Naomi Klein lebt in Kanada, veröffentlichte mehrere Bücher und arbeitet als freie Journalistin. Sie schreibt Kolumnen für das US-Magazin The Nation und für die britische Tageszeitung The Guardian. Ihre Artikel werden unter anderem auch im Harper’s Magazine, The Globe und in der New York Times – in deutscher Übersetzung zum Teil auch in der Frankfurter Rundschau – publiziert. Seit 2017 arbeitet sie als Korrespondentin für die publizistische Webseite The Intercept.
Ihr Buch DIE SCHOCK STRATEGIE erschien bereits 2007 bei S.
Fischer. Es ist ein Buch über den weltweiten Siegeszug der
neoliberalen Ideologie, die begründet ist in den marktradikalen
Theorien von Milton Friedmann. Diese Ideologie nutzt Katastrophen
jeder Art, um die Umverteilung von unten nach oben immer weiter
voran zu treiben und gesellschaftliches Eigentum zu privatisieren.
Die neoliberale Weltordnung beruht auf Gewalt, auf Katastrophen und
sogar auf Folter.
Nach dem exemplarischen „Wunder von Chile“ unter Pinochet ist die
Schock-Strategie auch in Margaret Thatchers Großbritannien nach dem
Falklandkrieg, in Russland unter Jelzin und in den Vereinigten
Staaten nach dem Hurrikan Katrina sowie im Irak nach dem
US-Einmarsch geplant und durchgesetzt worden. Ebenso in Sri Lanka
nach dem Tsunami oder in der DDR nach dem Fall der Mauer. Während
die Menschen noch gelähmt sind von der Katastrophe, werden sie
einer ökonomischen und machtpolitischen Schockbehandlung
unterzogen. Aktuell erleben wir das weltweit mit der
Corona-Krise.
Insofern ist Naomi Kleins Buch ein prophetisches, das in anderen,
früheren Zusammenhängen die Vorgänge unserer verrückten Zeit klarer
werden lässt. Klein ist eine radikale Demokratin.
Eine Ergänzung zu ihrem Buch mit Blick auf die weltweite
Corona-Krise erschien unter dem Titel „Screen New Deal“ zuerst auf
The Intercept.
Die deutsche Übersetzung findet sich auf https://www.rubikon.news/artikel/digitale-schock-strategie
Sie beschreibt, wie die gegenwärtige Krise genutzt wird um weltweit
die Digitalisierung des Lebens radikal voran zu treiben und – wie
soll es anders sein – Profit daraus zu generieren.
Naomi Klein beschreibt unsere Zukunft so:
„Es wird eine Zukunft sein, in der unser Zuhause niemals mehr ein
ausschließlich persönlicher Rückzugsort ist, sondern durch digitale
Highspeed-Anbindung eben auch Schule, Arztpraxis, Sporthalle, und —
falls vom Staat so bestimmt — auch Gefängnis. Natürlich hatte sich
bereits vor der Pandemie für viele von uns unser Zuhause bereits
zunehmend zu einem Arbeitsplatz ohne Freizeit und zu dem Schauplatz
der Unterhaltung entwickelt, und der Überwachungsarrest „in der
Community“ war bereits in vollem Gange. Aber in der hastig
zusammengebastelten Zukunft werden sich voraussichtlich alle diese
Trends mit Warpgeschwindigkeit beschleunigen.
Dies ist eine Zukunft, in der für Privilegierte fast alles nach Hause geliefert wird, entweder virtuell über Streaming- und Cloud-Technologie, oder physisch durch selbstfahrende Fahrzeuge oder Drohnen, was dann am Bildschirm auf einer moderierten Plattform „mitgeteilt“ wird. Es ist eine Zukunft, die weit weniger Lehrerinnen und Lehrer, Ärzte und Fahrer benötigt. Sie akzeptiert kein Bargeld und keine Kreditkarte — unter dem Deckmantel der Viruskontrolle —, und es gibt nur noch kümmerliche Reste von Massenmobilität und viel weniger Live-Kunst.
Es ist eine Zukunft, die vorgibt, auf der Grundlage von „Künstlicher Intelligenz“ zu funktionieren, die aber in Wirklichkeit von Zigmillionen anonymen Arbeitern zusammengehalten wird, die in Lagerhallen, in Rechenzentren, in die Content-Moderation, in elektronische Ausbeutungsbetriebe, in Lithiumminen, in die industrielle Landwirtschaft, in Fleischverarbeitungsbetriebe und in Gefängnisse gesteckt werden, wo sie schutzlos gegenüber Krankheiten und Hyperausbeutung sind. Es ist eine Zukunft, in der jeder unserer Schritte, jedes unserer Worte und jede unserer Beziehungen auffindbar, zurückverfolgbar und über Daten nutzbar sein werden, durch eine beispiellose Zusammenarbeit zwischen Regierungen und Technologiegiganten.“
Das Buch DIE SCHOCK STRATEGIE, ursprünglich erschienen bei S. Fischer, ist inzwischen schwer erhältlich. Bei Amazon bekommt man es nur für einen horrenden Preis.