Pflanze der Woche, 27. April – 3. Mai 2026
Der Mai stand bereits in der Tür, noch ehe er offiziell angekommen war. Im Treppenhaus des Hauses der Pflanzenredaktion lag dieser vertraute, süßlich-grünliche Hauch, der seit jeher den Mai ankündigt. Süßlich, aber auch dumpf, erdig. Verlockend. Kitschig.
Maibowle, Götterspeise. Abendspaziergang durch den frischen Maiwald. Blaue Stunde. Hach, Sehnsucht.
Sie erinnerte sich an den vergangenen Mai – als sie gerade frisch verliebt mit Heino zusammengekommen war. Sie schluckte. Denn jetzt war es aus. Endgültig, das hatte sie beschlossen. Unersetzlich war er für sie – so schien es. Doch es lief anders. Betrug mit Anna Blume. Der Falschen.
Sie wählte noch einmal seine Nummer. Die letzten Dinge klären.
Niemand ging ran.
Noch einmal, Videocall.
Beim dritten Versuch öffnete sich das Bild.
Heino erschien, flackerte unscharf über den Bildschirm. Auf dem Kopf eine grünliche Kappe, die nicht recht passen wollte, dazu etwas, das entfernt an Dienstkleidung erinnerte. Hinter ihm: dichter Wald, feucht, fremd, schwer atmend.
„Was machst du da?“, fragte sie.
„Bewerbung“, sagte er.
„Wofür bitte?“
„Ich habe mich umorientiert.“
Sie lehnte sich zurück. „Das trifft sich. Ich habe ohnehin keine Lust mehr, dich in der Redaktion zu sehen.“
Er nickte, beinahe erleichtert. „Ich mache jetzt einen Meisterkurs.“
„So?“
„Ja. In meinem neuen Fachgebiet.“
„Und das wäre?“
Er lächelte vorsichtig. „Waldmeister. Ich mache den Waldmeister.“
Nixi schwieg einen Moment. „Willst du mich verscheißern? Mir ist nicht nach Spaß. Es ist vorbei.“
„Absolut.“
Er beugte sich ein wenig näher zur Kamera. „Die klassische Variante ist kaum noch zu bekommen. Zu empfindlich, zu selten. Also wird ersetzt, überbrückt, nachgebaut. Und ich lerne jetzt, wie man das professionell macht.“
„Ganz schön tropisch bei dir“, sagte sie.
„Exkursion“, murmelte er. „Praktische Ausbildung.“
Dann hielt er etwas in die Kamera: eine dunkle, längliche Frucht, aufgeschnitten, im Inneren glänzend, fast ölig, mit einem Kern wie aus vergangener Zeit.
Nixi winkte ab.
„Das kennt man doch.“
„Wirklich?“
„Natürlich. Viel zu teuer für den Alltag. Das macht man heute anders – synthetisch, kontrolliert, standardisiert. Grüne farbe dazu, Aroma dazu, fertig“
„Synthetisch ist doch nicht erlaubt“, warf er ein.
„Ist es nicht?“, fragte sie trocken.
Stille.
Dann sagte sie: „Keiner würde dafür noch Geld ausgeben. Und jetzt nimm das aus meinem Bildschirm. Ich habe zu tun.“
Er sah sie an. „Du hast mich angerufen.“
„Ja“, sagte sie.
„Warum?“
Ein Moment blieb hängen, schwer wie feuchte Luft.
„Ich weiß es nicht mehr“, sagte sie schließlich.
Und legte auf.
Nixi blieb stehen.
Sie fand, sie habe sich gut gehalten.
Sehr ruhig. Sehr klar.
Bevor die Stille begann, in ihr zu arbeiten. Leise zuerst. Dann tiefer. Vielleicht würde er ihr doch fehlen. Und nicht einfach durch den nächsten zu ersetzen.
Viel einfacher sind allerdings die Fragen, mit den sich unsere Leser beschäftigen sollen:
Welche Pflanze bzw. welches Naturprodukt könnte hier gemeint sein?
Woraus stammt der auffällige Duftstoff?
Kann er klassische Maiprodukte geschmacklich ersetzen?
Wo findet man diesen Stoff in der Natur noch?
Welche Rolle spielt er in der Lebensmittelherstellung?
Ist sein Einsatz gesetzlich eingeschränkt oder erlaubt?
Welche Alternativen werden heute industriell genutzt?
Auflösung der letzten Pflanze der Woche (Der bezaubernde Leonhard und die Magenta-Blume): Scharlach-Fuchsie ,Fuchsia Magellanica.
Rati war der Sache richtig auf den Grund gegangen, er schrieb: „Es geht um Fuchsien, eine Pflanzengattung, die nach Leonhart Fuchs, einem der Väter der Botanik, benannt wurtde. Sein Hauptwerk war „De Historia Stirpium“. Magenta:
Leonhart Fuchs war der Namensgeber für die Pflanzengattung der Fuchsien. Der französische Botaniker Plumier benannte sie um 1703 zu Ehren von Fuchs, da dieser ein Jahrhundert zuvor bahnbrechende Arbeit in der Pflanzenkunde geleistet hatte. Als im Jahr 1859 ein neuer synthetischer Farbstoff (Anilinrot) erfunden wurde, nannte man ihn zunächst Fuchsine, da sein leuchtendes Pink-Violett an die Blüten der Fuchsie erinnerte. Im selben Jahr fand die blutige Schlacht von Magenta in Italien statt. Zu Ehren des französischen Sieges wurde der Farbstoff kurz darauf in „Magenta“ umbenannt. Im RGB-Farbraum sind Magenta und Fuchsia absolut identisch. Beide teilen sich denselben Hex-Code #FF00FF.““
Dem lob von Nhu Deng schließen wir uns da aber an.
Die gesuchte Pflanze ist Fuchsia magellanica, ein Vertreter der Gattung Fuchsien, Familie der Nachtkerzengewächse (Onagraceae). Sie gehört zu den charakteristischsten Ziersträuchern der südlichen Hemisphäre und fällt durch ihre hängenden, zweifarbigen Blüten sofort ins Auge.
Die Blüte besteht aus vier meist kräftig roten Kelchblättern, die sich nach außen biegen, während die inneren Kronblätter violett bis purpur erscheinen. Aus dem Zentrum treten lange Staubgefäße hervor, die der Blüte eine schwebende, fast bewegte Erscheinung verleihen.

