Schon beim Hinaufgehen der Treppe in die Kunsthalle Talstraße wird klar, dass diese Ausstellung keinen leichten Auftakt sucht. Die Wände sind dicht behängt mit mystischen Keramiken: Tierwesen mit Menschenköpfen, hybride Körper, ein Herz, aufgespießt auf einem Jesuskreuz. Diese Arbeiten stammen von Jan Thomas und entstanden zwischen 2020 und 2024. Direkt im Eingangsbereich steht ein Skelett an der Wand. Ohne Umwege ist das Thema gesetzt: der Tod.
Was dir nur Augen sind in diesen Tagen: In künft’gen Nächten sind es dir nur Sterne.
Im ersten Raum setze ich mich auf eine Bank. Hinter mir hängt eine Jesusstatue, doch Christus ist hier nicht ans Kreuz, sondern an das Ende einer Harke gebunden. Der Titel „Harkenkreuz“ verschiebt das vertraute christliche Motiv ins Profane. Links und rechts davon stehen zwei Skulpturen: eine von Ernst Barlach, dessen Werke oft von innerer Not und existenzieller Verdichtung geprägt sind, und „Leid“ von Walter Arnold, eine Figur, die den Schmerz körperlich erfahrbar macht.
An der rechten Wand begegnen mir Zeichnungen von Michael Morgner, darunter „Frau und Tod“ und „Mensch und Tod“. Es sind reduzierte Darstellungen, in denen sich Leben und Vergänglichkeit untrennbar verbinden. Über zwei Meter hoch erhebt sich das Gemälde „Golem“ von Hermann Bachmann. Kaum unterscheidbare Tonabstufungen lassen die Figur fast im Bild verschwinden, doch gerade die monumentale Größe verleiht ihr eine stille Wucht. Ergänzt wird der Raum durch Arbeiten von Kurt Wendlandt. Über allem steht ein Satz an der Wand:
„Was dir nur Augen sind in diesen Tagen: In künft’gen Nächten sind es dir nur Sterne.“
Alle Raumtitel stammen aus den „Kindertotenliedern“ von Friedrich Rückert.
Nun seh’ ich wohl, warum so dunkle Flammen…
Der nächste Raum konfrontiert mich beim Eintreten mit einem geschnitzten Holzschädel. Die linke Hälfte zeigt noch menschliche Züge, aus dem Inneren brechen Neugeborene hervor, die Ohren sind durch Skelette ersetzt: Leben und Tod in einem einzigen Körper vereint. An der linken Wand hängen acht Arbeiten aus „Zyklus Toleranz III“ von Elisabeth Voigt. In nervösen, manisch wirkenden Strichen thematisiert sie Propaganda, Gewalt und Nationalsozialismus. Der Raum trägt den Titel: „Nun seh’ ich wohl, warum so dunkle Flammen…“
Der dritte Raum öffnet sich mit einem unerwarteten Bild: Ein riesiger Nike-Schuh dominiert den Raum. Erst auf den zweiten Blick wird klar, dass es sich um einen Sarg handelt. Dieses Werk stammt von Paa Joe aus Ghana. Selbst die Schnürsenkel sind wie die Arme eines Toten überkreuzt. An den Wänden hängen weitere Fantasiesärge: Schuhe, Tiere, ein Krokodil. Gegenüber sehe ich „Tod mit Melone und Mütze“ von Joachim Heuer, eine grotesk-ironische Darstellung, sowie „Gebet / Tenebrae“ von Gregor-Torsten Kozik, dessen strukturierte Oberfläche an Brailleschrift erinnert.
Wir möchten nach dir … bleiben gerne!
Im Treppenhaus begleiten mich vier Blätter aus der „Apokalypse“ und Motive aus der „Passion“ von Albrecht Dürer. Die expressiven Holzschnitte verstärken den Übergang zwischen den Ebenen. Über der Treppe steht der Satz: „Wir möchten nach dir … bleiben gerne!“
In der oberen Etage treffe ich auf „Es war einmal“ von Frans Masereel, dessen Bildsprache an existenzielle Erzählungen erinnert. Daneben hängen von Hermann Bachmann „Schädel mit Sonne“, „Schädel vor Sonne“ und „Zeter und Mordio“, Arbeiten, die den Totenkopf nicht als Ende, sondern als Zeichen der Gegenwart zeigen. Eine ganze Wand ist mit den „Peruanischen Porträts“ von Matthias Rataiczyk bedeckt. Gegenüber hängt „Selbstbildnis mit dem Jahr 1991“ von Willi Sitte.
Im Nebenraum zeigen Fotografien von Regula Tschumi Beerdigungsrituale, etwa das der Tomatenhändlerin oder eines Militärmannes.
Oft denk ich, sie sind nur ausgegangen
Ein weiterer Raum nahe dem Eingang ist wie ein eigenes Kapitel gestaltet, jede Wand trägt einen eigenen Titel. „Sieh… uns nur an, denn bald sind wir dir ferne!“ steht links, wo „Die Alten“ und „Paar II“ von Matthias Rataiczyk sowie „Toteninsel“ von Ralph Denz hängen. Gegenüber liest man: „Du musst nicht die Macht in dir verschränken…“ mit Werken von Heinz Plank und der „Mitteldeutschen Renaissancelandschaft“ von Alexandra Müller-Jontschewa.
Die rechte Wand trägt den Satz: „Sie sind uns nur voraus gegangen…“ und zeigt Arbeiten von Horst Sahnlowski, Magnus Zeller, Heinz Zander und Uwe Pfeifer. Neben dem Eingang steht: „Oft denk ich, sie sind nur ausgegangen.“
Im Raum selbst steht ein geschlossener schwarzer Flügel, einzelne Säulen, ein historischer Sarg aus dem Jahr 1761 und „Haus der Toten“ von Siegfried Gerstgasser.
Tod und Frau, um das Kind ringend
Am stärksten bleibt mir jedoch ein Werk aus dem zweiten Raum im Gedächtnis: „Tod und Frau, um das Kind ringend“ von Käthe Kollwitz. Die Darstellung ist schonungslos: Der Tod und die Mutter kämpfen um das Kind, und doch scheint der Ausgang unausweichlich. In dieser einen Grafik verdichtet sich, was die gesamte Ausstellung durchzieht: Verlust, Liebe und Widerstand.
Am Ende dieses Rundgangs bleibt weniger ein einzelnes Bild als vielmehr eine Stimmung zurück. „Echo des Unbekannten“ ist keine Ausstellung, die Trost spendet oder Antworten gibt. Sie verlangt Zeit, Aufmerksamkeit und die Bereitschaft, sich dem Unangenehmen auszusetzen. Die konsequente Einbindung der Rückert-Zitate verleiht dem Ganzen eine poetische Klammer, ohne die Schwere der Themen zu mildern. Besonders überzeugend ist die Vielstimmigkeit der Werke: Expressionistische Skulpturen, zeitgenössische Malerei, historische Grafiken und ethnografische Objekte stehen gleichberechtigt nebeneinander und zeigen, dass der Umgang mit dem Tod kulturell geprägt, aber universell verständlich ist. Die Ausstellung wirkt stellenweise überwältigend, fast überladen, doch gerade darin liegt ihre Stärke. Sie zwingt zur Auseinandersetzung und zum Innehalten. Wer die Kunsthalle verlässt, nimmt das Gefühl mit, dem Tod nicht näher gekommen zu sein, ihn aber für einen Moment klarer gesehen zu haben.
Der Rundgang endet, aber das Echo des Unbekannten hallt nach.