Pflanze der Woche, 1.-7. September 2025
In der Redaktion herrschte drückende Spätsommerhitze. Heino und Nixi waren seit Stunden nicht zu sehen. „Wo treiben die sich denn herum?“, fragte jemand und fächelte sich mit einem Klemmbrett Luft zu. „Wahrscheinlich machen die wieder blau, treiben sich am See rum, statt ihre Arbeit zu machen“. „Bin sicher, wieder am Kanalufer, da sind die ja öfters in letzter Zeit, um angeblich Pflanzen zu sammeln“. Ein spöttisches Kichern ging durch den Raum. „Die können gerne versuchen, blau zu machen. Es wird ihnen nicht gelingen. Wir kommen den Bastarden noch auf die Schliche“
Aber machten sie wirklich blau? Auf Heinos Schreibtisch lag ein deutlicher Hinweis einer gewissen Beschäftigung: ein frischer Zweig einer fremdländisch anmutenden Staude, zwischen den Blättern noch winzige, dunkle Blütenspitzen. Daneben – aufgeschlagen – ein voluminöses Werk, dessen Titel in alter Frakturschrift prangte:
Vollständiges Lexikon der Gärtnerei und Botanik
oder alphabetische Beschreibung vom Bau, Wartung und Nutzen aller in- und ausländischen, ökonomischen, officinellen und zur Zierde dienenden Gewächse
von Friedrich Gottlieb Dietrich, Fürstl. Sächs. Weimarischem Hofgärtner, der Societät der Forst- und Jagdkunde zu Waltershausen ordentlichem, der Leipziger ökonomischen Societät und der physikalischen Gesellschaft zu Zürich Ehren-Mitgliede.
Mit einer Vorrede von Herrn Prof. Kurt Sprengel in Halle.
Erster Band, Abelmoschus bis Asplenium. Weimar, gedruckt und verlegt bei den Gebrüdern Gädicke, 1802.
„Ich liebe diese umständlichen, verquirlten Buchtitel, wow“, sagte der Kollege Staudig, den sie immer gerne wegen seiner unförmigen Gestalt hänselten. „Haha“, lachte Livia, als sie die Bildunterschrift unter einer alten Abbildung las: „Unstalt“- das wird Deine Pflanze !“
Zwischen den Spalten stand, fein säuberlich gesetzt, eine Beschreibung, die mehr Fragen aufwarf als beantwortete:
„Der strauchartige, mit brauner Rinde versehene Stamm trägt ungepaart gefiederte Blätter von dunkelgrüner Oberseite, blasserer Unterseite und mit feinen Punkten besetzt. Die Blüten stehen in walzenförmigen Ähren an den Zweigspitzen, von tiefer, doch matter Farbe, und entbehren der gewöhnlichen Flügel und des Schiffchens. Zwar färbt sich Wasser, in welches Zweige und Blätter eingelegt werden, nach Tagen merklich, doch ist die Ausbeute an Färbestoff so gering, dass ein dauerhaftes Blau damit nicht zu gewinnen ist. Manche Landleute glauben, durch wiederholtes Kochen und Pressen eine reinere Farbe zu erhalten, allein das Werk ist vergeblich, indem der Stoff an Menge gänzlich unzureichend bleibt. Gleichwohl erfreut sich diese Zierpflanze in den Gärten der Auen und Flußufer einer anmuthigen Gestalt, so daß sie, obschon als Färbergewächs untauglich, doch um ihrer Ansehnlichkeit willen gern erhalten wird.“
„Aha“, murmelte eine Livia, „also taugt sie gar nicht zum Blau machen – nicht im übertragenen und auch nicht im wörtlichen Sinne.“ – „Und diese lateinischen Namen hier“, warf jemand ein, „die klingen ja eher wie ein Spottgedicht: das eine bedeutet ‘ohne Gestalt’, das andere ‘reichlich strauchartig’.“ – „Passt irgendwie zu den beiden Abgängigen“, kommentierte eine andere Stimme. „Diese Bastarde“, schimpfte der ungestalte Staudig, „verpissen sich zum Baden und lassen uns hier ins scheinbar Blaue raten“.
Da knarrte die Tür zur Teeküche. Heraus traten Heino und Nixi, beide völlig ungerührt. „Und, habt ihr’s rausgefunden?“, fragte Heino mit einem Grinsen. Ihr habt gedacht, wir machen blau? Können wir gar nicht“
„Hm… wir glauben schon“, meinte eine Kollegin. „Aber wir sind nicht sicher, ob unsere Leserinnen und Leser auch dahinterkommen.“
Die Fragen bleiben:
– Wer war Professor Kurt Sprengel aus Halle, und wo lebte er? Was befindet sich heute dort?
– Um welche Pflanze handelt es sich?
– Auf welcher Buchseite ist sie beschrieben?
– Wo stammt sie ursprünglich her?
– Und warum machten Heino und Nixi nur „zum Schein“ blau?
Auflösung der letzten Pflanze der Woche (American Alpdream: auf einen Covfefe nach Kentucky):: Amerikanischer Geweihbaum (Gymnocladus dioicus)
Rati lag richtig, als er schrieb: „Kentucky-Kaffeebaum (Gymnocladus dioicus)
– Die Samen des Baumes wurden früher von Siedlern in Kentucky als Kaffee-Ersatz verwendet, daher der Name „Kaffeebaum“. Die rohen Samen sind giftig und müssen vor dem Verzehr geröstet werden.“ [..]
Der Amerikanische Geweihbaum, auch Kentucky-Coffeetree genannt, stammt ursprünglich aus dem östlichen Nordamerika. In seiner Jugend ist er unscheinbar – doch im Alter zeigt er Charakter: Die dicken, bizarr verzweigten Äste erinnern im kahlen Zustand tatsächlich an ein Hirschgeweih. Daher der wissenschaftliche Name Gymnocladus – „nackter Zweig“.
