Pflanze der Woche, 15.06-21.06 2026
Als Heino Anna wiedersah, erkannte er sie zunächst kaum.
Sie trug ein dunkelviolettes Kopftuch. Dazu ein hochgeschlossenes Oberteil. Kein Ausschnitt. Keine Provokation. Nichts.
„Was soll das denn werden?“, fragte er.
„Protest“, sagte Anna.
„Wogegen?“
„Gegen diesen ganzen prüden Quatsch.Den Deiner bescheuerten, verklemmten Leser“
„Welchen Quatsch?“
„Na den Quatsch. Die Wurstdiskussion. Die Leserbriefe. Die Sitzungen. Die Beschwerden. Wenn man einmal eine Wurst fotografiert, bricht offenbar die Zivilisation zusammen.“
Heino seufzte.
„Ach das.“
„Jetzt erst recht“, erklärte Anna. „Diesmal beschwert sich jedenfalls niemand.“
Heino warf einen Blick in die Küche.
„Und was machst du da?“
Es roch intensiv. Würzig. Nach Knoblauch. Vielleicht auch nach Lauch. Irgendetwas Mediterranes lag in der Luft.
Auf dem Tisch stand ein Teller Spaghetti.
Darüber streute Anna kleine dunkelviolette Knöllchen.
„Aliens“, sagte sie.
„Aliens?“
Heino sah sich vorsichtig um.
„Nein. Alliums.“
„Ach so.“
„Plural von Allium.“
„Das müsste eigentlich Alia oder Alii heißen.“
„Von mir aus. Aliens klingt besser.“
Heino beschloss, darüber nicht zu diskutieren.
„Wo hast du das Zeug her?“
„Gefunden. Am alten Weinbergweg.“
„Wild?“
„Natürlich wild.“
Das machte die Sache nicht unbedingt vertrauenswürdiger.
Er nahm eines der kleinen Knöllchen und probierte.
Knoblauch.
Deutlich Knoblauch.
Aber milder.
„Gar nicht schlecht.“
Jetzt betrachtete er die Pflanze genauer.
Die langen Stängel trugen kugelige Blütenstände. Zwischen den Blüten saßen kleine Zwiebelchen.
Und unten an der großen Zwiebel klebten ebenfalls kleine dunkle Brutzwiebeln.
„Das ist ja seltsam.“
„Praktisch“, sagte Anna.
„Die Pflanze vermehrt sich offenbar auf allen Ebenen.“
Heino nickte.
„Fast ein bisschen unheimlich.“
In diesem Augenblick bewegte sich etwas auf dem Küchentisch.
Langsam.
Grün.
Geschmeidig.
Heino sprang auf.
„Eine Schlange!“
Tatsächlich schlängelte sich eine leuchtend grüne Schlange zwischen Knoblauchknollen und Spaghettiteller hindurch.
„Was machst du da?“, rief er. „Bist du jetzt völlig verrückt geworden?“
Anna begann zu lachen.
„Schlangenfraß.“
„Was?“
„Na, Schlangenfraß.“
„Das erklärt überhaupt nichts!“
„Dann müssen es eben wieder die Leser erklären.“
Fragen an die Leser
- Welche Pflanze hat Anna hier gesammelt und verarbeitet?
- Gehört sie tatsächlich zu den Knoblauchgewächsen oder handelt es sich um etwas anderes?
- Warum tauchen an den Blütenständen kleine Zwiebelchen auf?
- Was hat die Schlange mit dem deutschen Namen der Pflanze zu tun?
- Wo kommt die Art ursprünglich vor und warum findet man sie heute auch verwildert in Deutschland?
Auflösung der letzten Pflanze der Woche: „Fleischwurstbüsche. Rosa Verführung“: Kaspische Tamariske (Tamarix ramosissima)
Bei der gesuchten Pflanze handelt es sich um die Kaspische Tamariske (Tamarix ramosissima) beziehungsweise nahe verwandte Tamarisken des kaspischen Raumes).
Tamarisken sind Sträucher oder kleine Bäume der Gattung Tamarix. Charakteristisch sind ihre feinen, schuppenförmigen Blätter und die zahlreichen kleinen Blüten, die in dichten rosafarbenen Blütenständen erscheinen. Während der Blüte wirken ganze Bestände wie rosa Wolken oder Schleier in der Landschaft.





