Veganes M-Wort

2. August 2021 | Bild der Woche | 1 Kommentar

Seit Monaten schon verhilft die Schlacht am Wörtersee einem zur Leblosigkeit verdorrten Orchideenfach zu unerwartet neuer Blüte. Gemeint ist das Nischenbiotop der Etymologen, in dem Echsenmenschen wie Indogermanisten, Indoeuropäisten und Ortsnamenforscher ihr Dasein bislang nur unter nahezu totaler Herabsetzung des akademischen Stoffwechsels aufrecht erhalten konnten, vergessen von den Streichorgien utilitaristischer Hochschuldekane. Nun aber, aufgeweckt vom Streit um Namensbestandteile von Apotheken, Gaststätten, Akteuren der  Weihnachtskrippe und Schaumzuckergebäck lassen wir die Experten der M-Wort-Debatte einmal auf die Auslage im Gemüseladen los.

Die etymologische Wurzel der Pflanze, die wir suchen, soll jedenfalls, das behauptet die Mehrzahl der Orchideenwissenschaftler, keinesfalls einen rassistischen Hintergrund haben, sondern sich auf irgendeine west- oder urgermanische oder sogar slavisch vermutete Urform zurückführen lassen, auf einen vielleicht sogar sanskritischen mrupf-Laut, der sich auf die Wurzel unserer Pflanze beziehen soll. Aber Etymologen denken immer an Wurzeln.

„Gemüse, aber normal“: die wilde Ur-Wurzel zeichnet sich nicht durch besondere Farbigkeit aus.

Nicht die sprachwissenschaftliche, sondern die tatsächliche Wurzel unserer Pflanze ist weiß. Richtig weiß, jawohl. Nix „of Colour“. Jedenfalls war das damals so, als der alte Germane oder Slave die Wurzel der Wildpflanze unter Ausstoß eines dumpfen M-Lautes aus dem erdbraunen heimischen Mutterboden zog.

Wenden wir uns dem Blütenstand zu, der jetzt seine Schirmherrschaft  über Wiesen, Wegränder und Unkrautsteppen ausübt. Da sehen wir, wie sich eine überwältigende, weiße Mehrheitsgesellschaft um eine meist einzelne, auffallend große, dunkelpurpurfarbene, fast braunschwarze Blüte schart. Hahn im Korb, möchte man meinen – doch gendermäßig gesehen ist sie weiblich. Man möchte sie auf den ersten Blick gar für ein Insekt halten, was wohl evolutionär so beabsichtigt ist. Falsch dagegen ist die oft zu lesende Behauptung, die dunklen Einzelblüten hätten der Pflanze das M-Wort eingetragen.

Und doch kommt, im Laufe der Geschichte, Farbe in die Wurzel. Unübersehbar, wenn wir die Nachfahren unserer Pflanze im Laden kaufen. Denn es haben sich, auf dem Weg zu einer bedeutenden Gemüsepflanze, artverwandte Kulturbereicherer aus dem Süden eingekreuzt und die langweiligen Gene tüchtig aufgemöbelt.  Die Fremdgene und Mutanten verleihen der Wurzel heute eine intensive Farbe. Eine ganze Farbstoffgattung ist nach den bunten Nachfahren der wilden weißen Germanenwurzel benannt. Viele Gemüse enthalten solche  Farbstoffe, ohne die wir Menschen Gefahr laufen würden, blind durch die Gegend zu stolpern.

Alles klar?

Dann schnell zu unseren Fragen:

-Um welche Pflanze handelt es sich?

-Welchem Teil der Pflanze im Titelbild laufen die schwarzen Buben hinterher ?

– Was für Farbstoffe enthält die Wurzel, die für unsere  Sehkraft so unerlässlich sind?

die Wilde M**** kann man auf den Wiesen sammeln. Doch Vorsicht, sie könnte giftige Doppelgänger haben. Welche, und wie unterscheidet man sie ?

(HW)

Auflösung der letzten Pflanze der Woche („Kraut gegen Dämonen und Schädlinge“): der Rainfarn, Tanacetum vulgare.

Rainfarn, Tanacetum vulgare

Gesucht war der Rainfarn, der kein Farn ist (Rain = Wegesrand, ..farn = Farn-ähnliche Blätter), Tanacetum vulgare. Rainfarn ist nicht nur nützlich im biologischen Pflanzenschutz, sondern ist auch Wirtspflanze verschiedener Insekten, die sich auf den Genuss dieser Pflanze spezialisiert haben. Bei vollem Sonnenschein stehen die Laubblätter in Anpassung an die Wärmestrahlung senkrecht nach Süden ausgerichtet, könnten also als Kompass dienen.

(Hans Ferenz)

Noch mehr „Pflanzen der Woche“ findet Ihr übrigens in unserem Archiv. Seit 2016, jede Woche ein Gewächs.

 

 

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