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tagsüber bin ich woanders (hier bin ich nur nachts) – eine Rezension

Mit der Ausstellung „tagsüber bin ich woanders (hier bin ich nur nachts) – Wohnungslosigkeit und unsicheres Wohnen in Halle“ widmet sich eine breit angelegte Kooperation einem Thema, das im Stadtbild präsent ist und doch häufig im Hintergrund bleibt. Initiiert von der Evangelische Stadtmission Halle e. V., in Zusammenarbeit mit dem Studiengang Kommunikationsdesign/Fotografie der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle sowie dem Stadtmuseum Halle, ist ein vielseitiges Ausstellungsprojekt entstanden, das den öffentlichen Blick auf Wohnungslosigkeit bewusst hinterfragt.

Ein Thema, das die ganze Stadt betrifft

Wohnungslosigkeit wird in der Ausstellung nicht als individuelles Scheitern dargestellt, sondern als gesellschaftliche Herausforderung. Der Verlust einer Wohnung bedeutet weit mehr als fehlende vier Wände. Betroffene müssen sich von Institutionen abhängig machen, persönliche Lebensumstände offenlegen und oft Ausgrenzung erfahren.

Die Ausstellung setzt hier an und verschiebt die Perspektive. Statt nach individueller Schuld zu fragen, fokussiert sie sich auf strukturelle Probleme und betont Wohnen als grundlegendes menschliches Bedürfnis – eines, das alle betrifft.

Vielstimmige Formate

Besonders eindrucksvoll ist die Vielfalt der Ausdrucksformen. Fotografien, Interviews, Zeichnungen, Texte und dokumentarische Recherchen verbinden sich. Die Arbeiten entstanden zwischen Oktober 2025 und Januar 2026 im direkten Austausch mit Betroffenen sowie mit Mitarbeitenden sozialer Einrichtungen, unter anderem in der Sozialberatung, der Wärmestube, im Haus der Wohnhilfe oder im SCHIRM-Projekt.

Diese unmittelbare Zusammenarbeit verleiht der Ausstellung eine besondere Authentizität. Menschen, die sonst häufig nur als statistische Zahlen wahrgenommen werden, treten hier als Individuen in Erscheinung: als Gesprächspartner*innen, als Beobachter*innen, als Kreative und als Teil Halles.

Ein Blick auf Hilfestrukturen in Halle

Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der Darstellung des Systems der Wohnungslosenhilfe. Die Ausstellung erläutert die Zuständigkeiten von Kommune, Land und Bund sowie die konkreten Unterstützungsangebote in Halle, von Notunterkünften über Beratungsstellen bis hin zu neueren Ansätzen wie Trainingswohnen und Housing First.

Dabei werden auch die Herausforderungen deutlich: schwierige Antragsverfahren, umfangreiche Nachweispflichten oder begrenzte Öffnungszeiten können für Betroffene erhebliche Hürden darstellen. Gleichzeitig wird das Engagement der Sozialarbeiter*innen sichtbar, die unter begrenzten personellen Ressourcen einen stetig wachsenden Unterstützungsbedarf bewältigen.

Historische Eindrücke und aktuelle Lücken

Das Stadtmuseum erweitert den Blick um eine historische Perspektive. Bereits im 19. Jahrhundert gab es in Halle Anzeigen für „Schlafstellen“, bei denen Betten stundenweise vermietet wurden, ein Hinweis auf prekäre Wohnverhältnisse in Zeiten der Industrialisierung.

Gleichzeitig thematisiert die Ausstellung die „Lücken“ in heutigen Sammlungen. Wohnungslosigkeit hinterlässt selten materielle Spuren, die traditionell gesammelt werden. Dadurch entsteht im kulturellen Gedächtnis der Stadt eine Unsichtbarkeit, die das Projekt bewusst durchbricht.

Eine Ausstellung, die zum Dialog einlädt

„tagsüber bin ich woanders (hier bin ich nur nachts)“ überzeugt durch ihre sachliche und zugleich zugewandte Herangehensweise. Ohne zu dramatisieren, macht sie strukturelle Probleme sichtbar und schafft Raum für differenzierte Auseinandersetzung.

Für Halle ist diese Ausstellung mehr als eine Momentaufnahme. Sie ist ein Beitrag zum lokalen Diskurs über Wohnen, soziale Teilhabe und gesellschaftliche Verantwortung. Wer sich ein umfassenderes Bild von Wohnungslosigkeit in unserer Stadt machen möchte, findet hier eine fundierte und facettenreiche Annäherung, und zahlreiche Impulse zum Weiterdenken.

Eine Rezension von E. A.

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