Pflanze der Woche: 21. – 27. Juli 2025
Die Autoren da oben, sie machen, was sie wollen mit uns, dachte Nixi. Ziehen uns wie Marionetten, denken sich Beziehungsgeschichten aus – und wir mittendrin, wehrlos. Immerhin: Der Strauß, den Heino ihr in die Redaktion gestellt hatte, war schön. Und daran: eine Konzertkarte. Händel-Festspiele. Cäcilia Bartoli, oder gar Philippe Jaroussky? Sie wusste es nicht. Aber sie erinnerte sich an das eine Lied – das sie immer wieder zu Tränen rührte. „Lascia ch’io pianga“. Heino pfiff es manchmal, unbedarft, auf dem Flur. Jetzt lag es in der Luft.
Das Bühnenbild der Oper war überladen. Übertrieben. Kitschig, wie eine Kindertapete aus einem barocken Albtraum. Von der Decke regnete es überdimensionale Tränen, die in einen künstlich beleuchteten See fielen. In der Mitte – eine riesige rosa Badewanne. Oder war es ein Boot? Darin: eine weiß gekleidete Frauengestalt mit Schleier, bleich wie Marmor, singend.
Nixi lächelte gequält. „So viel Pathos – und trotzdem schön.“ Vielleicht lag es an der Melodie. Vielleicht an der Erinnerung. Auf dem Sitz neben ihr Heino, ungewohnt ruhig. Als sie sich abwandte, sah sie aus dem Augenwinkel, wie er sich verstohlen eine Träne aus dem Auge wischte.
Später, draußen, am Marktplatz, tobte ein Gewitter. „Verliebt in Halle“ – das Schild an einem Souvenirstand – kippte um. Herzen flogen. „Warum werden Herzen eigentlich immer so dargestellt?“ fragte Nixi. „Jeder Herzchirurg weiß, dass sie so nicht aussehen.“
Heino fasste sich ans Herz. „Ist nichts“, sagte er schnell. Dann, nach einer Pause: „Weißt du, warum das Lied zweimal verwendet wurde? Händel hat dieselbe Melodie ein zweites Mal benutzt. Einmal für die Tränen – und einmal für eine Pflanze.“
„Welche Pflanze?“ fragte Nixi.
„Das gehört mit zum Rätsel“, wich Heino aus. „Aber ich kann dir so viel sagen: Wenn du die Blüte auf den Kopf stellst, sieht sie aus wie eine Frau in einer rosa Badewanne.“
Sie schwiegen, während der Regen in kleinen Tropfen auf das Pflaster schlug. Nixi drehte das Opernprogramm in der Hand, betrachtete das Bild, das dort abgedruckt war.
„Stimmt“, sagte sie. „Wenn man es dreht – sieht alles weniger traurig aus.“
Und dann, ganz leise, beinahe wie eine eigene Stimme:
Insgeheim spürten sie beide den Wunsch, diesem Gefühlschaos zu entkommen. Ob Götter dabei helfen konnten?
Fragen an unsere Leserinnen und Leser:
– Welche Pflanze ist hier gesucht, deren Blüte so traurig aussehen?
– Und warum wird alles anders, wenn man das Bild umdreht?
-Was hat es mit der Dame in der Badewanne auf sich?
– Wie erklärt sich die besondere Form ihrer Blüte?
– Woher stammt die Pflanze ursprünglich?
– Und wie könnte das alles mit Händel und barocken Opern zu tun haben?
Auflösung der letzte Pflanze der Woche: (Was macht eine Jungfrau in der Nacht an der Laterne in der Gosenstraße?)
Parthenocissus quinquefolia – die Fünfblättrige Jungfernrebe
Unser Leserexperte NhuDeng schrieb dazu – und beantwortete damit eigentlich alle Fragen:
„Die Kletterpflanze wird häufig als Wilder Wein bezeichnet, was aber nicht ganz richtig ist. Es handelt sich um die Jungfernrebe.
Ki äußet sich dazu:
Die Bezeichnung „Jungfernrebe“ für die Pflanzengattung Parthenocissus leitet sich vom griechischen Wort „parthenos“ (Jungfrau) und „kissos“ (Efeu) ab. Der Name spielt auf die Fähigkeit der Pflanzen an, sich ohne Bestäubung zu vermehren, was als „Jungfernzeugung“ oder „Parthenogenese“ bekannt ist.
Hier ist eine genauere Erklärung:
„Parthenos“ (griechisch): bedeutet Jungfrau und bezieht sich auf die Vorstellung der Jungfernzeugung, bei der sich Pflanzen ohne Befruchtung fortpflanzen können.
