Heino wartete in der Dresdner Gaststätte, den Brief vor sich, als hätte jemand ein Blatt aus einem lange geschlossenen Buch gelöst und ihm unerwartet vorgelegt. Gabi. Direkt an ihn. Nach all den Jahren.
Zonen-Gabi. Der Name allein trug noch den Klang einer Zeit, die bereits Geschichte geworden war. Hier also sollte er sie treffen. Er wartete. Und während die Uhr über dem Tresen mit mechanischer Gleichgültigkeit tickte, fragte er sich, ob er sie wiedererkennen würde — oder ob auch Menschen, wie Städte, sich mit den Jahrzehnten unmerklich neu erbauen.
Damals war sie das Gegenteil von Nixi gewesen. Nicht leicht, nicht spielerisch, sondern von jener ernsten Art, die Raum fordert, noch bevor sie spricht. Interessant, gewiss. Aber nie begehrenswert. Sie hatte geschrieben, man habe von ihm gelesen, im Hallespektrum, man müsse sich nach so langer Zeit doch einmal wiedersehen. Ein Satz jedoch hatte sich in ihm festgesetzt, wie ein Sandkorn unter dem Lid:„Immer dieses ausländische Zeug, das Ihr da zum Thema habt.“
Ob sie ihn nicht mit etwas Einheimischem, etwas wirklich Deutschem überzeugen könne? Nixi sollte nichts erfahren. Heino spürte das kleine Zusammenziehen des Magens, das jeder Geheimhaltung eigen ist. Zum Glück war sie außer Haus gewesen, als der Brief kam. So konnte er ihn abfangen — und doch nicht verhindern, dass Neugier blieb. So lange nach der Wende.
Dann polterte Gabi herein, als trüge sie noch den Schwung der alten Jahre in den Schultern.
„Würzfleisch, Herr Ober!“
Kurz darauf standen die dampfenden Schalen vor ihnen: weißliche Sauce, weichgekochtes Fleisch, darüber eine dünne Kruste aus geschmolzenem Käse. Daneben stellte Gabi eine kleine braune Flasche ab. Gedrungen, vertraut, der Inhalt schwer und dunkel wie alter Lack.
„Das ist eine ostdeutsche Spezialität“, sagte sie, mit jenem Ton, der Belehrung und Stolz zugleich war. „Und das hier gehört dazu.“
Sie goss einen kräftigen Schuss über das Gericht. Die Flüssigkeit breitete sich aus, langsam, glänzend, wie ein Tropfen Maschinenöl auf warmem Metall.
Heino roch die süß-würzige Schwere. Ein Geruch aus alten Fernsehkochküchen, aus Betriebsfeiern, aus Zeiten, in denen man mit wenigen Zutaten viele Erinnerungen würzte.
„Richtig einheimisch“, sagte Gabi und kostete.
Heino nahm die Flasche, drehte sie zwischen den Fingern, setzte die Brille auf wie ein Archivar, der ein vergessenes Dokument entziffert.
„Sardellenextrakt. Fermentiert“, las er leise. „… und Rinde.“
„Fisch?“, fragte Gabi, als höre sie eine kleine Ungehörigkeit.
„Und welche Rinde?“
Heino lächelte. „Du musst schon genau hinhören.“
Sie winkte ab. „Jedenfalls kein Thai-Zeugs.“
Er schwieg.
In diesem Moment öffnete sich die Küchentür. Ein Mann trat ein, einen schweren Kasten tragend, den er offenbar in die falsche Welt geliefert hatte.
„Nebenan ist das indische Restaurant!“, rief der Wirt.
Der Mann stellte die Kiste ab. Darin lagen längliche, leicht behaarte Hülsen, wie fremde Tiere aus einer warmen, fernen Zone.
„Was ist das denn?“, fragte Gabi.
Heino sah die Hülsen an, als lägen dort die fehlenden Seiten eines Rätsels.
„Genau das“, sagte er leise, „was in deiner Flasche steckt.“
Er nahm eine Hülse, brach sie mit den Fingern auf. Harte Kerne, dunkle klebrige Masse, süß und sauer zugleich. Er reichte ihr eine Fingerspitze davon.
„Probier.“
Sie zögerte, kostete.
„Sauer“, sagte sie erstaunt. „Und süß. Aromatisch. Wie Gummibärchen.“
Heino nickte.
„Und bestimmt keine Ostgurke.“
Gabi sah ihn an. Fragend. Unsicher. Als hätte sich für einen Augenblick ein kleiner Spalt geöffnet zwischen der vertrauten Welt des Einheimischen — und einer größeren, älteren, weit gereisten Geschichte, die sich still in einer braunen Flasche verbarg.
Auflösung der letzten Pflanze der Woche (Blackfacing zum Dreikönigstag):
Gesucht war die Königs-Protea (Protea cynaroides). Sie ist eine Blütenpflanze aus der Gattung der Zuckerbüsche (Protea) und gehört zur Familie der Proteaceae. Ihr Verbreitungsgebiet liegt in den südwestlichen und südlichen Regionen Südafrikas, vor allem in der Kapregion. Dort wächst sie auf nährstoffarmen Böden, unter Bedingungen von Trockenheit, Wind und wiederkehrenden Bränden.
Die Blüte der Königs-Protea ist keine einzelne Blume, sondern ein großer Blütenstand aus vielen kleinen Einzelblüten, umgeben von festen, farbigen Hochblättern. Diese bilden eine schalen- oder kronenartige Form, die oft an eine Artischocke erinnert – daher der Artname cynaroides („Artischockenähnlich“). Eine botanische Verwandtschaft besteht jedoch nicht.
Die Königs-Protea ist die Nationalblume Südafrikas und wird auch im südafrikanischen Staatswappen stilisiert dargestellt. Sie steht symbolisch für Beständigkeit, Vielfalt und Überleben.


