte, Weihnachtsfeiern, Treffen mit Freundinnen am bevorzugten Glühweinstand in der Innenstadt. Auch Zusammenkünfte mit karitativen Organisationen, die es natürlich „bringen mussten“, vertrieben ihr die Zeit. Früher hatte sie den Heiligen Abend auch gerne mit Freundinnen oder einem wechselnden Partner verbracht. Aber die Damen rund um sie hatten nun alle Familie, eine eigene Familie gab es nicht mehr und der letzte feste Partner hatte sich schon vor über einem Jahr verabschiedet. Sie war die letzte Dorsteen und sie würde Weihnachten alleine sein, so schaute es aus. Daran konnte sie nichts ändern. Oder doch?
Denn in den letzten
Novembertagen war ihr dieser Gutschein einer
Online-Partnervermittlung in die Hände gefallen. „Seien Sie
Weihnachten nicht alleine, verbringen Sie Ihre Wunschweihnacht mit
einem passenden Partner in einem Romantik-Hotel in Ihrer Nähe.“ Der
Rabatt dieser nicht ganz kostenfreien Aktion betrug 200 Euro.
Emilie rechnete den Rest schnell durch. Dieser kleine
Wochenendausflug würde sie nicht mehr als sonst auch kosten, wenn
man Service wie Weihnachtsmenü usw. berücksichtigte. Der Partner
bezahlte seinen Teil selbst, sehr lobenswert, sie hasste es, wenn
sie jemanden aushalten musste, und dazu kam noch der Rabatt. Bei
bester Laune, der zweite oder dritte Glühwein vom Stand tat sein
Übriges, schlug sie zu und orderte sich einen Mann zu Weihnachten.
Oder einen Weihnachtsmann?, überlegte sie. Was würde sie anziehen?
Für sie wichtige Fragen wie diese gingen ihr durch den Kopf. Die
Bestellbestätigung erfolgte als E-Mail am nächsten Tag. Die
ausführlichen Unterlagen würden ihr mit der Post zugehen. Der
passende Mann war die Weihnachtsüberraschung. Herrlich, dachte
Emilie, das war doch mal etwas, worauf man sich zu Weihnachten
freuen konnte.
Schon Mitte Dezember herrschte Unordnung und Chaos im Bereich des Service der auf dem Markt tätigen Lieferfirmen. Das bekam auch Emilie in ihrem Geschäft zu spüren. Da sie aber bereits zeitig Vorsorge geleistet hatte, betraf sie es hauptsächlich privat. Ihre neue Lieblings-CD landete in der Apotheke, das Bücherpaket für die Busenfreundin im Reisebüro und, und, und… Meistens gab es noch nicht einmal eine Benachrichtigung. Das war alles sehr ärgerlich! Geschenke für Mitarbeiterinnen und Freundinnen ging sie also hauptsächlich auf herkömmliche Weise kaufen. Am 20. Dezember fiel es ihr endlich auf, sie fragte sich, wo blieb denn jetzt eigentlich ihr Weihnachts-Mann, bzw. die Unterlagen? Die hätten doch längst kommen müssen.
Emilie schrieb also an diesen Anbieter für Weihnachtsmänner und
beschwerte sich. Es kam die Nachricht zurück, dass die Aktion sehr
erfolgreich gewesen war und auch ihre Unterlagen mit einem
großformatigen Foto ihres „Mannes für eine schöne Weihnacht“ längst
ausgeliefert worden wären. Der Lieferfahrer hätte die Unterlagen
dort und dort abgegeben. Emilie hatte natürlich keine
Benachrichtigung erhalten. Sie überprüfte die Adresse, es war nicht
die Apotheke und nicht das Reisebüro, sondern ein unscheinbares
Haus in derselben Straße, der Albrechtsgasse, nicht weit von ihrem
Geschäft. Sie war doch zu der Zeit dagewesen. Sie schäumte vor Wut,
aber es half nichts. In der Mittagspause ging sie dort vorbei, es
war die Nr. 40 und der Name der Person, die das Paket angenommen
hatte, lautete Pfeiffer. Pfeiffer mit drei „f“., wie in diesem
alten Film. Emilie fühlte sich schon fast veralbert.
In der Albrechtsgasse Nr. 40 wohnte ein altes Ehepaar, das
Schneider hieß, ein sehr elegantes türkisches Ehepaar mit
unaussprechlichen Namen, und ein junger Rechtsanwalt, der vor
kurzem im Untergeschoss seine Kanzlei aufgemacht hatte. Wenn er
nicht bald in der Stadt Protektion erhielt, wurde das wohl nichts.
Aber niemand in dem Haus hieß Pfeiffer. Jemand hatte Emilie
Dorsteen den Weihnachtsmann gestohlen. Das war unerhört und durfte
überhaupt nicht sein!
Am Abend im Geschäft ging sie
also nicht Glühweintrinken, sondern schrieb eine harsche E-Mail und
bot um erneute Zusendung der Unterlagen, diesmal aber an die
richtige Adresse.
„Wir bedauern sehr“, kam die Antwort am nächsten Morgen, „Aber
ihrem Wunsch kann nicht entsprochen werden. Wir haben inzwischen
eine Verfolgungsanfrage bez. der verschwundenen Sendung gestellt,
hoffen das diese Ihnen noch vor Weihnachten zugeht, damit Sie ein
schönes Weihnachtsfest mit Ihrem neuen Partner verbringen
können.“
„Sehr witzig“, befand Emilie. Inzwischen schrieb ihr Kalender den
22. Dezember.
„Um welches Hotel handelt es sich denn?“, versuchte sie
herauszufinden.
