Skip to content
HalleSpektrum.de – Onlinemagazin aus Halle (Saale) Logo

Wallende Hormone, Blackfacing, das Z-Wort und der böse Wolf

Pflanze der Woche, 18.-24. August 2025


Es hatte mit einem Ziehen begonnen. Spannung in der Brust. Schmerzen. Nixis Handflächen waren warm, ihr Herz schlug schneller als gewöhnlich. Heino bemerkte es erst nicht. Er hielt ihre Hand, seit sie gestern Abend am Ufer des alten Kanals gewesen waren – dort, wo Schilf, Minzen, Gilbweiderich und andere Wildpflanzen dicht ans Wasser drängen.

„Vielleicht war’s die Pizza“, murmelte sie am Frühstückstisch und legte ihre Hand auf die schmerzende Brust. „Oder was wir da gepflückt haben.“

„Du meinst das Sträußchen vom Kanal?“ Heino erinnerte sich. Nixi hatte gelacht, sich gebückt und einige duftende Halme mitgenommen. Es war Minze – oder nicht? Da waren auch Stängel dabei, die an Minze erinnerten, aber irgendwie strenger rochen, dunkler. Als trügen sie ein Verbot in sich. Die Blätter wirkten gerippter, bitterer.

In ihr glomm ein Gefühl, das sich nicht einordnen ließ. „Schwanger?“ Unmöglich – sie waren erst seit zwei Wochen ein Paar.
Lag es an der Pflanze – oder an etwas anderem?

„Ich fühl mich komisch“, sagte sie schließlich. „So ein Druck. Die Brust. Ganz tief drin. Hormone vielleicht. Vielleicht auch das Herz. Oder alles zusammen.“

Heino schaute sie besorgt an, wagte aber nicht, sich zu nähern oder gar die schmerzende Brust allzu taktlos zu berühren.
„Vielleicht hast du einfach zu viel von dem Minze-Tee getrunken“, sagte er halblustig.

Nixi kniff die Augen zusammen. „Das war wohl doch nicht alles Minze.“
Sie deutete auf eine Pflanze, die sie aus dem Biomüll gefischt hatten – mit deutlich gesägten Blättern, die sich in breitem Quirl um den vierkantigen Stängel legten.

„Hier, genau hier war das“, sagte Nixi und zeigte auf das Foto von dem seichten Uferstück am Kanal. Die Stelle, an der sie eine Woche zuvor ausgerutscht war und in voller Montur ins Wasser geplumpst – danach hatten sie zusammen gelacht, die Pflanzen eingesammelt, daheim getrocknet, liebkost, und einige ins Herbarium gepresst.
„Du meinst, wo du die Minze gepflückt hattest?“, fragte er.

„Eben. Ich dachte, alles sei Minze – aber jetzt bin ich mir nicht mehr sicher. Die da riecht… anders.“

Sie hielt ihm die Reste der Pflanze unter die Nase. Der Duft war krautig, doch gleichzeitig erdig – mit einem Anklang von feuchtem Leder.

„Minze ist das nicht“, meinte Heino.

Jetzt saß er mit Lupe und Bestimmungsbuch am Tisch, die ausgekochten Pflanzenreste vor sich.
„Wird gern verwechselt“, las er. „Kommt oft an denselben Standorten vor. Hat aber ganz andere Wirkungen.“ „Aber immerhin Lippenblütler“, meinte er und presste die Lippen an die ihren.

„Giftig?“, fragte Nixi. Ihre Stimme war leiser als sonst.

„Nicht direkt. Aber sie kann auf die Schilddrüse wirken. Und auch sonst … na ja, hormonell, sagen wir mal.“

Er zog sie an sich heran – ein wenig zu überschwänglich hormonell. Sie stieß ihn weg.
„Hör auf – jetzt nicht. Ich mache mir Sorgen.“ Und dann, zögerlich: „Ich glaube, ich weiß, was es ist. Meine Oma nannte das ‚Zigeunerkraut‘.“

„Das sagt man heute aber nicht mehr“, erwiderte Heino vorsichtig, „und schreiben können wir das auf keinen Fall“.