Im Sommer trägt der Baum riesige, doppelt gefiederte Blätter von bis zu einem Meter Länge. Nach dem Laubfall bleibt ein grobes, kantiges Geäst zurück, das ihn fast knochengleich erscheinen lässt – ein Grund, warum Wildenow 1796 schrieb, der Baum sehe im Winter „wie abgestorben“ aus.



Die braunen, bis zu 25 cm langen Hülsenfrüchte enthalten harte Samen, die an große Bohnen erinnern. In Notzeiten – etwa im 18. Jahrhundert – wurden diese geröstet und als Kaffeeersatz verwendet. Sie enthalten allerdings geringe Mengen giftiger Stoffe (Cytisin, Alkaloide), weshalb sie roh nicht genießbar sind. Die Verbindung zur Gattung der Bohnen besteht nur optisch – botanisch gehört der Geweihbaum zu einer eigenen Unterfamilie (Caesalpinioideae) innerhalb der Hülsenfrüchtler.
In Europa wird der Baum gelegentlich als Park- oder Straßenbaum gepflanzt. Wegen seiner auffälligen Fruchtstände und seines exotischen Habitus wird er mitunter mit dem Götterbaum (Ailanthus altissima) verwechselt – insbesondere, wenn beide nebeneinander wachsen, wie in manchen städtischen Wärmeinseln.
Doch anders als der invasiv wuchernde Götterbaum bleibt Gymnocladus dioicus zurückhaltend. Er vermehrt sich kaum, schätzt feuchte Böden und ist hinsichtlich Klima und Standort anspruchsvoller.
Seine kahlen Äste, die an Geweihe erinnern, regen zu Träumen an – oder zu Albträumen.
Weitere „Pflanzen der Woche“ findet Ihr in unserem Archiv – alle, seit 2016.
Stichworte: Geweihbaum, Kentucky Coffee Tree, Bohnenbaum, Gymnocladus dioicus, Götterbaum-Verwechslung, Traumhandlung
4 comments on “Wenn Bastarde versuchen, Blau zu machen”
Es handelt sich um di Indigopflanze (Indigofera tinctoria). . Die Beschreibung thematisiert, dass die Pflanze zwar einen blauen Farbstoff (Indigotin) enthält, dieser aber durch einfache Verfahren nicht in ausreichender Menge und Reinheit gewonnen werden kann, um eine dauerhafte Färbung zu erzielen. Dies war historisch der Grund, warum die Indigopflanze in Europa lange Zeit durch den Färber-Waid verdrängt wurde, der einfacher zu verarbeiten war.
Prof. Kurt Sprengel (1766 – 1833) begann sein Studium der Theologie und Medizin an der Universität Halle. Er promovierte 1787 in Medizin und wurde 1795 zum ordentlichen Professor für Medizin ernannt. Wenige Jahre später erhielt er zusätzlich eine Professur für Botanik und wurde gleichzeitig Direktor des Botanischen Gartens in Halle. Sein Werk „Versuch einer pragmatischen Geschichte der Arzneikunde“ war ein medizinhistorisches Standardwerk seiner Zeit.
Sprengel leistete wichtige Beiträge zur Botanik, insbesondere zur Anatomie und Systematik von Pflanzen. Seine Arbeiten umfassen die „Historia rei herbariae“ und die „Flora Halensis“, die sich mit der lokalen Pflanzenwelt Halles befasste. Die Pflanzengattung Sprengelia (aus der Familie der Heidekrautgewächse) wurde ihm zu Ehren benannt.
In Halle ist eine Straße im Paulusviertel nach ihm benannt.
Sowohl mit der Indigopflanze als auch mit Waid habe ich schon gefärbt. In der Tat ist es in beiden Fällen nicht ganz einfach, denn der Farbstoff ist in den Pflanze als Vorstufe enthalten, die sich erst durch Vergärung (in Urin !!) in Lösung bringen lässt und dann an der Luft (bzw an der Faser) zum blauen Indigo oxidiert wird. Mit der Indigopflanze ist das einfacher als mit dem heimischen Färberwaid, weil die Indigopflanze weitaus mehr Farbstoff bzw. die Vorstufe enthält. Indigo aus der Indigopflanze musste man allerdings aus Indien importieren – weil diese tropische Pflanze hier in unseren Breiten nicht wächst (Den echten Indigo hatte ich mal als Zimmerpflanze im Labor gezogen). Und deshalb passt dieses nicht zur Indigopflanze: „Gleichwohl erfreut sich diese Zierpflanze in den Gärten der Auen und Flußufer einer anmuthigen Gestalt, so daß sie, obschon als Färbergewächs untauglich, doch um ihrer Ansehnlichkeit willen gern erhalten wird.“
Es muss also eine Zierpflanze sein, die auch hier im Freiland wächst.
Dann eben Bleiwurz (Ceratostigma plumbaginoides).
Wenn man Google fragt, welcher Schmetterlingsblütler sich nicht zum Blau machen eignet, bekommt man einen Hinweis auf eine Pflanze, die wohl sicher auch nicht die Gesuchte ist ( sonst hätte es zotigere Anspielung auf ein weibliches Geschlechtsteil gegeben). https://www.ua-bw.de/pub/beitrag_printversion.asp?subid=0&Thema_ID=2&ID=3745&Pdf=No&lang=DE
Aber man stößt darauf, wie irrsinnig die Novel-Food-Verordnung in der EU ist. In Indien färbt man mit der Pflanze seit Jahrhunderten den Reis, in Asien ist blauer Tee beliebt. Und in der EU ist es untersagt, Gin damit zu färben. Wie gaga ist das?