Pflanze der Woche, 14.-20. September 2026
Es war Anfang August, und Griechenland schien beschlossen zu haben, den Sommer noch einmal gründlich zu erklären.
Am Meer war es heiß, überfüllt und laut. Also beschlossen Heino und Anna Blume, hinauf in die Berge zu fahren. Dort, hatte jemand gesagt, sei die Luft besser und die Hitze erträglicher.
Der Mietwagen war klapprig, aber geländegängig. Die Straße wurde schmaler, dann steiler. Serpentinen, Schotter, Geröll. Am Wegesrand standen immer wieder kleine, graugrüne Pflanzen. Die Blätter waren dicht behaart, die Blüten längst vergangen; übrig waren vertrocknete, merkwürdig napfförmige Kelche.
„Was ist das?“, fragte Heino.
Anna beugte sich aus dem Fenster.
„Irgendein Lippenblütler, würde ich sagen.“
„Lebt der noch?“
„Offenbar.“
Je höher sie kamen, desto kühler wurde es. Erst standen noch Maronenbäume am Weg, dann wurde die Vegetation spärlicher. Das Navi zeigte inzwischen mehr als 1200 Meter.
Unten lag das Meer wie ein blauer Streifen zwischen den Bergen.
„Schön“, sagte Anna.
„Sehr schön“, sagte Heino.
Dann stotterte der Motor.
Noch einmal.
Dann war Ruhe.
Heino sah auf die Tankanzeige.
Anna sah ihn an.
„Hast du getankt?“
Heino schwieg.
Es wurde Abend. Kein Mobilfunknetz. Kein Auto weit und breit.
Schließlich fanden sie, mehr durch Zufall als durch Orientierung, ein altes Kloster. Eine Nonne namens Theophano nahm die beiden auf. Das Kloster, erklärte sie, widme sich in besonderer Weise dem heiligen Licht, das die Finsternis vertreibe.
„Ach“, sagte Anna, „deshalb die vielen Lämpchen.“
Tatsächlich standen und hingen überall kleine Lichter: vor Ikonen, an Wänden, in Nischen, sogar in den Gängen.
Schwester Theophano zeigte den beiden eine kleine Kammer. Auf den Nachttisch stellte sie einen flachen Napf mit Wasser. Dann goss sie eine Schicht Öl darauf.
Anna betrachtete die Ikone darüber.
„Die Heilige trägt ja fast dasselbe Schwarz wie Sie.“
Die Nonne lächelte.
„Schlicht. Schwarzer Nessel.“
„Schwarzer Nessel?“, fragte Anna.
„Ja.“
Dann nahm die Nonne ein kleines Stück Kork und legte es auf die Ölschicht. Anschließend griff sie nach einem vertrockneten Zweig, den die beiden schon unten am Weg gesehen hatten.
Sie löste einen der kleinen, trockenen Kelche ab.
Er sah tatsächlich ein wenig wie eine winzige Zipfelmütze aus.
Aus dem Kelch entfernte sie etwas, setzte ihn auf den Kork und benetzte ihn mit Öl.
Dann entzündete sie ihn.
Eine kleine, ruhige Flamme erschien.
Anna sah überrascht auf.
„Das ist der Docht?“
„Fitili“, sagte die Nonne.
„Und was heißt das?“
Anna zog ihr Telefon hervor und tippte.
„Docht“, sagte sie.
„Und wie heißt die Pflanze?“
Die Nonne zuckte mit den Schultern.
„Fitili halt.“
Mehr war aus ihr nicht herauszubekommen.
Sie verschwand im dunklen Gang zwischen den vielen kleinen Lichtern. Aus der Klosterkirche, dem Katholikon, drangen leise orthodoxe Gesänge.
Anna und Heino lagen inzwischen im Bett.
Über ihnen flackerte das kleine ewige Licht.
Und draußen, irgendwo hoch oben im griechischen Gebirge, standen die vertrockneten Pflanzen im Mondlicht.
Die Fragen
1. Welche Pflanze wächst hier
an den trockenen Berghängen?
Ihre graugrünen, filzigen Blätter und vor allem die merkwürdigen,
napfförmigen Kelche sind ein wichtiger Hinweis.