„Ich weiß. Aber genau so hat sie’s genannt. Ich hab da mal was gelesen. Früher glaubte man, mit dem Saft dieser Pflanze hätten Roma Kinder geschwärzt, die sie angeblich entführt hatten – damit man sie nicht erkennt. Totaler Humbug. Aber so entsteht Rassismus: Einmal erzählt, tausendfach geglaubt.“

„Dabei hat man damit – so ist es belegt – allenfalls Stoff gefärbt. Mit Eisen zusammen gibt das ein tiefes Schwarz. Aber Haut? Quatsch.“

Nixi nickte. „Klingt nach Fake News aus dem 19. Jahrhundert.“

Sie nahm einen Stängel und strich über die länglich gezähnten Blätter. Dann zerquetschte sie sie, bis der Saft austrat – und strich Heino den Saft zärtlich über die Wange.

„Sag mir Bescheid, wenn du schwarz wirst“, sagte er trocken.
„Wissenschaft“, erwiderte sie ebenso trocken.
Natürlich passierte nichts – Heinos Haut blieb so käsig wie immer.

„Eben Quatsch“, stellte sie nach dem misslungenen Test fest. Einen „südostbalkanesischen Phänotyp“, wie es in alten Polizeiberichten hieß, konnte sie aus ihm nicht machen.

„Und noch was“, sagte sie dann. „Ich habe heute früh einen Wolf gesehen.“

„Da, am Kanal?“, fragte Heino spöttisch.

„Ja. Oder so etwas Ähnliches. Er ist ganz ruhig am Ufer entlang getrabt.“

Heino zog eine Augenbraue hoch. „Einen Wolfs-Trab gibt’s nicht. Höchstens einen Foxtrott.“

Und deshalb, liebe Leserinnen und Leser, seid Ihr nun gefragt:


Fragen an unsere Leserinnen und Leser:

– Um welche Pflanze handelt es sich?
– Warum könnte sie leicht mit Minze verwechselt werden?
– Welche Wirkstoffe enthält sie – und wie wirken sie auf Schilddrüse und Hormonhaushalt?
– Was bedeutet der volkstümliche Name – und welche Geschichten ranken sich darum?
– Stimmt es, dass man sich mit dieser Pflanze die Haut färben kann? Und was hat das mit alten Vorurteilen gegenüber bestimmten Bevölkerungsgruppen zu tun?
– Wozu ist das Eisen zum Färben nötig?

Auflösung der letzten Pflanze der Woche (Die Kanalnymphe) : Mentha aquatica – die Wasserminze

Die gesuchte Pflanze, die Nixi im Wasser des „Kanals“ fand, ist die Wasserminze (Mentha aquatica), eine wild wachsende Art aus der Familie der Lippenblütler (Lamiaceae). Sie gehört zu den aromatischsten Vertretern der Gattung Mentha und wächst bevorzugt an Ufern, Gräben, Quellen und in feuchten Senken.

Aussehen und Standort

Die Wasserminze ist eine ausdauernde, krautige Pflanze mit einem kriechenden Wurzelstock. Ihre Blätter sind gegenständig, oval bis lanzettlich, leicht behaart und duften charakteristisch, wenn man sie zerreibt. Die rundlichen, rötlich-violetten Blüten stehen in dichten Quirlen. In Mitteleuropa ist sie vor allem an Gewässerufern verbreitet, auch im Raum Halle (Saale).

Duft und Inhaltsstoffe

Der intensive, oft als „moorig-frisch“ bis „schlammig-kräuterig“ beschriebene Geruch entsteht durch eine Mischung ätherischer Öle, vor allem:

  • Menthol
  • Menthon
  • Pulegon (in Spuren, leicht toxisch in hohen Dosen)
  • Cineol

Der Duft ist weniger süßlich als bei Pfefferminze oder Ackerminze, dafür aber erdiger, fast mystisch – was die Pflanze zur idealen Projektionsfläche für mythologische Deutungen macht.

