Pflanze der Woche, 19. -25 Januar 2026
In der Redaktion wurden Wetten abgeschlossen. „OB er wirklich kommt?“ hatte Nixi in die Runde geworfen. Heino hob eine Augenbraue, die Kollegen murmelten, und Frau Dr. Thaliana Laibach, seit kurzem Interimsleiterin, sprach mit der ruhigen Gewissheit alter Verwaltungserfahrung:
„Wir sind hier in Halle eine wichtige Einrichtung. Er kann sich nicht leisten, fernzubleiben.“ Sie warf einen stolzen Blick aus der 14. Etage des Spektrum-Hochhauses über die Dächer der Stadt.
Erfahrenere Mitarbeiter setzten dagegen, äußerten erhebliche Zweifel. Nur Gabi, die Praktikantin auf vierzehn Tage, war überzeugt: „Der ist ein Pflanzenfreund. Wir sollten ihm etwas überreichen. Die aktuelle Pflanze der Woche. In einem schönen Topf fürs Büro“.
„Der und Pflanzen?“, knurrte Heino.
„Im Wahlkampf hat er mir eine Rose geschenkt. Und der ist überhaupt sehr nett!“
„Rosen hatten wir schon.“ Heino machte eine wegwerfende Handbewegung.
„Dann etwas, das passt“, befand Frau Dr. Laibach.
Es folgte Schweigen. Grummelndes Überlegen.
„Welche hervorstechenden Eigenschaften hat er denn?“ fragte Nixi.
„Nun“, sagte Frau Dr. Laibach „eigentlich keine. Aber er steht gern im Licht. Kann auch Kunstlicht sein.“
„Also ein Mann ohne Eigenschaften“, murmelte Heino. „Einer, in den man alles hineinprojizieren kann.“
„Eine Art Modell“, sagte Frau Dr. Laibach.
Heino stockte kurz. Laibach … Laibach … diese Laibach. Woher kenne ich eigentlich diesen Namen?.
„Der spielt gerne rum, sehr experimentierfreudig,“ fuhr Nixi fort. „Mal SPD, dann CDU, dann parteilos, dann Europa – und dann wird er von AfD-Anhängern gewählt“.
Ein Nichts, das im Mittelpunkt stehen will. Everybodys Darling“, sagte Frau Dr. Laibach trocken. Dann griff sie zum Telefon und rief im botanischen Institut an.
„Haben Ihr da etwas, was da taugt? So eine Art graue Maus in Pflanze?“
Am anderen Ende der Leitung die Stimme einer Dame, die man sonst nur „Frau Arabis“ nannte, manche sagten auch „Frau Gänsekraut“.
„Gerade nicht vorrätig. Aber wenn wir heute aussäen, liefern wir in drei Wochen blühende Exemplare.“
„Die letzten Exemplare haben wir übrigens gerade zum Mond geschickt. Aber das wächst ja nach.“
So schnell?
„Klar.“
„Bestellt“, sagte Frau Dr. Laibach.
Mehr war vom Gespräch nicht zu hören. Nur soviel: Es ging um eine Pflanze, mit der Biologen gern arbeiten. Eine, die sich vermehren lässt wie im Zeitraffer. Eine, die man in den Weltraum schickt.
„Wer überreicht den Topf?“ fragte Frau Dr. Laibach.
„Ich nicht schon wieder“, protestierte Nixi. „Nimm diese Gabi, die Heino letzte Woche angeschleppt hat. Das Mauerblümchen kann mal etwas Publicity vertragen “
Gabi nahm die Aufgabe gierig an. Die Redaktionsräume waren ungewöhnlich aufgeräumt, der Termin nahte, und dann: „Er kann leider nur einen Vertreter schicken“, hieß es in der Mail.
„Ist uns egal.“
„Seinen letzten persönlichen Referenten hat er entlassen müssen, der kann es schon mal nicht sein .“
„Ach Großer Gott“ witzelte Heino.
Da rumpelte es auf der Treppe. Die Tür öffnete sich.
Und da stand er – oder zumindest seine bekannte Erscheinung aus dem Wahlkampf würdevoll, geschniegelt, als Stellvertreter seines Herrn.
Gabi hielt den Topf mit beiden Händen. „Ich habe ihn gleich erkannt“, sagte sie später stolz. „Von den Wahlplakaten. Und wie artig er Pfötchen gibt“
Und nun, liebe Leserinnen und Leser, Ihr müsst gar nicht raten, wie der Hund heißt. Denn hier geht es ja nicht um den dicken Hund des Monats, sondern die Pflanze der Woche. Also:
Um welche Pflanze geht es hier?
Was ist das Besondere an ihr – warum beschäftigt sich die Wissenschaft mit diesem unscheinbaren Gewächs?
Kann diese Pflanze besser „modeln“ als Gabi?