„Kissos“ (griechisch): bedeutet Efeu und deutet auf die kletternde Wuchsform der Pflanze hin, ähnlich wie Efeu.
„Rebe“: bezieht sich auf die Weinreben-Verwandtschaft der Parthenocissus-Gattung.
Obwohl die Jungfernreben tatsächlich nicht ohne Bestäubung Samen produzieren, wird der Name „Jungfernrebe“ historisch für diese Gattung verwendet, da sie früher fälschlicherweise als parthenogenetisch angesehen wurde. Der Name hat sich aber dennoch etabliert und ist im deutschen Sprachgebrauch geläufig.
Ich freue mich über die vielen Bienen, die jeden Sommer meine Jungfernrebe bestäuben. Das ist vielleicht ein Gesumse.!!!
Die rote Herbstfärbung ist auf die Bildung von Anthocyanen in den Blättern zurückzuführen. Diese Farbstoffe werden bei sinkenden Temperaturen und abnehmender Tageslichtdauer gebildet und verleihen den Blättern ihre intensive rote Farbe.
Leider ist die Zeit der schönen Herbstfärbung sehr kurz.
Einer der berühmtesten Tempel auf der Akropolis in Athen ist das Parthenon.
Efeu – Kissos, es handelt sich um eine Anspielung auf die Wuchsform der Pflanze.
Üppiger Wchstum in meinem Garten, eventuell auch an einer Hauswand am Botanischen Garten.“
Die Fünfblättrige Jungfernrebe stammt aus dem östlichen Nordamerika. Seit dem 17. Jahrhundert wird sie in Europa kultiviert – zur Zierde, zur Begrünung, zur stillen Umarmung der Städte. Sie wächst rasch, ist robust, klettert mühelos mit Haftscheiben an Wänden empor und trotzt Frost, Trockenheit und Abgasen.
Ihren Namen verdankt sie gleich mehrfachen Andeutungen. Der deutsche Trivialname Jungfernrebe spielt darauf an, dass sie im Unterschied zur Echten Weinrebe zwar ähnlich aussieht, aber keine genießbaren Trauben ausbildet – sie bleibt im übertragenen Sinne „keusch“. Der wissenschaftliche Gattungsname Parthenocissus ist griechischen Ursprungs: parthenos bedeutet „Jungfrau“, kissos heißt „Efeu“. Wörtlich: „Jungfrauen-Efeu“. Der Begriff steht in etymologischer Nähe zum Parthenon – dem Tempel der jungfräulichen Athene auf der Athener Akropolis. Es ist eine Pflanze, die zwar umfängt, aber nicht besitzt.



Der Artname quinquefolia wiederum bezieht sich auf die auffällige, fünfteilige Blattform – wie eine geöffnete Hand, wie ein grüner Stern. Im Herbst verfärbt sich das Laub spektakulär blutrot: Verantwortlich sind Anthocyane, sekundäre Pflanzenstoffe, die bei kühler Witterung verstärkt gebildet werden.
In der Gattung Parthenocissus gibt es weitere Vertreter: Am bekanntesten ist die Dreispaltige Jungfernrebe (Parthenocissus tricuspidata), auch „Mauerwein“ genannt. Sie stammt aus Ostasien und bedeckt viele Fassaden in Deutschland, besonders an Schulen, Universitäten und historischen Bauten. Ihr Laub ist drei- statt fünfzählig und ähnelt dem eines Ahorns. Auch sie verfärbt sich im Herbst prächtig, bleibt aber in der Regel disziplinierter in ihrem Wachstum.
Die Fünfblättrige Jungfernrebe (P. quinquefolia) hingegen ist die wilder wuchernde Schwester. Wo sie sich wohlfühlt, kann sie binnen weniger Jahre ganze Wände, Schuppen und Dächer erobern – mit ihren feinen Haftscheiben, die nicht nur zärtlich, sondern manchmal auch zerstörerisch sind.
Weitere „Pflanzen der Woche“ findet Ihr in unserem Archiv – alle, seit 2016.
One comment on “„Lascia ch’io pianga“ – eine Bootsfahrt im Tal der Tränen”
– Tränende Herz (Lamprocapnos spectabilis)
– wird auch als Männchen in der Badewanne bezeichnet
– im Englischen ist das Männchen eine Lady
– die Blütenblätter sind geschlossen
– aus Fernost
– in Händels Opern geht es häufiger um (Herz)-Schmerz, hier geht es wohl um die Oper „Ronaldo“ 😉
ähem „Rinaldo“