Mythologie

Die Verbindung zur griechischen Sage um Hades und die Nymphe Minthe ist uralt. Minthe war eine Najade – eine Wasser-Nymphe – die der Sage nach vom Gott der Unterwelt begehrt wurde. Die eifersüchtige Persephone verwandelte sie daraufhin in eine duftende Pflanze. Diese Erzählung diente nicht nur zur Erklärung des Minzduftes, sondern auch als Symbol für Begehren, Vergänglichkeit und Verwandlung.

Der Name der Pflanze geht direkt auf diese Mythengestalt zurück. Aus dem altgriechischen „Μίνθη“ (Minthē) wurde im Lateinischen „mentha“ – und damit ein Gattungsname für eine der bedeutendsten Heil- und Duftpflanzen Europas.

Verwendung

Mentha aquatica selbst wird selten kultiviert, ist aber eine wichtige Kreuzungspartnerin für beliebte Gartenminzen. Ihr Öl kann in kleinen Mengen zur Parfümierung verwendet werden, in der Volksmedizin wird sie teils bei Magenbeschwerden eingesetzt.

Und was ist mit dem Bild?

Das romantisch-mysteriöse Gemälde, auf das sich Heino und Nixi beziehen, stammt mit hoher Wahrscheinlichkeit von Hans Zatzka (1859–1945), einem österreichischen Maler, der unter mehreren Pseudonymen tätig war. Seine „Nixenbilder“, in denen junge Frauen lasziv an Teichen und Brunnen posieren, waren massenhaft als Kunstdrucke in Umlauf – von Salon bis Schlafzimmer. In Halle hingen sie tatsächlich lange Zeit in Kneipen, Friseursalons und Gaststätten.

Weitere „Pflanzen der Woche“ findet Ihr in unserem Archiv – alle, seit 2016.

2 comments on “Wallende Hormone, Blackfacing, das Z-Wort und der böse Wolf”

  1. Polei-Minze (Mentha pulegium)enthält große Mengen Pulegon, welches gesundheitsschädlich ist. Es reizt den Verdauungstrakt, aber auch die intakte Haut und die Schleimhäute. Pulegon kann zu Krämpfen, Azidose und Koliken führen. Pulegon ist eine chemische Verbindung, die in bestimmten Pflanzen vorkommt, darunter Minze und Eukalyptus.Pflanzliche Inhaltsstoffe, sogenannte Phytoöstrogene, sind bekannt dafür, dass sie den menschlichen Hormonhaushalt beeinflussen können.
    Diese pflanzlichen Substanzen ähneln in ihrer Struktur den körpereigenen Hormonen.
    Es wird als schädlich eingestuft und ist oft nicht für den menschlichen Verzehr geeignet.Verwechslungsgefahr besteht wegen des ähnlichen Geruchs nach Minze. Ein Unterscheidungsmerkmal sind die deutlich längeren die Staubblätter.
    Das ätherische Öl zeigt eine gewisse insektizide Wirkung und soll Flöhe vertreiben können. Als Abwehrmittel gegen Insekten, insbesondere gegen Flöhe, genießt die Polei-Minze als Streukraut einen besonderen Ruf. Das Artepitheton pulegium ist vom lateinischen Wort pulex für Floh abgeleitet.

    Photochemische Synthese von Pulegon und Benzalacetophenon-tricarbonyleisen könnten die Schwarzfärbung hervorrufen.

  2. @NhuDeng: Leider konnten wir Deinen Beitrag nicht mehr berücksichtigen, auch wenn er ja eigentlich gerade noch rechtzeitig Da war. Aber Sonntagabend hatten wir schon „Redaktionsschluss“. Demnächst passen wir auf.

    Polei-Minze wäre aber eine gute Idee für eine der nächsten Folgen.

Schreibe einen Kommentar