Die Tamariske und das Kaspische Meer
Die Kaspische Tamariske ist hervorragend an trockene, salzhaltige Standorte angepasst. Sie wächst an Küsten, Flussufern, in Salzsteppen und Halbwüsten. Gerade im Umfeld des Kaspischen Meeres findet sie deshalb ideale Bedingungen.
Eine Besonderheit der Tamarisken sind ihre Salzdrüsen. Über diese können überschüssige Salze ausgeschieden werden. Dadurch vertragen Tamarisken Böden, auf denen viele andere Gehölze nicht mehr gedeihen würden.
Das biblische Manna
Seit Jahrhunderten wird das biblische Manna mit Tamarisken in Verbindung gebracht.
Besonders bekannt ist die sogenannte Manna-Tamariske (Tamarix mannifera). Auf ihren Zweigen leben Schildläuse und andere Pflanzensauger. Diese scheiden eine zuckerreiche Flüssigkeit aus, die bei trockener Witterung zu kleinen weißen Körnchen oder Krusten erstarrt.
Diese süße Substanz wird traditionell gesammelt und gegessen. Sie enthält verschiedene Zuckerarten und schmeckt angenehm süß.
Ob es sich dabei tatsächlich um das Manna der biblischen Überlieferung handelt, lässt sich nicht sicher beweisen. Die Vermutung wird jedoch seit dem 19. Jahrhundert immer wieder diskutiert und gilt als eine der plausibelsten naturkundlichen Erklärungen.
Warum ist Fleischwurst rosa?
Die rosa Farbe von Fleischwurst entsteht in der Regel durch Nitritpökelsalz.
Das enthaltene Nitrit reagiert mit dem Muskelfarbstoff Myoglobin und bildet stabile rote Farbstoffe. Dadurch behält die Wurst auch nach dem Erhitzen ihre typische rosa Farbe.
Ohne diesen Prozess würde gekochtes Fleisch eher grau oder graubraun erscheinen.
Der Name Tamariske
Der wissenschaftliche Gattungsname Tamarix ist bereits aus der Antike bekannt. Wahrscheinlich leitet er sich vom Namen des Flusses Tamaris im Gebiet der Pyrenäen ab, an dessen Ufern ähnliche Pflanzen vorkamen.
Tamarisken gehören zu den auffälligsten Gehölzen trockener und salzreicher Landschaften Eurasiens und Nordafrikas. Ihre Anpassungsfähigkeit hat ihnen eine weite Verbreitung verschafft – von den Küsten des Mittelmeeres bis an die Ufer des Kaspischen Meeres.
Weitere „Pflanzen der Woche“ findet Ihr in unserem Archiv – alle, seit 2016.
One comment on “Schlangenfraß”
Weinbergs-Lauch (Allium vineale), auch Weinberg-KnoblAuch genannt
– Weinbergs-Lauch ist botanisch gesehen keine Knoblauch-Art. Er gehört zwar zur selben Gattung wie der echte Knoblauch, ist aber eine eigenständige Art innerhalb dieser Familie
– handelt sich um Brutzwiebeln in den Blüten, welche herunterfallen und von Tieren z. B. verbreitet werden, Brutzwiebeln gibt es auch an den Knollen
– Es gibt eine extrem nah verwandte Allium-Art, die denselben Trick mit den Zwiebeln in der Blüte anwendet und den offiziellen deutschen Namen Schlangen-Lauch trägt, sieht dem Weinbergs-Lauch sehr ähnlich, hat aber etwas flachere Blätter. Seinen Namen hat er vermutlich erhalten, weil sich seine Blütenstängel vor dem Aufblühen oft schlangenartig krümmen und winden.
Eine zweite Sorte, die Ziersorte Allium vineale ‚Hair‘ („Snake Ball“) ist eine gärtnerische Zuchtform, die im Blumenhandel auch oft als „Snake Ball“ (Schlangen-Ball) oder „Snake Allium“ verkauft wird.
As den Brutzwiebeln im Blütenkopf wachsen lange, dünne, neongrüne Blattaustriebe heraus. Der Blütenkopf sieht aus wie ein grüner Schopf aus Schlangenhaaren (erinnert an die Medusa). Die Stängel dieser Sorte winden (schlängeln) und drehen sich in alle Richtungen.