Wir Menschen applaudieren bei allen erdenklichen Anlässen. Warum
drücken wir so und nicht anders – z.B. durch Schreien – unsere
Zustimmung und unser Gefallen aus? Ist das ein angeborenes oder
anerzogenes Verhalten? Schon Kleinkinder erlernen das Klatschen,
weltweit. Vom Lachen wissen wir, dass es ein typisches, dem
Menschen eigenes Verhalten ist. Wie verhält es sich mit dem
Applaudieren? Allein klatschen ist komisch. In Gemeinschaft mit
anderen ist es aber ein Mittel, gemeinsam Freude und Zustimmung
auszudrücken. Tanz und Gesang werden angeregt und synchronisiert.
Das ist in fast allen Kulturen so verankert. Ob unsere
prähistorischen Vorfahren, auch schon Freude und Erfolge durch
Klatschen ausdrückten, wissen wir nicht. Aber die Handabdrücke bei
prähistorischen Höhlenmalereien lassen vermuten, dass Hände ein
wichtiges Ausdrucksmittel waren. Bei den alten Griechen und Römern
hieß es nach den Theateraufführungen aber bereits: „Bleibt gesund!
Und bitte Klatschen, wenn es euch gefallen hat.“ Seitdem gehört
Applaudieren zum guten Ton bei einem Konzert, bei einem
Theaterbesuch, einem Vortrag oder Kindergeburtstag. Eine
bemerkenswerte Ausnahme bilden klassische Konzerte. Klatschen ist
unerwünscht. Während es zu Mozarts Zeiten noch üblich war,
mittendrin zu klatschen, wurden Beifallskundgebungen seit den
Kompositionen der Romantiker mit einem Tabu belegt. Man meinte,
dass ordinäres Klatschen die Erhabenheit, Sinnlichkeit und
Tiefenwirkung der Musik störe. Darüber wird bis heute gestritten.
Während in der Popmusik und noch mehr im Jazz gelungene und
beliebte Solopassagen anerkennend mit mitunter frenetischem Beifall
bedacht werden, gilt das in der Klassik als Tabubruch. Geklatscht
wird erst am Ende der Sinfonie. Da heißt es die Sätze mitzählen und
die Mimik des Dirigenten beobachten. Nach dem letzten Ton sinken
Geigenbogen und Taktstock erlösend. Klatschen oder nicht Klatschen
ist die Frage, ggfls. sogar unterstützt von Bravorufen und
Trampeln. Klatschen am Ende eines Konzertes ist ein Ausdruck des
Dankes an die Künstler. Es ermöglicht aber auch nach langem
zwanghaften Stillsitzen Bewegung. Applaudieren wirkt also
befreiend, macht Klatschende und Beklatschte zufrieden und
glücklich. Das bestätigen Gehirnforscher. Beim Applaudieren werden
die gleichen für Gefühle zuständigen Gehirnregionen stimuliert wie
bei einem Orgasmus. Langes Applaudieren in der Gemeinschaft kommt
also einem Orgasmus gleich. Da wir uns jahreszeitenunabhängig
fortpflanzen können, ist lustvolles Applaudieren natürlich
jederzeit möglich.
Derzeit ist der Gebrauch der Hände zum Klatschen unangebracht. Zwar
schlägt man nur die eigenen Hände dabei zusammen; Corona-infiziert
könnte man aber einen Sprühnebel verursachen. Aber Veranlassungen,
im öffentlichen Raum zu klatschen, gibt es jetzt ja sowieso kaum.
Eine gute Zeit für Konzertgänger, Daniel Hope´s Buch „Wann darf ich
klatschen?“ zu lesen.
(H.J. Ferenz)