Pflanze der Woche, 30.März – Ostersonntag 2026
Heino kam am späten Nachmittag nach Hause. Er stellte seine Tasche ab, ein wenig zu vorsichtig vielleicht, als könne schon das Geräusch Verdacht erregen.
Nixi saß am Tisch und sortierte Saatgut. Ohne aufzusehen sagte sie:
„Du warst lange weg.“
„Ach“, machte Heino, „HAVAG-Streik, mal wieder.“
Sie nickte nur. Sie wusste: seit heute Morgen war der Streik beendet. Ein Samenkorn nach dem anderen glitt durch ihre Finger.
„Und? Hat es sich gelohnt?“
Heino räusperte sich.
„Was denn?“
Jetzt sah sie auf. Nicht lange. Nur so lange, wie man braucht, um jemanden einzuordnen.
„Die Reise.“
„War ja keine Reise“, sagte Heino hastig. „Nur ein Ausflug.“
„Natürlich“, sagte Nixi.
Dann schwieg sie wieder.
Nach einer Weile schob sie ihm ein kleines Töpfchen hin.
„Schau dir das mal an.“
Heino war dankbar für jede Ablenkung. Er beugte sich vor.
„Das?“
Er runzelte die Stirn.
„Ist ja kaum was dran.“
Ein paar zarte Stängel, unscheinbar, fast kümmerlich. Oben winzige weiße Blüten.
„Kenn ich“, sagte er schnell, ohne ganz sicher zu sein.
„Irgend so ein Frühblüher.“
„So“, sagte Nixi. „Irgend so einer.“
Sie nahm das Töpfchen wieder in die Hand.
„Der wächst da draußen auf dem Kiesweg. Wo nichts ist. Kein guter Boden. Kaum Nährstoffe.“
Heino nickte eifrig.
„Ja, Pionierpflanze. Typisch. Kommt mit wenig aus.“
„Mit sehr wenig“, sagte Nixi.
Sie sah ihn dabei an. Ein wenig länger diesmal.
Heino spürte, wie ihm warm wurde. Nicht so warm wie neulich unter der Decke – aber unangenehm genug.
„Interessant“, murmelte er. „Anpassungsstrategie. Frühe Blüte, kurzer Lebenszyklus …“
„Ja“, sagte Nixi leise.
„Es blüht schnell. Bevor andere überhaupt anfangen.“
Eine kleine Pause.
„Und dann ist es auch schnell wieder weg.“
Heino nickte. Zu eifrig.
„Effizient“, sagte er.
„Oder flüchtig“, entgegnete sie.
Er beugte sich noch tiefer über das Pflänzchen.
„Kreuzblütler“, sagte er schließlich, erleichtert, endlich festen Boden zu haben.
„Vier Blütenblätter. Ganz eindeutig.“
„Immerhin“, sagte Nixi. „Das erkennst du noch.“
Stille.
Dann, ganz beiläufig:
„Sag mal … diese Anna Blume.“
Heino erstarrte innerlich.
„Was ist mit der?“ fragte er und hoffte, dass seine Stimme nicht verriet, wie sehr ihn diese drei Worte trafen.
„Man hört so dies und das“, sagte Nixi.
„Sie soll sich für Pflanzen interessieren. Und für … Pflanzenkenner.“
Ein kaum merkliches Lächeln huschte über ihr Gesicht.
„Einladend, sagt man.“
Heino schluckte.
„Ach“, sagte er. „Gerede.“
„Natürlich“, sagte Nixi.
Sie stellte das Töpfchen wieder auf den Tisch.
„Weißt du, wie die Pflanze heißt?
Man könnte sie nach dir benennen. So armselig, wie du bist.“
Heino sah auf das kleine, unscheinbare Ding.
Jetzt wusste er es plötzlich und verstand. Sie wusste alles.
„Es wächst dort, wo nichts ist.
Es braucht fast nichts.
Und trotzdem blüht es.“
Sie sah ihn an.
„Manche kommen mit wenig aus.“
Eine Pause.
„Andere nicht.“
„Du zum Beispiel“, sagte sie jetzt, energisch, aber mit zittriger Stimme:
„Kannst auch ohne mich auskommen. Genieße den Frühling mit Anna Blume, mit deinem unstillbaren Hunger. Mit mir nicht!“
Fragen an unsere Leser:
- Um welche Pflanze handelt es sich hier genau?
- Welche besondere Lebensstrategie erlaubt es ihr, auf so kargen Standorten zu gedeihen?
- Ist Heino erophil und was bedeutet das?
Auflösung der letzten Pflanze der Woche (Blau zwischen Kissen und Polstern): Griechisches Blaukissen (Aubrieta deltoidea).
Es gehört zur Familie der Kreuzblütengewächse (Brassicaceae), deren typische vierzählige Blüten Heino – bei aller Ablenkung – korrekt erkannt hat. Die Kronblätter stehen kreuzförmig, ein klassisches Merkmal dieser Pflanzengruppe.
Charakteristisch ist zudem der dichte, polsterartige Wuchs: Im Frühjahr überziehen die Pflanzen Mauern, Felsen und Steingärten mit einem nahezu geschlossenen Teppich aus blau-violetten Blüten. Die einzelnen Pflanzen treten dabei optisch zurück – entscheidend ist die Fläche, das „Blau als Ganzes“, das Heino so treffend beschreibt.
Die Art stammt aus Südosteuropa, insbesondere aus Griechenland.


