Pflanze der Woche, 17.-23. August 2026
Heino erinnerte sich. Es war einer jener heißen Sommertage gewesen, an denen die Luft über den Straßen von Halle flimmert und selbst die Straßenbahnen ein wenig schläfrig erscheinen. Heino aber war damals unter einem Baum gestanden, einem gewaltigen Baum, der seine Krone weit über den Platz spannte.
Von oben rieselten Blüten herab.
Weißlich. Gelblich. Zart.
Und dazu dieser Duft.
Ein Duft, der so schwer und süß war, dass Heino nach einiger Zeit nicht mehr recht wusste, ob er noch unter einem Baum stand oder bereits träumte.
Im Traum hatte er ein Telefon erfunden.
Es bestand aus zwei Konservendosen und einer langen Schnur.
„Damit“, erklärte Heino, „kann ich bis nach Japan telefonieren.“
Am anderen Ende der Leitung saß seine japanische Freundin.
Das Gespräch verlief ausgezeichnet, bis Heino plötzlich ein physikalisches Problem bemerkte.
„Moment mal“, sagte er. „Wie soll denn die Schnur von Halle bis Japan gespannt werden?“
Die Freundin schwieg.
„Japan liegt doch fast auf der anderen Seite der Erde.“
Er dachte angestrengt nach.
„Dann müsste die Schnur ja mitten durch die Erde laufen.“
Das schien ihm schließlich selbst etwas umständlich.
Aber im Traum ist manches möglich, und so telefonierten sie weiter.
Als Heino wieder zu sich kam, stand er noch immer unter demselben Baum.
Oder vielmehr: unter einem Baum derselben Art.
Denn der Baum stammte tatsächlich aus Ostasien, war aber längst auch in europäischen Städten heimisch geworden. Ein seltsamer Gedanke: Man konnte in Halle unter einem Baum stehen und dabei, ohne es zu wissen, ein wenig nach Japan träumen.
Die Blüte war inzwischen vorüber.
Dafür hingen an den Zweigen lange grüne Früchte.
Heino sah genauer hin.
Sie waren nicht einfach lang wie Bohnen.
Sie waren eingeschnürt.
Glied für Glied.
Wie eine Kette.
Wie eine Schnur, an der jemand kleine Perlen aufgereiht hatte.
Heino pflückte vorsichtig eine.
Er biss hinein.
Nur ganz vorsichtig.
„Sauer“, sagte er.
Dann betrachtete er die Frucht noch einmal.
„Die würde ich trotzdem nicht essen.“
Warum, wusste er nicht mehr genau.
Nur so viel war ihm im Gedächtnis geblieben:
Mit diesem Baum konnte man telefonieren.
Seine Früchte sahen aus wie eine Schnur.
Und essen sollte man sie besser nicht.
Vielleicht war das aber auch nur wieder ein Traum.
Unsere Fragen:
1. Welcher Baum lässt seine hellen, duftenden Blüten wie einen sommerlichen Schneefall aus der Krone rieseln und trägt später Früchte, die aussehen, als hätte jemand eine Perlenkette an die Zweige gehängt?
2. Was hat es mit der „Schnur“ auf sich? Warum sieht die Frucht dieses Baumes nicht aus wie eine gewöhnliche Bohne, sondern wie eine aufgereihte Kette?
3. Und warum Japan? Der Baum trägt einen Namen, der ihn nach Japan zu verorten scheint. Ist er dort tatsächlich heimisch?
**4. Heino hat vorsichtig in eine Frucht gebissen und sie als sauer beschrieben. Warum sollte man bei diesem Geschmack nicht auf die Idee kommen, gleich noch einmal hineinzubeißen? Was macht die Früchte giftig?
5. Und schließlich: Wie war das mit dem Schnurtelefon? Wer hat es erfunden? Und kann man tatsächlich keine Schnur bis Japan spannen, ohne dass sie durch die Erde geht?
Auflösung der letzten Pflanze der Woche (Die Witwe von Scupi): Mazedonische Witwenblume
Die gesuchte Pflanze ist die Mazedonische Witwenblume (Knautia macedonica). Trotz ihres etwas melancholischen Namens zählt sie zu den farbenprächtigsten Stauden des Sommers. Von Juni bis weit in den Oktober erscheinen ihre tief karmin- bis purpurroten Blütenköpfchen, die an dunkelrote Kornblumen erinnern. Sie sind eine hervorragende Bienen- und Schmetterlingsweide und gedeihen selbst auf trockenen, sonnigen Standorten erstaunlich zuverlässig.
