„Gut, dass Sie gekommen sind“, eröffnete Polizeikommissar Blumenbach das Gespräch. „Sie wurden Zeugin eines Fahrraddiebstahls in Halle-Neustadt?“
„Nun, ich sah, wie er sich da zu schaffen machte. Er drehte alle Flügelmuttern ab, und dann…“
Der Kommissar, der irgendwie seltsam aus der Zeit gefallen schien, unterbrach sie abrupt.
„Okay, benutzte er vielleicht dieses Werkzeug?“ Kommissar Blumenbach legte ihr einen merkwürdigen Gegenstand auf den Tisch.
„Was ist das?“ fragte Nixi, verwirrt.
„Ein Flügelmutternuss-Satz“, kam die Antwort.
„Was? Flügelmutternusswas?“ Nixi starrte auf den Gegenstand, den sie kein Stück verstand.
„Flügelmuttern-Satz“, buchstabierte Blumenbach langsam. „Damit lösen Profis Flügelmuttern.“
„Aha. Das mache ich von Hand“, sagte Nixi und verdrehte die Augen. „Kommen wir erst einmal zur Personenbeschreibung. Können Sie den Täter einem Phänotyp zuordnen?“
„Einem was?“
„Na, früher haben wir gesagt: Südosteuropäer, Südländer und so weiter. Seit Dezember 2026 haben wir aus dem neuen Innenministerium glücklicherweise klarere Vorgaben. Kein Laien-Racial-Profiling mehr. Wir wenden bewährte, objektive Kriterien an.“
„Schauen Sie hier“, sagte er und wies auf eine alte, verstaubte Tafel im Hintergrund. „Das ist eine bewährte Einteilung der Menschenrassen. An die wollen wir uns halten.“
Nixi sah auf die merkwürdig antiquierte Tafel, auf der verschiedene Menschentypen abgebildet waren – dunkle, asiatische Typen, und im Zentrum prangte ein blondblauer „Recke“. „Der hier“, sagte er, „das ist der Normaltyp, die erlesene Rasse. Und die anderen weichen davon ab.“
„Was soll das sein?“ fragte Nixi.
„Ein Kaukasier. So wie Sie. Blond, blauäugig – und mit Verlaub, wunderschön.“ Er betastete ihre Nase.
„Nehmen Sie Ihre Finger weg!“, schrie Nixi. „Sie haben doch nicht mehr alle Tassen im Schrank!“
„Und ich stamme garantiert nicht aus dem Kaukasus. Oder sehe ich aus wie Joseph Stalin?“
„Nun regen Sie sich mal ab. Schauen Sie mal, dieser Schädel hier. Das könnte Ihre Vorlage sein – eine junge Kaukasierin aus unserer Sammlung.“
„Soll das eine Drohung sein?“
„Nein, verstehen Sie mich nicht falsch. Aber sagen Sie mal, was machen Sie eigentlich beruflich?“
„Mitarbeiterin der Hallespektrum-Pflanzenredaktion.“
„Na also! Sie sind doch auch dagegen, dass wir hier von fremden Arten überflutet werden. Sehen Sie mal da draußen, diese deutsche Esche. Das ist unsere Natur, und das wollen wir doch alle erhalten.“
Draußen ließ ein Baum mit gefiederten Blättern seine gelben Blätter fallen. Es waren noch perlschnurartig aufgereihte Früchte zu sehen, die von den Ästen herabhingen.
„Wir unterscheiden die Pflanzen nach Arten“, fuhr der Kommissar fort. „Aber alle die Menschen da, die Sie hier zeigen, gehören doch alle zu einer Art. Homo sapiens. Weitere Unterscheidungen sind biologisch völliger Quatsch.“
„Entschuldigen Sie, aber das da“, erwiderte Nixi, „ist keine Esche. Garantiert nicht!“
„Sondern?“ brüllte der Kommissar.
„Nun, das sollen unsere Leser beantworten“, sagte Nixi, jetzt sichtlich amüsiert über so viel Unsinn.
Also:
-was ist das für ein Baum, der da hinter dem Fenster wächst?
-gehört er hier her?
– und ist Herr Blumenbach wirklich ein Rassist, oder hat sich unsere Redaktion mit der historischen Figur es sich etwas zu einfach gemacht?