London ;New York [etc.] :Academic Press [etc.]
http://biodiversitylibrary.org/page/489923



Ihr natürlicher Lebensraum liegt in den kühlen, feuchten Regionen Südamerikas, insbesondere in Chile und Argentinien. Der Artname magellanica verweist auf die Magellanregion und damit indirekt auf Ferdinand Magellan, dessen Name mit der südlichsten Passage zwischen Atlantik und Pazifik verbunden ist.
Die Gattung Fuchsia führt dagegen in die europäische Renaissance zurück. Sie wurde im 18. Jahrhundert durch Charles Plumier benannt und ehrt den deutschen Arzt und Botaniker Leonhart Fuchs (1501–1566).


Fuchs zählt zu den bedeutendsten Kräutergelehrten seiner Zeit. Sein Werk, das „New Kreutterbuch“ (1543), ein jahr zuvor auf lateinisch als „De Historia Stirpium“ erschienen, gilt als eines der grundlegenden botanischen Bücher der frühen Neuzeit. Es vereint systematische Pflanzenbeschreibungen mit außergewöhnlich präzisen Holzschnitten, die in enger Zusammenarbeit mit Künstlern wie Albrecht Meyer und Heinrich Füllmaurer entstanden. Diese Darstellungen waren für die damalige Zeit von ungewöhnlicher Naturtreue und dienten erstmals konsequent der sicheren Bestimmung von Pflanzen.
Die spätere Benennung der Gattung Fuchsia stellt damit eine direkte wissenschaftsgeschichtliche Ehrung Fuchs’ dar und verbindet die Botanik der Renaissance mit den Pflanzen der Neuen Welt.
Magenta
Der Farbname steht nur indirekt in Verbindung mit Fuchs. Ausgangspunkt ist der Teerfarbstoff Fuchsin, der 1858 durch August Wilhelm von Hofmann entwickelt wurde und nach der Fuchsie benannt wurde. Dieser synthetische Farbstoff gehörte zu den ersten industriell hergestellten Anilinfarben.
Eine seiner Handelsbezeichnungen war „Magenta“. Der Name verweist auf die norditalienische Stadt Magenta, deren Name wiederum mit der Schlacht von 1859 im Sardinischen Krieg verbunden ist, bei der das Blut der Gefallenen dem Boden einen charakteristischen rötlich-violetten Farbton verlieh.
So schließt sich der Kreis: von der Pflanze zur Farbe, von der Botanik zur Industrie, und von der Renaissance bis in die Moderne.
Weitere „Pflanzen der Woche“ findet Ihr in unserem Archiv – alle, seit 2016.