London ;New York [etc.] :Academic Press [etc.]
http://biodiversitylibrary.org/page/471162

Das Gemälde
Das Beitragsbild greift ein zentrales Motiv aus dem Paumgartner-Altar von Albrecht Dürer auf, wie unser User Midas richtig erkannte.
Albrecht Dürer, Paumgartner-Altar: Geburt Christi, um 1500
Bayerische Staatsgemäldesammlungen – Alte Pinakothek, München


Dürer platzierte die Anbetung Christi nicht in einem einfachen Stall, sondern zwischen verfallenen Häusern. Diese Ruinen verweisen nicht auf Krieg, sondern auf den Untergang der alten Welt – ein in der spätmittelalterlichen Bildsprache verbreitetes Motiv.
Der Altar entstand für die Nürnberger Patrizierfamilie Paumgartner und stand ursprünglich in der Dominikanerinnenkirche St. Katharina in Nürnberg.
Madonna mit nackten Brüsten?
„Maria wurde in der Renaissance und auch späteren (klassischen) Zeiten nie mit nackter Brust gemalt, es sei den beim Stillen (Maria lactans). Weitere KOmmenatre zu dieser „Schöpfung“ verkneife ich mir.“ schrieb Midas.
So ist es, aber die Kunst ist nun mal frei- und so haben wir uns das erlaubt. Einen lesenswerten Artikel zur Darstellung von Mariens Sexualität finden wir hier, und die Autorin vergleicht sogar die Schutzmantelmadonna mit einer Vulva. Kann man so sehen, wenn man will (und die Phantasie aufbringt):
https://www.srf.ch/kultur/gesellschaft-religion/die-vulva-der-gottesmutter-die-jungfrau-maria-und-ihre-heilige-vulva
Und für alle Busenfreunde Mariens hier noch ein paar Bilder:



Schwefelsäure und das Jahr 1988
Am 21. April 1988 verübte Hans-Joachim Bohlmann einen Säureanschlag auf mehrere bedeutende Kunstwerke, darunter den Paumgartner-Altar. Er übergoss die Tafeln mit Schwefelsäure, die tief in das Holz eindrang und die Werke zu rund 70 % zerstörte.
Nach mehr als zwei Jahrzehnten aufwendiger Restaurierung wurden die Bilder 2010 wieder ausgestellt.
Weitere „Pflanzen der Woche“ findet Ihr in unserem Archiv – alle, seit 2016.
3 comments on “Na, würds fleisch? Fremde Schoten in der braunen Flasche”
Gabi verwendet Worcestersoße. Es handelt sich um eine dunkle, würzige, fermentierte Soße aus Essig, Melasse, Zucker, Salz, Sardellen, Tamarinde und Gewürzen.Tamarinden sind die
süß-säuerlichen Früchte des Tamarindenbaums, auch als Sauerdatteln oder Indische Datteln bekannt, die in langen, braunen Hülsen wachsen und ein klebriges, bräunliches Fruchtmark enthalten. Auf dem Foto hängt mittig ein Frucht, teilweise mit Hülse.
Ich esse gerne in Restaurants Würzfleisch, aber ohne Worcestersoße.
Tamarinden sind natürlich“ ausländisches Zeugs“.
„Würzfleisch“ mag ich auch sehr. ImGegensatz zu manchem anderen DDR-Zeugs ( Spirelli mit Jagdwurst und Letscho sind mir eine der schlimmsten kulinarischen Verbrechen des Sozialismus). Zurück zu Würzfleisch: klar mag ich auch „Ragout Fine“, das sind alles Varienten des Blanche manger, das sich schon im späten Mittelalter hoher Beliebtheit erfreute. Letztes Jahr stieß ich auf Kreta auf „ Bekri Meses“. Eine Vorspeise, die kaum anders zubereitet wird, auch auf Basis von Schwein, wie eben „Würzfleisch“.
Zu der „Worcestersoße“ kann man keine Meinung haben. Das sind billig zusammengerührte Industrieprodukte, und das Original kenne ich nicht.