„Darüber können wir Ihnen leider keine Auskunft geben“, kam zurück.
Danach konnte sie schreiben, was sie wollte, keine Antwort wurde
mehr gegeben. Diese Weihnacht wurde wohl sehr einsam für Frau
Dorsteen. Was würde wohl ihr Weihnachtsmann sagen?
Inzwischen schrieben wir den 23. Dezember. Frau Peiper in der
Adalbertstraße 40, einer Randstraße der Innenstadt, auch diese
nicht weit vom Geschäft von Frau Dorsteen entfernt, versuchte
herauszufinden, wer denn nun eigentlich diese komische Sendung
bekam. Sicher wurde zu Weihnachten darauf gewartet. Obwohl nach dem
Format eigentlich nur ein Katalog darin sein konnte.
„Das ist dies Jahr anscheinend der große Hit“, hatte die Fahrerin
gesagt, „Hier sicher für Ihre Nachbarin.“
Die Adresse war jetzt unleserlich. Für welche Nachbarin? Es stand
nur noch „Emilie“ darauf. Zu allem Unglück schickte die
Partnervermittlung Rechnungen und Unterlagen auf getrennten Wegen.
Zur Firmenphilosophie gehörte es, in den Unterlagen die Klienten
nur noch mit dem Vornamen anzureden. Eigentlich eine witzige Idee,
befand Emiliana Peiper, als sie sich das Hotel in den Unterlagen
und das Bild mit dem Partner in Spe betrachtete. Sie hatte kein
schlechtes Gewissen, als sie den Gedanken fasste, einen
Weihnachtsmann zu stehlen. Noch am selben Tag brachte sie ihren
15-jährigen Sohn bei den Großeltern unter, fuhr am Morgen des 24.
Dezembers zum Romantik-Hotel in die Berge und stieß am Abend zu
Weihnachten mit Ihrem Weihnachtsmann an. Es war ein junger
Rechtsanwalt und wohnte seltsamerweise in der Albrechtsgasse, nicht
weit von Adalbertstraße entfernt. Was es für Zufälle gibt! Und wer
weiß, welche Schreckschraube sich sonst dieses Zuckerstückchen
unter den Nagel gerissen hätte! Angestoßen auf eine wunderschöne
weihnachtliche Zeit also ihr beiden Hübschen!
Emilie Dorsteen fuhr in kein
Hotel, sondern schloss am 24. Dezember ihr Geschäft und ging in
ihre Wohnung. Sie hatte noch nicht einmal einen Weihnachtsbaum
gekauft. Vielleicht sollte sie einfach mal ausschlafen! Als sie
bereits geduscht hatte und im Bademantel noch etwas Kurzes essen
wollte, klingelte es an der Tür. Sie öffnete. Im Hausflur stand ein
Weihnachtsmann, der ihr ein kleines Päckchen in die Hand drückte
und sich mit „Fröhliche Weihnachten“ verabschiedete. Wer schenkte
ihr denn jetzt noch etwas? Obwohl, es war Weihnachten!
„Warum bleiben Sie nicht, Weihnachtsmann?“, rief Emilie Dorsteen in
ihrer Verzweiflung hinterher. Das war wahrscheinlich der letzte
Weihnachtsmann, den sie jemals ergattern konnte!
„Das klingt verlockend, aber ich muss erst einmal meine Runde zu
Ende machen.“, sagte er mit tiefer Stimme, „Aber ich vergesse es
nicht, also, bis später!“
Das war der Apotheker, ganz sicher, dachte Emilie. So behaarte
Bärtypen findet man gerade zu Weihnachten gut, er hatte sichtlich
Spaß am Heiligen Abend den Weihnachtsmann zu spielen. Statt dem
üblichen roten Anzug erschien er in einem eleganten Tiefblau. Das
stand ihm wirklich gut. Nein, korrigierte sich Emilie, es stand ihm
phantastisch. Er war der schönste Weihnachtsmann, den sie je
gesehen hatte.
„Ich warte!“, rief sie hinterher, aber
er stand schon vor dem Nachbarhaus. Mit einem „Hohoho“, klingelte
er.
Im Päckchen war, als sie es öffnete, ein sehr geschmackvoller
Silberring aus einer Designergalerie, wie sie bemerkte. Emilie
begann, sich wieder anzukleiden. Sie zog das Kleid an, dass sie
eigentlich für den Hotelabend gedacht hatte. Dann stellte sie roten
Weihnachtssekt in den Kühlschrank und begann ein kleines Essen für
zwei vorzubereiten. Nach dem kleinen Päckchen war sie sich sicher,
es würde sich heute lohnen, noch mal auf den Weihnachtsmann zu
warten. Und statt einem Ersatzweihnachtsmann bekam sie das Original
sogar nach Hause geliefert. Vielleicht wurde es sogar Zeit für ein
Christkind. Sie legte „Fröhliche Nacht“ in den CD-Spieler ein. Das
„Hohoho“ könnte heute Nacht ruhig etwas länger dauern…
Paula Poppinga
One comment on “Weihnachtsmann falsch geliefert”
Das kommt davon, wenn man die Postzusteller nicht ordentlich bezahlt, oder? Kann ja im Weihnachts-Post-Chaos mal passieren…