Wer war Laibach und was hat Laibach mit der Pflanze zu tun?
Auflösung der letzten Pflanze der Woche (Na, würds fleisch? Fremde Schoten in der braunen Flasche):
NhuDeng hatte die Lösung schnel parat: „Gabi verwendet Worcestersoße. Es handelt sich um eine dunkle, würzige, fermentierte Soße aus Essig, Melasse, Zucker, Salz, Sardellen, Tamarinde und Gewürzen.Tamarinden sind die
süß-säuerlichen Früchte des Tamarindenbaums, auch als Sauerdatteln oder Indische Datteln bekannt, die in langen, braunen Hülsen wachsen und ein klebriges, bräunliches Fruchtmark enthalten. Auf dem Foto hängt mittig ein Frucht, teilweise mit Hülse.
Ich esse gerne in Restaurants Würzfleisch, aber ohne Worcestersoße.„
Bei den gezeigten Hülsenfrüchten handelt es sich tatsächlich um die Früchte des Tamarindenbaums (Tamarindus indica). Der Baum stammt aus den Tropen der Alten Welt und bildet längliche Hülsen mit dunkelbraunem, klebrigem Fruchtfleisch, das einen ausgeprägt süß-sauren Geschmack besitzt. Dieser beruht auf einem hohen Gehalt an organischen Säuren, Zucker und weiteren Inhaltsstoffen.
In der asiatischen, arabischen, afrikanischen und lateinamerikanischen Küche dient Tamarinde als aromatisches Säuerungsmittel in Currys, Soßen und Fleischgerichten.



Tamarinde als Bestandteil der Worcestersauce
In Europa wird Tamarinde als Grundzutat der Worcestersauce verwendet. Sie liefert die säuerliche Komponente, ergänzt durch Essig, Zucker, Salz, Gewürze und fermentierten Fisch (Sardellenextrakt). Die Tamarinde bestimmt maßgeblich Konsistenz und süß-saures Aromaprofil, während der Sardellenextrakt das Umami liefert.
Fermentierter Fisch und historischer Kontext
Die Verwendung von fermentiertem Fisch in der Worcestersauce geht auf England des frühen 19. Jahrhunderts zurück, wo man antike Kochtechniken rekonstruieren wollte. Sardellenextrakt diente der Nachahmung des römischen liquamen bzw. garum. Die Worcestersauce entstand um 1837 in Worcester bei den Apothekern John Lea und William Perrins. Ursprünglich ungenießbar, entwickelte sie nach längerer Lagerung ein feines Aroma. Bis heute werden die Originalrezepte in Fässern gereift.



Herstellung und Verwendung in der DDR
In der DDR war Worcestersauce ein gebräuchliches Tischgewürz, besonders zum Würzfleisch. Für den Inlandsmarkt wurde sie unter anderem in Dresden abgefüllt und am Tisch serviert, nicht als Bestandteil der Zubereitung. Viele heutige Varianten weichen vom englischen Original ab, häufig werden Würzmittel und Geschmacksverstärker wie Glutamat, Zucker und Essig verwendet, die dunkle Farbe entsteht meist durch Zuckercouleur, nicht durch Fermentation.
Würzfleisch
Würzfleisch ist ein DDR-Kultgericht, eine Abwandlung des französischen „Ragout fin“, bei dem meist Schweine- oder Geflügelfleisch anstelle des teuren Kalbfleischs verwendet wird. Zubereitet in einer cremigen Sauce, gewürzt mit Worcestersauce und Zitrone, oft überbacken und mit Käse gratiniert, diente es als beliebte Vorspeise bei Familienfeiern und in der Gastronomie. Traditionell wurde die Worcestersauce am Tisch als Würzmittel hinzugefügt.
Weitere „Pflanzen der Woche“ findet Ihr in unserem Archiv – alle, seit 2016.
3 comments on “Ob der OB zum Empfang kommt? die Pflanzenredaktion schließt Wetten ab”
Ich sage mal Schotenkresse bzw. Ackerschmalwand (Arabidopsis thaliana)
Friedrich Laibach (1885–1967) war ein deutscher Botaniker und Genetiker und gilt als einer der Begründer der Forschung an Arabidopsis thaliana (Ackerschmalwand).
Arabidopsis war eine der ersten Pflanzen, die im All gekeimt, geblüht, Samen gebildet und daraus wieder neue Pflanzen hervorgebracht haben u. a. auf Mir, ISS und in Space-Shuttles. Untersuchungsgegenstand waren, wie Pflanzen Schwerkraft wahrnehmen, also was ohne Schwerkraft mit Wurzeln, Stängeln und Zellwachstum passiert. Arabidopsis war die erste Pflanze, deren Genaktivität in der Schwerelosigkeit vollständig analysiert wurde und sie dient als Testmodelle für eine „Weltraum-Landwirtschaft“.