London and New York :Frederick Warne & co.,1896-97.
http://biodiversitylibrary.org/page/36442176
Der im Text erwähnte Maler ist Claude Aubriet.
Er wirkte im späten 17. und frühen 18. Jahrhundert und war für seine außerordentlich präzisen botanischen Illustrationen bekannt. Nicht selten erscheinen in seinen Arbeiten die Pflanzen genauer wiedergegeben als die übrigen Bildbestandteile. Die Pflanzengattung Aubrieta wurde später nach ihm benannt.
Heinos Zweifel am intensiven Blau der Häuser sind historisch durchaus berechtigt.
Im 17. Jahrhundert war ein leuchtendes Blau ein Luxusgut. Das berühmte Ultramarin wurde aus dem Halbedelstein Lapislazuli gewonnen und war entsprechend kostbar – oft teurer als Gold. Für Alltagszwecke oder gar Hausanstriche kam es nicht in Frage.

Erst im 19. Jahrhundert änderte sich dies grundlegend.
Nach entscheidenden chemischen Entwicklungen gelang es um 1828 erstmals, künstliches Ultramarin herzustellen. Dieses Pigment war dem natürlichen sehr ähnlich, jedoch erheblich günstiger.
Eine wichtige Rolle spielte dabei die
Ultramarinfabrik Carl Leverkus, gegründet von
Carl Leverkus.
Bereits in den 1830er Jahren begann dort die industrielle Produktion. Mitte des 19. Jahrhunderts wurden mehrere hundert Tonnen Ultramarin jährlich hergestellt – eine enorme Menge für die damalige Zeit. Das zuvor exklusive Pigment wurde damit zu einer breit verfügbaren Handelsware.

Ein besonders verbreitetes Produkt war das sogenannte Waschblau, in Griechenland unter dem Namen Loulaki bekannt (Das wort wiederum stammt aus dem türkischen, wie übrigens auch das Wort „Lila“).
Dabei handelt es sich um fein verteiltes Ultramarin, das der Wäsche zugesetzt wurde. Der Effekt beruht auf einem einfachen optischen Prinzip:
Blau ist die Komplementärfarbe von Gelb. Leicht vergilbte Stoffe erscheinen durch den Zusatz von Blau wieder strahlend weiß.
Dieses Verfahren war im 19. und frühen 20. Jahrhundert weit verbreitet. Das Waschblau wurde oft in Form kleiner Kugeln oder Stücke verkauft – genau jene, die man in entsprechenden historischen Dosen findet. Hier eine Abbildung, die der Autor im alten Lagerbestand einer Apotheke in Coburg fand):
Moderne Waschmittel nutzen ähnliche Effekte in Form sogenannter optischer Aufheller.
Auch die blau-weißen Häuser Griechenlands sind kein uraltes Phänomen.
Das Weiß stammt traditionell von Kalk, der leicht verfügbar war und zugleich hygienische Vorteile bot. Das Blau hingegen konnte sich erst durch die Verfügbarkeit günstiger Pigmente verbreiten.
Im 19. und frühen 20. Jahrhundert wurde Ultramarin zunehmend auch als Anstrichfarbe verwendet. In vielen Regionen setzte sich die Kombination von Weiß und Blau schließlich durch und wurde später zu einem prägenden Bestandteil des Landschaftsbildes.
Weitere „Pflanzen der Woche“ findet Ihr in unserem Archiv – alle, seit 2016.