Pflanze der Woche, 15.-21. September 2025
„Sag mal, haste die Perücke selber gebastelt?“, fragte Josephine, eine der neuen Praktikantinnen.
„Klar doch, rein pflanzlich. Keine tierischen Produkte“, entgegnete Heino stolz und rückte an seiner wallenden Haarpracht zurecht.
„Ach deshalb die ganzen Zweige und Pflanzenreste mit diesen wolligen Rispen, die noch auf dem Tisch herumlagen? Ja, klar – die Pflanze der Woche halt. Die Arbeit muss weitergehen, und unsere Leser wollen jede Woche versorgt werden.“
„Ja ja …“, maulte Josephine, doch Heino war schon abgelenkt: Er blickte in ein paar Kindergesichter.
„Sag mal – was ist denn mit euch passiert? In den Jungbrunnen gefallen?“
„Nö, aber wir haben uns ein Getränk aus den Pflanzenresten gemacht“, schallte es glockenhell zurück.
„Ihr habt WAS?“
„Klar – wir haben vorher gegoogelt. Der Baum, den du da für deine Perücke gerupft hast, hat ganz interessante Wirkstoffe. Wollten wir mal testen. Dass es so heftig wirkt, damit haben wir aber nicht gerechnet.“
„Was für Wirkungen denn?“, fragte Heino verdutzt.
„Senolytische Wirkung – noch nie gehört?“
Heino zog sich mitsamt seiner pflanzlichen Haartracht an den Rechner zurück und begann zu googeln. Tatsächlich: In Zellkulturen und Mäusen war die Wirkung nachgewiesen – und seine „Büromäuse“ schienen sie gleich selbst bestätigt zu haben.
„Sagt mal – hat Nixi auch etwas davon bekommen?“, fragte er erschrocken, denn sein Altersunterschied zu seiner Freundin war ohnehin schon Gegenstand spitzen Gelästerns.
„Nee, die ist doch krankgeschrieben“, hieß es. Heino atmete auf – und las weiter. Von historischen Färberezepten war die Rede, von einem leuchtend gelben Farbstoff, den man seit Jahrhunderten kannte. Und davon, dass derselbe Stoff nicht nur das Altern der Zellen verzögern, sondern auch Zellen krank machen konnte.
„Lasst lieber die Finger davon“, warnte Heino schließlich. „Ein bisschen Gelb zum Färben ist ja schön – aber den Jungbrunnen braucht man nicht im Büro.“
Fragen an die Leserinnen und Leser:
- Was ist das für ein „fiset“-Zeugs, das Heino da zur Perücke verarbeitet hat?
- Und was hat es mit diesem Jungbrunnen-Wirkstoff auf sich?
- Welche möglicherweise gefährlichen Wirkungen besitzt er?
Und kann man mit dem Zeug wenigstens Blau färben?
Auflösung der letzten Pflanze der Woche (Feuer in den Redaktionsräumen): Pampasgras, Cortaderia selloana.
Genau, Gork vom Ork hatte spontan die richtige Lösung: gesucht war das Pampasgras (Cortaderia selloana (Schult. & Schult.f.) Asch. & Graebn.), eine ausdauernde, horstbildende C4-Grasart aus der Familie der Süßgräser (Poaceae, Unterfamilie Danthonioideae).
Systematische Einordnung
- Ordnung: Poales
- Familie: Poaceae (Süßgräser)
- Unterfamilie: Danthonioideae
- Gattung: Cortaderia Stapf
- Art: Cortaderia selloana
Nomenklatur:
Die Gattungsbezeichnung Cortaderia leitet sich vom spanischen Verb cortar („schneiden“) ab – ein direkter Hinweis auf die extrem scharfkantigen, sägeartig gezähnten Blattränder. Diese besitzen sklerenchymatische Einlagerungen und können bei Hautkontakt tief einschneiden. Der Artname selloanaehrt den deutschen Naturforscher Friedrich Sellow (1789–1831), der in Südamerika Pflanzen sammelte und beschrieb.
Morphologie:
Die Art bildet kräftige, horstartige Büsche mit einer Wuchshöhe von bis zu 3 m. Die Blätter sind linealisch, bis zu 2 m lang und 1–2 cm breit, am Rand mit scharf zugespitzten Silikateinlagerungen versehen. Der Blütenstand ist eine bis zu 90 cm lange, reich verzweigte Rispe, deren Spindel dicht mit seidig behaarten Hüllspelzen besetzt ist. Diese Haare reflektieren das Licht silbrig-weiß bis leicht violett und machen die Pflanze zu einer beliebten Zierart.



Ökologie und Verbreitung:
Die Heimat von Cortaderia selloana liegt in den Grassteppen („Pampas“) Argentiniens, Uruguays und Südbrasiliens. Dort besiedelt die Art offene, trockene Standorte. Sie ist zweihäusig (diözisch), wobei weibliche Pflanzen dominieren, da sie sich über Windbestäubung und reichlich produzierte Samen effizient vermehren.
In zahlreichen Regionen (u. a. Südeuropa, Kalifornien, Neuseeland) wurde Cortaderia selloana als Zierpflanze eingeführt und hat sich zu einem invasiven Neophyten entwickelt. Sie verdrängt dort durch dichte Horstbildung und hohen Samenertrag einheimische Vegetation. Daher ist ihre Pflanzung in einigen Ländern mittlerweile verboten (z. B. in Spanien und Portugal).
Pyrophytische Eigenschaften:
Die trockenen Blütenstände und Blattreste sind hochgradig brennbar. Durch ihre faserige Struktur und den Gehalt an Silikat und Lignin entzünden sie sich schnell und brennen mit hoher Flammenintensität – ein Grund, weshalb das Pflanzenmaterial in vielen Regionen als Brandlast gilt. Der im Rätsel beschriebene „explosionsartige“ Brand ist eine realistische Gefahr.
Gärtnerische Praxis:
Im Ziergartenbau empfiehlt sich, die Blütenstände vor der Samenreife zu entfernen, um die unkontrollierte Verbreitung zu verhindern. Im Spätwinter wird der gesamte Horst bodennah zurückgeschnitten; Brandrodung ist dagegen aus ökologischen und sicherheitsrelevanten Gründen nicht zulässig.
Quellen (Auswahl):
- Clayton, W.D. et al. (2006): World Grass Species: Descriptions, Identification, and Information Retrieval. Kew: Royal Botanic Gardens.
- Rivas-Martínez, S. et al. (1999): Cortaderia selloana: ecological and phytosociological data from the Iberian Peninsula. Lazaroa 20: 123–136.
CABI Invasive Species Compendium (2023): Cortaderia selloana (pampas grass).
Weitere „Pflanzen der Woche“ findet Ihr in unserem Archiv – alle, seit 2016.