Halle, 5. März 2026 – Das etwa 9.000 Jahre alte Grab der Schamanin von Bad Dürrenberg (Saalekreis) gehört zu den spektakulärsten Funden der mitteleuropäischen Archäologie. Bei der Bestattung in der Mittelsteinzeit wurde eine 30- bis 40-jährige Frau beigesetzt, ihr in die Arme gelegtes Kind war etwa sechs Monate alt. Grabbeigaben wie ein Kopfschmuck aus Rehgeweih und ein Tierzahngehänge weisen auf die besondere Stellung der Verstorbenen als Schamanin hin.
Das Grab wurde 1934 zufällig bei Kanalarbeiten entdeckt und unter großem Zeitdruck geborgen. Seit Dezember 2019 konnten in Vorbereitung der Landesgartenschau im Kurpark von Bad Dürrenberg Nachuntersuchungen an der ursprünglichen Fundstelle durchgeführt werden. Dabei wurden Teile der ursprünglichen Grabgrube, die bei der ersten Ausgrabung unberührt geblieben waren, als Block geborgen und im Labor untersucht.
Pollenanalysen, durchgeführt von der Pollenanalytikerin Elisabeth Endtmann vom Landesamt für Geologie und Bergwesen Sachsen-Anhalt, zeigen erstmals Hinweise auf Blütenschmuck im Kopfbereich der Schamanin. Gefunden wurden Pollen von Mädesüß, Königskerze, Hahnenfuß, Teufelsabbiss und Scabiosa, die eine farbenprächtige Bestattung nahelegen. „Vermutlich verfingen sich die Pollen im Haar der Schamanin noch zu Lebzeiten, oder ihr Kopf wurde bei der Bestattung auf Blumen gebettet“, erklärt Endtmann.
Darüber hinaus enthielt das Grab zahlreiche Pflanzen, die in der traditionellen Volksmedizin Anwendung finden, etwa Birkenblätter, Faulbaumrinde, Hopfen oder Frauenmantel. Ob der Schamanin die medizinischen Eigenschaften der Pflanzen bewusst waren, bleibt unklar. Landesarchäologe Harald Meller verweist jedoch auf ethnographische Beispiele, wonach Schamanen Heilpflanzen gezielt einsetzten und Jäger-Sammler-Gruppen häufig über entsprechendes Wissen verfügten.
Anhand der Blühzeiten der nachgewiesenen Pflanzen kann die Bestattung grob auf den Monat Juli datiert werden. Außerdem konnten Grünalgen nachgewiesen werden, die vermutlich von Federn von Wasservögeln stammen, die ebenfalls im Grab beigesetzt wurden (Quelle).
Die neuesten Forschungsergebnisse werden ab dem 27. März 2026 in der Sonderausstellung ›Die Schamanin‹ im Landesmuseum für Vorgeschichte Halle (Saale) präsentiert. Auf 900 Quadratmetern werden Exponate aus internationalen Sammlungen (unter anderem Israel, Schweden, Dänemark, Estland, Finnland, England, Serbien, Italien und Spanien) gezeigt, die die frühesten Hinweise auf Schamanismus, die Mittelsteinzeit und das Lebensbild der mesolithischen Epoche veranschaulichen.
Weitere Informationen und begleitende Filme finden sich auf YouTube beim Landesmuseum Halle (Link) oder in der Mediathek des Museums (Link). Die Ausstellung läuft vom 27. März bis 1. November 2026. Weitere Informationen: www.ausstellung-schamanin.de.
Zur Ausstellung erscheint im März 2026 ein reich bebilderter Begleitband: Harald Meller, Michael Schefzik, Anja Stadelbacher (Hrsg.), Die Schamanin, Hirmer Verlag, 216 Seiten, 180 Abbildungen, ISBN 978-3-7774-4674-5 (Hirmer Verlag).
Bild: „by Vera Icon“ Ai cc0 , Flux dev1 (Symbolbild, Red. Hallespektrum)