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Sterntaler, Glück und eine wilde Jagd zu Neujahr

Pflanze der Woche, 29. Dezember 2025 – 4. Januar 2026


Kurz vor dem Jahreswechsel lag sie wieder auf dem Tisch der Redaktion: die Neujahrskarte der ehemaligen Praktikantin aus China. Dünnes Papier, sorgfältige Schrift, ein Motiv, das auf den ersten Blick freundlich wirkte – und auf den zweiten eigentümlich fremd.

Schon beim ersten Blick auf das Bild fiel die Pflanze ins Auge: runde, fast scheibenartige Blätter, wie kleine Teller, an dünnen, langen Stielen, die in einem Topf wuchsen. „Sieht aus wie Münzen“, murmelte Heino. „Bestimmt ein Glücksbringer.“
„Ach ja?“ sagte Nixi trocken. „Und bei uns ist Glück dann Geld? Oder eher der Klee?“
Sie deutete auf einen alten Topf am Fensterbrett – ein Relikt aus einer früheren Folge, längst vergessen.

Draußen zerrte der Wind an den alten Fensterrahmen, fuhr pfeifend durch die Ritzen des Redaktionshauses. „Der kälteste Winter seit fünfzehn Jahren“, sagten sie im Radio, und man glaubte es sofort. Irgendwo klapperte ein loses Schild, etwas schepperte, und für einen Moment klang es fast wie Schreie.

„Mein Gott“, rief Nixi und sprang auf, „jetzt geht die Wilde Jagd da draußen wieder los.“
Sie schlug das Fenster zu, mehr gegen das Geräusch als gegen die Kälte.

„Der wütende Zug“, murmelte Heino.
„Welcher Zug?“ fragte jemand. „Die Bahn fährt doch kaum noch.“

„Ach, lieber nicht“, sagte Heino abwehrend. „Ich will hier niemandem Angst machen. Aber davon haben wir doch schon erzählt.“
„Ja“, sagte Nixi, „schauerlich genug.“ Sie deutete auf die Karte. „Und da – schaut mal – sogar hier ist er angedeutet.“

Neben der Pflanze war eine junge Frau im Regen zu sehen, die Arme ausgestreckt. Vom Himmel fielen Münzen herab, blank und schwer. Sterne, Wappen, fremde Zeichen. „Das ist doch kein chinesisches Motiv“, sagte jemand.
„Nein“, meinte ein anderer, „aber Abschreiben können sie.“
Nixi schüttelte den Kopf. „Die Münzen sind alt. Und die Geschichte auch.“

Sie dachte einen Moment nach.
„Grimm“, sagte sie schließlich. „Die Sterntaler.“
„Ach die“, sagte Heino. „Das harmlose Märchen?“
„Nicht ganz so harmlos“, erwiderte Nixi. „Diese Taler hatten einmal einen sehr realen Ursprung.“

Es wurde still. Draußen knallte ein verfrühter Böller, irgendwo lachte jemand zu laut. Heino klappte sein Notizbuch zu.
„Gut“, sagte er. „Das reicht. Wir machen eine Geschichte daraus. Dann ist Schluss für dieses Jahr.“

Er stellte die Karte zwischen die Pflanzen auf der Fensterbank – und ließ offen, ob sie nun Glück versprach oder nur daran erinnerte, wie alt manche Geschichten wirklich sind.


Fragen an die Leserinnen und Leser

  1. Um welche Pflanze handelt es sich bei den runden, münzartigen Blättern?
  2. Welche Münzen sind im Bild angedeutet – und in welchem historischen Zusammenhang spielten sie eine Rolle?
  3. Was ist mit dem „wütenden Zug“ gemeint, von dem die Rede ist?

Auflösung der letzten Pflanze der Woche: (Der Todesstern): Cassia-Zimt

Cinnamomum cassia — die Zimtcassie

Bei der gesuchten Pflanze handelt es sich um die Zimtcassie, Cinnamomum cassia, einen immergrünen Baum aus der Familie der Lorbeergewächse (Lauraceae). Ursprünglich stammt sie aus Südchina und Südostasien und wird dort seit Jahrtausenden kultiviert.

Botanisch ist die Zimtcassie ein bis zu 15 Meter hoher Baum mit ledrigen, glänzenden Blättern. Geerntet wird nicht die Frucht, sondern die innere Rinde junger Triebe. Diese wird abgeschält, getrocknet und rollt sich dabei zu den bekannten dicken, dunklen Zimtstangen zusammen. Der Name Cinnamomum hängt mit dem lateinischen canna zusammen – „Rohr“ oder „Röhre“ – und verweist auf diese eingerollte Form.

