Pflanzen(fr)esser haben es nicht immer leicht, sich von
Fleisch(fr)essern abzugrenzen. Nicht alles, was Fleisch heißt, ist
tatsächlich tierischen Ursprung. Als Fleisch bezeichnen wir
gewöhnlich tierisches Muskelgewebe. Hauptbestandteile sind die
Proteine Aktin und Myosin. Wir kennen diese in Form von
Rindersteaks oder Schweineschnitzel. Innereien wie Nieren und Leber
fallen nicht unter diese Definition, sind aber tierischen
Ursprungs. Vegetarier würden sie deshalb auch meiden.
„Fruchtfleisch ist Zellgewebe, das die Samen umhüllt“ heißt es
erklärend bei WIKTIONARY. Diese Definition könnte man aber auch auf
gegrillte Hammelhoden anwenden. Um Fehlschlüsse zu vermeiden,
sollte man unbedingt den Zusatz „pflanzlich“ verwenden. Das
Fruchtfleisch dient der besseren Verbreitung der Pflanzensamen.
Tiere fressen mit dem Fruchtfleisch auch die Samen der Pflanze. Um
den Appetit darauf zu steigern, haben Pflanzen eine Fülle von
Tricks im Angebot: Farbe, Zuckergehalt, Proteine, lockende
Duftstoffe, Alkohol durch Gärung usw.. Die Samen passieren
unverdaut den tierischen Darm und gelangen so keimbereit an andere
Orte. Manchmal enthalten die Früchte Wirkstoffe, die die
Darmpassage beschleunigen. In einigen Untersuchungen konnte man
zeigen, dass Samen nach der Darmpassage weniger leicht verpilzen
und von Samenfressern wegen fehlender samentypischer Duftstoffe
seltener gefunden und verspeist werden. Vielleicht stinken sie auch
nur wie Sch…
Das Wort Frucht geht auf das lateinische „fructus“ zurück, das von
der Verbform „frui“ abgeleitet ist und genießen, Nutzen ziehen
bedeutet. Und da wird es wieder tierisch. Eine Frucht der Liebe,
gemeint ist ein Kind, das aus einer unehelichen Beziehung
hervorgegangen ist, fällt nicht vom Baum, sondern kann die Folge
animalischer Lust sein. Das wussten die Menschen schon immer. Die
negative Ansicht von lustvollem Sex wurde ihnen schon früh von der
Kirche eingebläut. Nur Maria war da wohl ausgenommen: “Gebenedeit
ist die Frucht deines Leibes“ heißt es in der Bibel bei Lukas
1,42.. „Wie die Zucht so die Frucht“ übertrug man die
Moralvorstellungen sprichwörtlich auf Heranwachsende, auf
scheinbare Taugenichtse, eben „nette Früchtchen“. „An den Früchten
erkennt man den Baum“ orakelte Jesus (Matthäus 12,33) und
begründete so Sippenhaft. Und den Erfolg wissenschaftlicher Arbeit
bezeichnet man gern als „Früchte langjähriger Arbeit“ und hofft,
dass sie nicht wie das Fruchtfleisch rasch vergehen, sondern als
Samen in die Zukunft reichen.
Fleischgenuss hat zwar etwas Anrüchiges, Gewaltsames, Mordlustiges
an sich und wird allein deshalb von scheinbar friedfertigen
Veganern abgelehnt. Die Pythagoräer pflegten die Überzeugung, dass
die Seelen der Menschen und diejenigen der Tiere nicht essentiell
verschieden seien und man den Tieren somit Rücksichtnahme schulde.
Sie predigten daher eine vegane Lebensweise. Allerdings gab es ein
strenges Tabu gegen den Verzehr von Bohnen. Der ursprüngliche Grund
des Bohnenverbots war schon in der Antike unbekannt. Man vermutet
aber, dass es gesundheitliche Gründe für das Bohnentabu gab. Nein,
nicht die mit Geräuschen verbunden Verdauung war vermutlich die
Ursache, sondern der Favismus, eine erbliche Enzymkrankheit, bei
welcher der Genuss von Ackerbohnen (Vicia faba)
gesundheitsgefährlich ist. Der Genuss von tierischen Proteinen hat
die Evolution des Menschen nachweislich erheblich katalysiert.
Irgendwie ahnten das unsere Ahnen und scheuten sich sogar nicht vor
Kannibalismus, um die Kräfte des Opfers in sich aufzunehmen. Für
Veganer brach vermutlich eine Welt zusammen, als man nachweisen
konnte, dass selbst friedfertige, freundliche Berggorillas nicht
nur fleischige Früchte, sondern auch erjagtes Frischfleisch mit
Genuss verspeisen.
Um die Umstellung auf pflanzliches Fruchtfleisch und den Verzicht
auf tierisches Fleisch zu erleichtern, sucht man nach
Fleischimitaten. Tofu ist ein derartiges pflanzliches Sojaprodukt.
Die Jackfrucht, auch als Jakobsfrucht bezeichnet, wird von Veganern
in Indien als Fleischersatz geschätzt. Durch seine Konsistenz kann
die unreife Frucht in fernöstlichen Curry-Gerichten bestens als
Hühnchenfleischersatz verwendet werden. Mit 3D-Druckern
hergestellte Schnitzel werden Vegetarier sicherlich nur dann essen,
wenn sie nachweislich aus rein pflanzlichen Proteinen als
Rohmaterial hergestellt werden. Ein Fruchtsaft zum Vegetarier–Mahl
passt immer, wenn man sich nicht an der Definition laut Gesetz
stört: „Gemäß Fruchtsaftverordnung darf als Saft nur solches
Getränk bezeichnet werden, das zu 100% aus dem Saft und dem
Fruchtfleisch der entsprechenden Früchte besteht.“ Na, denn Guten
Appetit.
(H.J. Ferenz)