2. Was hat es mit dem
„Fitili“ auf sich?
Die Nonne nennt nicht nur den Docht so. Auch die Pflanze trägt im
Griechischen einen Namen, der mit dem Docht zusammenhängt. Aber
woher kommt dieses Wort eigentlich?
3. Gibt es solche Lampen
wirklich?
Kann ein vertrockneter Blütenkelch tatsächlich als Docht für ein
Öllicht dienen – und warum wurde ausgerechnet diese Pflanze dafür
verwendet?
4. Und warum schwimmt das Öl
auf Wasser?
Was zunächst wie ein merkwürdiger Bestandteil der Klosterlampe
aussieht, hat einen ganz einfachen physikalischen Grund.
5. Warum sind solche Lichter
häufig in Glasgefäßen untergebracht?
Was hat das durchsichtige Material mit dem „ewigen Licht“ zu
tun?
6. Und schließlich führt die
Spur sogar zu unseren Straßen.
Wenn heute eine Ampel rot leuchtet,
ärgern sich Autofahrer, Radfahrer und Fußgänger darüber. Aber warum
heißt dieses Lichtsignal überhaupt Ampel?
Was hat die moderne Verkehrsampel mit dem kleinen ewigen Licht im griechischen Kloster zu tun?
Auflösung der
letzten Pflanze der Woche („Germanische
Wurzeln in Pompeji“).
NhuDeng hatte den richtigen Riecher.
Er schrieb:
Auf dem Foto erkenne ich eine Pastinake. Der römische Kaiser
Tiberius (Regierungszeit 14–37 n. Chr.) forderte angeblich große
Mengen des Wurzelgemüses (damals oft als Siser bezeichnet) aus dem
germanischen Raum als Steuer.Durch das kalte Klima im Norden
wuchsen dort besonders süße und aromatische Wurzeln
Überliefert ist nicht genau, ob Tiberius sie nur zum Genuss aß oder ob sie ihm als Heilmittel, Schlankmacher oder Aphrodisiakum dienen sollten.
Im Südosten des heutigen Krefeld liegen zwei alte Siedlungskerne. Der eine, näher zum Rhein hin gelegene ist Gelduba/Gellep. Hier errichteten die Römer im späten 1. Jahrhundert n. Chr. bei einem ubischen Dorf das Kastell Gelduba. Das nahe, aber deutlich getrennte Gräberfeld Gellep-Ost setzt erst gegen 535 n. Chr. ein; an seinem südlichen Rand befindet sich ein eingegrenztes Fürstengräberfeld mit dem Grab des fränkischen Fürsten Arpvar, der mit reichhaltigem Goldschmuck und einem goldenen Spangenhelm beerdigt wurde. Das Gräberfeld wurde nicht gesucht.
Der Pastinak (Pastinaca sativa)
gehört zur Familie der Doldenblütler. Die Wildform wird als
Wiesen-Pastinak, die Kulturform als Gemüse-Pastinak bezeichnet. Der
Name leitet sich vom
lateinischen pastinaca ab.
In Deutschland wurde der Pastinak vom Verein zur Erhaltung der Nutzpflanzenvielfalt zum „Gemüse des Jahres 2011/2012“ gewählt.
Die Pastinake und die Römer
Die Pastinake selbst ist allerdings wesentlich älter als Kaiser Tiberius und nicht erst von den Römern erfunden oder aus Germanien nach Italien gebracht worden. Sie war im europäischen Raum bereits lange bekannt und wurde als Nahrungspflanze genutzt.
Die Römer kannten verschiedene Wurzelgemüse und unterschieden mehrere Formen. Plinius beschreibt in seinem 19. Buch verschiedene Pastinakenarten und verwandte Pflanzen.
Die spannende Geschichte ist also nicht:
„Die Römer lernten die Pastinake von den Germanen kennen.“
Sondern eher:
„Eine im nördlichen Europa
vorkommende oder dort besonders gut kultivierte Wurzel wurde von
den Römern geschätzt und bis an die kaiserliche Tafel
geliefert.
Weitere „Pflanzen der Woche“ findet Ihr in unserem Archiv – alle, seit 2016.