Matthias Brenner hat ein Stück in Szene gesetzt, das an die
großen antiken Tragödien erinnert. Es beginnt mit der wunderbaren
Musik von Vahid Shahidifar und Radwan Alhalak, die dem ganzen Abend
eine zauberhafte orientalische Atmosphäre verleihen, und ist eine
berührende Liebesgeschichte, eingebettet in die brutalen
politischen und militärischen Auseinandersetzungen im nahen
Osten.
Wahida (Cynthia Erhardt) und Eitan (Nils Andre Brünning) begegnen
sich in New York. Er ist Jude, sie Araberin: „Wir haben nichts
gewollt und alles wurde uns geschenkt.“ – Eine große, starke
Liebe.
Wenn da nicht seine jüdische Familie wäre. Allen voran Eitans Vater
David (Harald Höbinger) kann keine Araberin akzeptieren. Ich habe
nichts gegen Araber, aber… Man kennt diesen Halbsatz und seine
Folgen.
Auf der Bühne von Nicolaus-Johannes Heyse zwei riesige bewegliche
Rollen, erinnernd an Beton, an Mauer, an Mühlsteine die alles
zermalen. In ihnen aber rechteckige bespielbare Durchbrüche – die
Orte der Begegnung, des Leids und der Hoffnung.
Die jüdische Familie ist alles andere als harmonisch, trotz des
gemeinsamen Glaubens. Eitans Mutter Norah (Bettina Schneider) ist
Kopfdoktor und gerade mit einem Maler beschäftigt, der mit seinem
Sperma großformatige Bilder sehr erfolgreich in die Welt setzt. Und
da sind die Großeltern, Etgar (Wolfgang Engel) und Leah (Elke
Richter). Er hat das KZ überlebt und will das Familiengeheimnis
nicht länger hüten: „Es gibt nicht nur eine Wahrheit und das ist
die Wahrheit.“ Engel spielt das mit einer rührenden Kindlichkeit.
Und Leah hat sich vor langer Zeit von Mann und Sohn getrennt und
hat doch die Liebe im Herzen – Richters Realismus in dieser Rolle
ist umwerfend.
Und dann ist da noch eine israelische Soldatin, Eden, gespielt von
Nora Schulte – im Zwiespalt zwischen ihrer Pflicht und dem Traum
von einem friedlichen Zusammenleben: „Alles liegt doch in unserer
Hand.“
Der Theaterabend ist mehrsprachig: deutsch, englisch, arabisch und
hebräisch. Auch das macht den Zauber aus. Man muß die Sprachen
nicht beherrschen und versteht nonverbal doch jedes Wort.
Brenner hat das sprachlich und kompositorisch wirklich
herausragende Stück mit einer großen Schlichtheit inszeniert. Er
vertraut dem Können der Schauspieler zerrissene und
widersprüchliche Figuren zu spielen. Wajdi Mouawads Text bietet
dafür alle Möglichkeiten. Der Autor wurde übrigens im Libanon
geboren, wuchs in Frankreich auf, emigrierte nach Kanada und
arbeitet jetzt wieder in Paris.
Das Ende ist ähnlich dem in Lessings NATHAN. Nichts ist, wie es
scheint. Der Glaube, welcher das auch immer aus guten Gründen sein
mag, baut Mauern zwischen die Menschen. Wir sind alle, egal welcher
Religion, Hautfarbe, Ethnie als Freie und Gleiche geboren. Das war
auch eine Erkenntnis der europäischen Aufklärung, auf die wir so
stolz sind.
Einen Theaterabend, der das so emotional, wunderbar gespielt und
überzeugend vermittelt, sollte sich niemand entgehen lassen, dessen
Humanität noch nicht völlig verschüttet ist.
Die nächsten Vorstellungen:
Samstag, 29. Februar 2020, 19.30 Uhr
Samstag, 07. März 2020, 19.30 Uhr
Theatertage für Schulen Freitag, 20. März 2020, 19.30 Uhr
Sonntag, 22. März 2020, 15 Uhr
Sonntag, 05. April 2020, 18 Uhr
Karten unter: https://buehnen-halle.de/voegel