Auflösung der letzten Pflanze der Woche (Gänseklein und Meldepflicht): (Atriplex sagittata – die Glanzmelde (Verwechselt mit: Atriplex hortensis – die Gartenmelde)
NhuDeng vermutete: „Der Weiße Gänsefuß (Chenopodium album), ist eine Pflanzenart aus der Gattung Gänsefuß (Chenopodium) in der Familie der Fuchsschwanzgewächse (Amaranthaceae). Die Blätter sind weiß bestäubt“.
Nun ja, vielleicht nicht ganz (gans 🙂 ). Um einen Gänsefuß handelt es sich bestimmt, aus der Familie der Fuchsschwanzgewächse (Fuchs, Du hast die Gans gestohlen …). Aber im Text ist von glänzenden Blättern die Rede – wir haben es hier mit einem Verwandten zu tun, aus der weit verzweigten Gattung der Melden (Atriplex). Die Glanzmelde sieht ähnlich aus wie die Gemüse- oder Gartenmelde, schmeckt aber im Gegensatz zu letzterer eher unangenehm. Die Bestimmung der Gewächse ist nicht immer ganz enfach. Die Glanzmelde hat, wie ihr Name sagt, eine lackartig glänzende Blattoberfläche. Im Vergleich zur Gartenmelde (A. hortensis) laufen die Samen- „Schötchen“ auch tendenziell eher etwas spitzer zu. Dass die aus Versehen im Kochtopf landete, ist also verständlich. Das Pflanzenexemplar fanden wir übrigens auf einer städtischen „wilden Müllkippe“: da, wo gegenüber der Pferderennbahn im Überschwemmungsgebiet der städtische Bauhof gerne seinen Schutt ablagert.
„Ich vermute es handelt sich um einen surrealistischen Malstil“ schreibt NhuDeng. Das kann man so sehen. Trainiert wurde die „LoRA“ für die Bildgenerierungssoftware „Stable Diffusion SDXL 1.0W) mit Gemälden des niederländischen Malers Hieronymus Bosch (1450-1516) .

Geschmacksunterschiede
A. sagittata schmeckt bitter-scharf und leicht metallisch aufgrund von Mineralsalzen und Oxalaten. A. hortensis wurde durch Auslese auf milderen Geschmack, zartere Blätter und geringere Bitterstoffe gezüchtet.
Merkmale zum Unterscheiden
• A. sagittata: pfeilförmige, spitz zulaufende Blätter; glänzend-speckige Oberfläche; Blütenrispen unscheinbar; Samen in länglichen Plättchen.
• A. hortensis: breitere, weniger glänzende Blätter; milder Geschmack; kultivierte Blattvarianten (rot oder grün).
Botanische Zugehörigkeit
• Klade: Eudikotyledonen – Kerneudikotyledonen
• Ordnung: Caryophyllales
• Familie: Amaranthaceae (früher Chenopodiaceae: aus den Chenopoidaceae (Gänsefußartigen) wurden später die Fuchsschwanzgewächse.)
• Unterfamilie: Chenopodioideae
• Gattung: Atriplex
• Art: A. sagittata



Botanische Verwirrung
Innerhalb der Familie kommt es oft zu Streit und Verwechslungen, weshalb man scherzhaft rufen könnte:
„Fuchs, du hast die Gans gestohlen!“
Blätter, Fruchtstände und Samen der nah verwandten Arten sehen sich ähnlich. Morphologisch und genetisch überlappen Fuchsschwanz- und Gänsefußgewächse stark – kurz: es wirbeln Füße und Schwänze durcheinander.
Domestikation
Die Gartenmelde (A. hortensis) entstand vermutlich durch Auslese aus wilden Arten der Gattung Atriplex. Vermutet wird die eng verwandte Aucher-Melde (Atriplex aucheri). Unsere gesuchte Pflanze, die Glanz-Melde, wird dagegen von den meisten Autoren aufgrund ihres widerwärtigen Geschmacks als Vorfahr der Garten-Melde ausgeschlossen.
Weitere „Pflanzen der Woche“ findet Ihr in unserem Archiv – alle, seit 2016.
One comment on “„Racial Profiling“ und ein merkwürdiger Baum”
Kaukasische Flügelnuss (Pterocarya fraxinifolia), auch Eschenblättrige Flügelnuss, ist ein Neophyt, dessen Heimat verrät schon der Name.