Pflanze der Woche, 29. Juni – 5. Juli
Auf der Peißnitzinsel in Halle (Saale) geschieht an diesem Frühen Sommertag etwas das selbst erfahrene Pflanzenbeobachter für einen Moment ins Stocken bringt.
Zwischen alten Baumreihen steht eine Gestalt, die nicht recht in die Ordnung der Dinge passen will.
Ein Kastanienbaum – so scheint es.
Doch wer genauer hinsieht, erkennt: Er ist nicht einheitlich.
Eine Hälfte trägt Blüten in hellem, fast schneeweißem Ton, wie aus vergessenen Porzellangärten. Die andere Seite hingegen glüht in einem tiefen, warmen Rot, als hätte jemand zwei Geschöpfe in einen einzigen Stamm gezwungen.
Zwei Farben. Zwei Gesichter. Ein Körper.
Heino steht davor und runzelt die Stirn.„Das ist kein einzelner Baum“, sagt er schließlich. „Das sind eigentlich zwei.“
Anna Blume kniet im Gras, skizziert bereits. Ihre Linien sind schnell, unruhig, barock in ihrer Geste. Später, in ihrem Atelier, wird daraus ein Bild entstehen: ein Kampf zwischen Wesen, halb Pflanze, halb Mythos.
„Das ist ein Bastard“, sagt Heino.„Oder eine Chimäre“, entgegnet sie.
„Nein“, sagt er. „Das ist etwas völlig anderes.“Aber Anna hört nur halb zu. In ihrem Bild wächst aus der Verwirrung eine Gestalt mit fremden Gliedern, mit Hörnern, mit einem Tierleib, der nicht mehr weiß, was er eigentlich sein soll. Sie nennt es beim Namen, den sie für das Chaos gefunden hat.
Heino jedoch bleibt bei der Pflanze.„Ein Bastard entsteht durch Kreuzung“, erklärt er geduldig. „Zwei Arten, ein gemeinsames Kind der Natur. Aber eine Chimäre… die ist aus Teilen zusammengesetzt, nicht aus Herkunft.“
Anna nickt nicht.
Im Gegenteil.
Am Abend, im Atelier, hat sie entschieden, dass Verständnis weniger wichtig ist als Ausdruck. Auf der Leinwand kämpft sie gegen das Unbegreifliche: eine Mischung aus Tier und Pflanze, aus Mythos und Gewalt. Es ist weniger Botanik als Vorstellung – weniger Erklärung als Erregung.
Heino tritt ein, bleibt stehen, erschrickt.„Das ist kein Bastard“, sagt er leise.
„Doch“, ruft Anna. „Ich habe ihn gemalt!“„Du hast etwas anderes gemalt.“
„Der Baum dort draußen ist ein zusammengesetztes Wesen.“
„Und ein Bastard!“ schreit sie, und sticht dem wütenden Löwentier ihr Palettenmesser direkt in den Bauch, dass das Blut nur so spritzt.
Fragen an die Leserinnen und Leser
- Um was für einen Baum – oder Bäume? handelt es sich hier genau?
- Was ist botanisch korrekt: Bastard (Hybrid) oder Chimäre – und warum?
- Woher stammt die rotblühende Seite bzw. der rote Blütenaspekt genetisch?
- Warum kann ein einzelner Baum optisch zwei deutlich unterschiedliche Blütenfarben zeigen?
- Wo steht der Baum – hat ihn schon mal jemand in Halle gesehen?
Auflösung der letzten Pflanze der Woche: (Rosa Liebesspiel im Rockocko): Die Breitblättrige Platterbse
Bei der gesuchten Pflanze handelt es sich um die Breitblättrige Platterbse (Lathyrus latifolius L.).
Die Art gehört zur Familie der Hülsenfrüchtler (Fabaceae) und ist mit Erbse, Bohne und Klee verwandt. Ursprünglich stammt sie aus Süd- und Südosteuropa sowie dem Mittelmeerraum. Aufgrund ihrer attraktiven Blüten wird sie seit langer Zeit als Zierpflanze kultiviert und ist heute in weiten Teilen Europas eingebürgert.
Die Breitblättrige Platterbse ist eine ausdauernde Staude. Mit Hilfe verzweigter Ranken kann sie an anderen Pflanzen emporklettern und Höhen von über zwei Metern erreichen. Charakteristisch sind die breit lanzettlichen Fiederblätter und die deutlich geflügelten Stängel.
Von Juni bis September erscheinen zahlreiche rosa bis purpurfarbene Blüten. Sie besitzen den typischen Aufbau der Schmetterlingsblütler mit Fahne, Flügeln und Schiffchen. Im Gegensatz zur verwandten Duftwicke (Lathyrus odoratus) sind die Blüten jedoch nahezu geruchlos. Genau darüber hatte sich Nixi im Rätseltext beklagt.
Die Früchte sind botanisch Hülsen. Sie enthalten mehrere Samen, die an kleine Erbsen erinnern.
Obwohl die Pflanze mit der Gartenerbse verwandt ist, sollten ihre Samen nicht verzehrt werden. Wie zahlreiche andere Arten der Gattung Lathyrus enthält sie Stoffe, die bei regelmäßigem und größerem Verzehr gesundheitsschädlich sein können. Aus verschiedenen Regionen der Welt sind Vergiftungserscheinungen durch übermäßigen Konsum von Platterbsenarten bekannt. Die Breitblättrige Platterbse ist daher keine Nahrungspflanze.
In Halle (Saale) findet man die Art gelegentlich an Bahndämmen, Wegrändern, Gebüschen, Kleingartenanlagen und verwilderten Standorten. Besonders auffällig wird sie während der Sommermonate, wenn ihre leuchtenden Blüten größere Bestände bilden.





Der wissenschaftliche Gattungsname Lathyrus geht auf ein bereits in der Antike verwendetes griechisches Wort für Hülsenfrüchte zurück. Der Artname latifolius bedeutet „breitblättrig“ und beschreibt treffend eines der wichtigsten Erkennungsmerkmale der Pflanze.
Wer im Sommer rosa Blütenwolken zwischen Hecken und Gebüschen entdeckt, sollte also genauer hinsehen. Vielleicht begegnet ihm dann die Breitblättrige Platterbse – eine mediterrane Schönheit, die längst auch in Mitteldeutschland heimisch geworden ist.
Und der Künstler?
Schwierig zu sagen, nach dem Beitragsbild. Aber tippen wir mal auf Francois Bucher.
François Boucher (29. September 1703 – 30. Mai 1770) war einer der bedeutendsten französischen Maler des Rokoko und wirkte als Hofmaler Ludwigs XV. Zu seinen bekanntesten Werken zählen „Diana nach dem Bade“, „Der Triumph der Venus“ und „Die ruhende Odaliske“; berühmt wurde er vor allem durch idealisierte mythologische Szenen, Schäferidyllen und sinnlich-erotische Darstellungen weiblicher Akte. Sein Stil verband elegante Farbigkeit mit einer betont heiteren, oft erotisch aufgeladenen Bildsprache, die den Geschmack des französischen Adels des 18. Jahrhunderts prägte. Der Familienname Boucher stammt aus dem Französischen und bedeutet ursprünglich „Fleischer“ oder „Metzger“; er geht auf das altfranzösische bouchier zurück. Womit wir wieder bei der Wurst wären.


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