Pflanze der Woche, 25.-31. Mai 2026
Eigentlich war es wieder Heinos Aufgabe gewesen. In der Redaktion von Hallespektrum lag seit Tagen dieses merkwürdige Päckchen herum, das der ehemalige Landtagsabgeordnete K. von einer Reise aus Afrika mitgebracht hatte. Ein Gastgeschenk. „Traditioneller Tee“, hatte er gesagt. „Sehr beliebt dort. Hier kennt das kaum jemand.“
Dann hatte er Heino das Paket in die Hand gedrückt.
„Mach mal Pflanze der Woche draus.“
Seitdem stand das gelbliche Päckchen auf Heinos Küchentisch. Darauf ein Wort, das er kaum entziffern konnte. „Kikeki.. was?“ stutzte er.
Natürlich hatte Anna Blume sofort eine Idee.
„Wir machen ein Unboxing.“
Heino stöhnte.
„Bitte nicht dieses Influencer-Zeug.“
Doch am nächsten Tag hatte Anna bereits alles vorbereitet. Kamera, Licht, Hintergrund.
„Das muss heute alles visuell funktionieren“, erklärte sie streng.
Heino sagte lieber nichts.
Anna setzte sich vor die Kamera und riss die Packung auf. Darin lagen unscheinbare Teebeutel.
„Ooooh“, machte sie professionell begeistert und hielt einen an die Nase.
Heino schnupperte ebenfalls.
„Riecht wie Kamillentee im Krankenhaus.“
Anna ignorierte ihn.
„Sehr aromatisch“, sagte sie in die Kamera.
Dann goss sie heißes Wasser darüber. Der Tee färbte sich hellgelb.
Sie probierte vorsichtig.
Kurze Pause.
„Wow.“
Heino nahm ebenfalls einen Schluck und verzog das Gesicht.
„Schmeckt gesund.“
„Das IST gesund“, widersprach Anna sofort, obwohl sie es offenbar selbst nicht wusste.
Er stellte die Tasse ab und sah sich um.
„Sag mal – was ist das eigentlich für eine Fototapete hinter dir?“
Zwischen großen Sträuchern blickte ein Tiger aus dem Bild. Dazwischen trockene Landschaft, helle Blütenstände und staubiges Licht.
„Tigerbusch“, sagte Anna.
„Nie gehört.“
„Das heißt wirklich so.“
„Und da wohnen Tiger?“
Anna zuckte mit den Schultern.
„Bestimmt.“
„Und diese Pflanze da – wächst die dort?“
„Sogar ziemlich oft“, sagte sie stolz. „Hab ich gelesen.“
„Aha.“
Heino nahm noch einen Schluck Tee.
Er schmeckte immer noch nach Krankenhaus. Vielleicht ein wenig bitterer.
„Und wofür soll das gut sein?“
Anna sah kurz aufs Handy.
„Hm. Verdauung. Leber. Abnehmen. Alles Mögliche.“
„Natürlich.“
Draußen zog langsam Regen auf.
Drinnen dampfte der Tee.
Und irgendwo zwischen Fototapete, Teebeuteln und Halbwissen wartete offenbar schon wieder eine Pflanze der Woche.
Liebe Leserinnen und Leser, jetzt seid ihr dran:
- Um welche Pflanze geht es, aus der dieser traditionelle Gesundheitstee gemacht wird?
- In welcher Landschaft wächst sie typischerweise?
- Was ist ein „Tigerbusch“?
- Und gilt dieser Tee tatsächlich als gesund – oder eher als traditionelles Hausmittel?
Auflösung der letzten Pflanze der Woche („Bruder Jacob und die Himmelsleiter“): Die gewöhnliche Jakobsleiter.
Die gesuchte Pflanze war die Polemonium caeruleum, die Gewöhnliche Jakobsleiter.
Sie gehört zur Familie der Sperrkrautgewächse (Polemoniaceae) und ist eine ausdauernde krautige Pflanze mit blauvioletten Blüten. Besonders charakteristisch sind ihre gefiederten Blätter. Die zahlreichen kleinen Fiederblättchen sitzen regelmäßig einander gegenüber und erinnern an die Sprossen einer Leiter.
Daraus erklärt sich auch der deutsche Name „Jakobsleiter“. Er nimmt Bezug auf die alttestamentliche Erzählung aus dem Buch Genesis. Jakob träumt dort von einer Leiter, die von der Erde bis in den Himmel reicht und auf der Engel auf- und niedersteigen.
Im Rätseltext vermischen sich deshalb mehrere Ebenen: Heinos alkoholverhangener Traum, die biblische Figur Jakob, der Betrug an seinem Bruder Esau – und Heinos eigenes schlechte Gewissen wegen seines Verhaltens gegenüber Nixi.


Der Name Polemonium
Der wissenschaftliche Gattungsname Polemonium wurde von Carl Linnaeus in die botanische Nomenklatur übernommen. Linné griff dabei auf antike Quellen zurück, insbesondere auf Erwähnungen bei Dioscorides und anderen antiken Autoren.
Die Herkunft des Namens ist nicht völlig gesichert. Traditionell wird er mit dem griechischen Wort polemos („Krieg“, „Streit“) verbunden. Bereits in der Antike kursierte die Erzählung, zwei Herrscher hätten sich darüber gestritten, wer die Heilkräfte der Pflanze zuerst entdeckt habe. Der Name der Pflanze sei daraus entstanden.
Welche Herrscher gemeint waren, bleibt unklar; die Geschichte gehört eher in den Bereich gelehrter Legenden als gesicherter Historie. Dennoch wurde sie über Jahrhunderte weiter tradiert.
Der Pflanze wurden verschiedene Heilwirkungen zugeschrieben. In älteren Kräuterbüchern galt sie unter anderem als Mittel gegen Entzündungen, Fieber, Husten und „Brustbeschwerden“. Teilweise wurde sie auch beruhigend oder krampflösend verwendet. Wissenschaftlich gesichert sind diese historischen Anwendungen jedoch nur begrenzt.
Standort und Verbreitung
Polemonium caeruleum wächst bevorzugt auf feuchten Wiesen, an Gräben, Bachrändern und in lichten Auenbereichen. In Deutschland ist die Art vielerorts selten geworden und regional gefährdet.




Das Bildmotiv
Das Beitragsbild spielt deutlich auf barocke Deckenmalerei an. Die dramatisch geöffneten Wolkenräume, die aufsteigende Bewegung der Figuren und die Verbindung zwischen Erde und Himmel erinnern an Werke des venezianischen Malers Giovanni Battista Tiepolo.


Tiepolo zählt zu den bedeutendsten Freskenmalern des 18. Jahrhunderts. Berühmt wurde er für monumentale Deckenbilder mit illusionistischen Himmelsräumen, schwebenden Figuren und theatralischen Lichtwirkungen.
Heino erinnert sich im Text undeutlich daran, solche Bilder schon einmal gesehen zu haben: im Treppenhaus der Würz burger Residenz. Tatsächlich schuf Tiepolo dort eines seiner bekanntesten Werke – das monumentale Deckenfresko über dem Treppenhaus der Würzburger Residenz. Es gilt als eines der bedeutendsten Fresken des europäischen Spätbarock.
Die traumartige Himmelsleiter im Bild verbindet damit barocke Bildsprache, biblische Vision und botanische Namensdeutung zu einer einzigen Szene.
Weitere „Pflanzen der Woche“ findet Ihr in unserem Archiv – alle, seit 2016.