Ihre Heimat liegt auf dem Balkan, vor allem im Gebiet des heutigen Nordmazedonien, aber auch in Albanien, Serbien und den angrenzenden Gebirgsregionen.
Der Gattungsname
Knautia erinnert an die beiden deutschen Botaniker
Christoph und Christian Knaut aus dem 17.
Jahrhundert. Der Artname macedonica verweist
dagegen schlicht auf die Herkunft der Pflanze: die historische
Landschaft Makedonien.
Gerade dieser Name sorgte in der
jüngeren Geschichte Europas für erhebliche Spannungen. Nach dem
Zerfall Jugoslawiens nannte sich der neu entstandene Staat
Republik Mazedonien. Griechenland widersprach
entschieden. Schließlich besitzt auch der Norden Griechenlands eine
Landschaft gleichen Namens, zu der unter anderem Vergina gehört –
der Fundort der Königsgräber des antiken Makedonien. Dort
entdeckten Archäologen 1977 die berühmte Sonne von
Vergina, ein sechzehnstrahliges goldfarbenes Emblem, das
als Zeichen der makedonischen Königsdynastie Philipps II. und
Alexanders des Großen gilt.
Als die junge Republik dieses Symbol sogar auf ihre Nationalflagge
setzte, verschärfte sich der Streit. Erst das
Prespa-Abkommen von 2018 brachte eine Einigung.
Seit 2019 trägt der Staat offiziell den Namen Republik
Nordmazedonien, und auch die Flagge wurde geändert. Die
Sonne von Vergina blieb Griechenland als nationales Kulturerbe
vorbehalten.
Der deutsche Name
Witwenblume führt übrigens ein wenig in die Irre.
Er hat nichts mit Kriegen oder trauernden Frauen zu tun. Vielmehr
geht er auf ältere volkstümliche Bezeichnungen zurück, deren
Ursprung nicht eindeutig geklärt ist. Vermutlich spielte die dunkle
Blütenfarbe ebenso eine Rolle wie die Ähnlichkeit zu den Skabiosen,
die seit Jahrhunderten mit Trauer- und Friedhofsbepflanzungen
verbunden wurden. Die Mazedonische Witwenblume
trägt ihren Namen also eher aus sprachgeschichtlichen Gründen als
aus botanischer Notwendigkeit.
Weitere „Pflanzen der Woche“ findet Ihr
in unserem Archiv – alle, seit 2016.
2 comments on “Pflanze der Woche: Das Schnurtelefon nach Japan”
Japanische Schnurbaum (Styphnolobium japonicum)[ auch Perlenschurbaumund andere Bezeichnungen, Früchte sind sog. Gliederhülsen, dienen der Weitervergreitung der Samen, heimisch in Fernost, also auch Japan, Früchte enthalten (Iso)-Flavone, die zusammen mit anderen Pflanzeninhaltsstoffen giftig sind, Robert Hooke, nein
Das Schnurtelefon würde nicht einmal von Trotha bis in die Südstadt funktionieren, das jedenfalls schreibt meine KI:
„Wenn wir einen idealen, gewichtslosen und völlig geraden Draht annehmen, der an beiden Enden genau 1,60 m über der Erdoberfläche gehalten wird, dann begrenzt allein die Erdkrümmung die Entfernung.
Mit einem Erdradius von etwa 6.371 km ergibt sich:
L=2
(R+h)
2
−R
2
mit R=6.371.000m und h=1,60m.
Das ergibt:
L ≈ 9.030 Meter
Also könnten die beiden Menschen ungefähr 9,0 Kilometer voneinander entfernt stehen, bevor der Draht in der Mitte gerade die Erdoberfläche berührt.
Interessant dabei: In der Mitte liegt der Draht dann nicht etwa 1,60 m über dem Boden, sondern genau auf der Erdoberfläche. Die Erdkrümmung macht auf 4,5 km Entfernung bereits etwa 1,60 m Höhenunterschied gegenüber der gedachten waagerechten Tangente aus.“