Cassia-Zimt und Ceylon-Zimt

Im Handel wird zwischen Cassia-Zimt (Cinnamomum cassia) und Ceylon-Zimt (Cinnamomum verum) unterschieden. Ceylon-Zimt stammt vor allem aus Sri Lanka, ist feiner, heller und aromatisch milder. Cassia-Zimt hingegen schmeckt kräftiger, schärfer – und ist deutlich günstiger. Deshalb wird er in der industriellen Verarbeitung bevorzugt, etwa in Zimtsternen und Glühwein.

Cumarin und der „Todesstern“

Nein, wir suchten mit dem „Todesstern“ nicht den Sternanis (Rati schrieb: Ich denke mal, es handelt sich um Echten Sternanis (Illicium verum)).

Regelmäßig warnen aber verbrauchschützer vor „giftigen“ Zimtsternen. Cassia-Zimt enthält vergleichsweise hohe Mengen Cumarin, eines natürlichen Aromastoffs. In größeren Mengen kann Cumarin leberschädigend wirken, besonders bei Kindern. Deshalb gibt es in der EU festgelegte Höchstmengen für zimthaltige Lebensmittel. Untersuchungen zeigen, dass diese Grenzwerte vor allem bei preiswerten Zimtsternen gelegentlich überschritten werden – daher der polemische Begriff vom „Todesstern“.

Ein gelegentlicher Glühwein ist unproblematisch; problematisch wird es bei regelmäßigem, hohem Konsum stark cassiahaltiger Produkte.

Zimt und Glühwein – ein Blick in die Geschichte

Gewürzter Wein ist alt: Schon die Römer kannten mit Honig und Gewürzen versetzten Wein (conditum paradoxum). Zimt jedoch gelangte erst im Mittelalter über arabische Händler nach Europa. Cassia-Zimt war dabei lange die gängige Sorte, da der „echte“ Ceylon-Zimt seltener und teurer war.

Der klassische Glühwein, wie wir ihn heute kennen, entwickelte sich im deutschsprachigen Raum vor allem im 19. Jahrhundert – mit Zimt, Nelken und Zitrusschalen. Dass dabei meist Cassia-Zimt verwendet wird, ist also weniger Tradition als Ökonomie.

Weitere „Pflanzen der Woche“ findet Ihr in unserem Archiv – alle, seit 2016.

4 comments on “Sterntaler, Glück und eine wilde Jagd zu Neujahr”

  1. Gesucht ist die Pflanze „Pilea peperomioides“, sie wird auch als Geldbaum bezeichnet. In Asien nutzt man sie als Glückssymbol,in Europa kennt man sie als Zimmerpflanze.

  2. Die Bezeichnung „Sterntaler“ wird meistens in Deutschland verwendet. Sie ist auf den Ordensstern der Rückseite bezogen, die den 1770 gestifteten Hausorden vom Goldenen Löwen zeigt.

    Der abgebildete Taler hat aber noch eine speziellere Bedeutung. Es handelt sich um den sogennanten Blutdollar oderSterntaler Talermünze der Landgrafschaft Hessen-Kassel, die 1776, 1778 und 1779 Landgraf Friedrich II. (1760–1785) prägen ließ. Der Taler erhielt in den britischen Kolonien an der Ostküste Nordamerikas den Namen Blood Dollar, weil man annahm, dass er zur Entlohnung der Soldaten diente, die der Landgraf an Großbritannien vermietet hatte. Die britische Krone setzte die Soldaten im Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg (1775–1785) gegen die Kolonisten ein. Eine weitere Deutung des Talernamens bezieht sich auf die Annahme, dass Friedrich für die Münzproduktion das „Blutgeld“ verwendete, das er von Großbritannien für seine hessischen Soldaten erhielt.

  3. Die Wilde Jagd ist seit dem Mittelalter eine verbreiteteeuropäische Sage eines geisterhaften, oft nächtlichen Zuges von Toten, Dämonen und mythischen Wesen, der durch den Himmel rast, besonders in den Rauhnächten, angeführt von Figuren wie Odin, Perchta oder Wodans Jagd, und symbolisiert Ängste vor dem Winter, Tod, aber auch Hoffnung auf Fruchtbarkeit, mit regional stark variierenden Bedeutungen von unheimlich bis bis katastrophal. In den Rauhnächten 25. Dez. bis 6. Jan. sollen sie Ihr Unwesen treiben.

  4. zu dem „ Künstler“ der da im Bild Hand angelegt hat, wonach ja nicht gefragt wurde, würde ich Alfons Mucha vorschlagen, vlt. rechts oben im Bild mit dieser Quasi-Glasmalerei. Der war übrigens eines der ersten Opfer des NS-Regimes in Tschechien: „Mucha war einer der Ersten, die nach dem Einmarsch der deutschen Truppen 1939 interniert wurden. Er starb kurz darauf an den Folgen einer Lungenentzündung. „

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