Skip to content
HalleSpektrum.de – Onlinemagazin aus Halle (Saale) Logo

Idylle am Kiosk in HaNeu

Pflanze der Woche: 7. – 13. Juli 2025. Es war einer dieser heißen Nachmittage in Halle-Neustadt, an denen der Beton flirrt und die Träume der Vergangenheit wie Spukgestalten zwischen den Wohnblöcken umherziehen. Nixi wollte nur eine kühle Brause am Kiosk holen. Als der freundliche Türke sie nach ihrem Wunsch fragte, hörte sie eine Stimme neben sich: „Zweimal Marlbroh bitte.“ Sie drehte sich um. Dora Ji. Dora Ji mit den dunklen Augen und dem lavendelartigen Tonfall. Ihre alte Schulfreundin. „Na, du auch noch hier?“, sagte Nixi. Sie stellten sich in den Schatten unter den Baum, der nicht weit vor dem Kiosk stand – verschwenderisch blühend, weiß und duftend. Bienen summten, Wespen schwirrten, die Luft vibrierte vor Leben. Nixi räusperte sich. Doch dann platzte es aus ihr heraus: „Sag mal … du und Heino?“ Dora Ji schwieg kurz. „Hat er das etwa ausposaunt?“ fragte sie erschrocken. Dann erzählte sie. Vom Essen. Vom Versuch. Vom Scheitern. Vielleicht lag es an der Hitze, murmelte sie. manche sind ja sind ja Wintersteher“ murmelte sie. Und dann, spontan: Ich glaube, das lag nicht an mir – sondern an dir.“ „Wie bitte?“ „Er steht auf dich, Nixi. Ganz offensichtlich. Deshalb war … nichts mit ihm anzufangen.“ Nixi errötete. Dora verstand. Scheißgeschichte. Kompliziert.

Das Thema wurde lautstark beendet. Denn um den Kiosk hatte sich eine lärmende Gruppe versammelt. Männer in Unterhemden, Bierflaschen in der Hand, die sie in „Trompeterstellung“ wie Musikinstrumente emporreckten. Eine Frau mit verfilztem Haar und fleckigem T-Shirt schob einen klapprigen Kinderwagen, aus dem ein etwa vierjähriger Junge fiel. Zuvor hatte er laut in eine Vuvuzela getrötet, worauf die Mutter ihn anschrie: „Kleiner Trompeter, halt das Maul! Gleich kriegste eine geklatscht!“ Die Umstehenden gröhlten im Chor: „Unser kleiner Trompeter, er fiel …“ – eine groteske Verballhornung des alten DDR-Kampfliedes.

Nixi wich zurück, als eine leere Bierdose an ihrem Fuß vorbeikullerte. Sie zahlten, warfen einen letzten Blick auf das tumbe Schauspiel unter dem Baum – einer hielt sich am Stamm fest und lallte: „So ein Leben will man auch mal – spät kommen, früh gehen. Beamte, wa? Faules Pack …“ Obwohl es erst Hochsommer war, rieselten erste gelbe Blätter herab. Der Baum schien genug gesehen zu haben.

Ein Blick zwischen den beiden Frauen genügte, dann gingen sie. „Lass uns zu mir“, schlug Dora Ji vor. Auf der Terrasse in der dritten Etage wurde Wein eingeschenkt, tief geatmet. Die Atmosphäre war wie immer: elegant, leise, fein. Und endlich konnte gesprochen werden.

Um von dem komplizierten Heino-Thema abzulenken, schlug Nixi vor: „Wir machen was draus. Aus dem Baum. Pflanze der Woche. Trompetende Beamten am Kiosk unter dem Baum – könnte man doch der Grafikbteilung als Bild vorschlagen.“


Fragen an unsere Leserinnen und Leser:

– Um welchen Baum handelt es sich, der Dora und Nixi am Kiosk beschattet hat?
– Warum nennen manche ihn scherzhaft einen „Beamtenbaum“?
– Was hat es mit den Bohnen auf sich, die an seinen Ästen hängen?
–  was ist mit „Winterstehern“ gemeint?
– Wo in Halle (Saale) ist dieser Baum zu finden?

Auflösung der letzten Pflanze der Woche: Schlapper Gockel ein gelbes Feld und die reizende Anne Monin: Ranunculus repens – der kriechende Hahnenfuß

Anne Monin hat auch unsren Ratefucjhs „Rati“ etwas verwirrt. Er hatte auf das Gelbes Windröschen (Anemone ranunculoides) getippt – in der Familie der Hahnenfußgewächse (Ranunculaceae).  Familienmäßig lag er da schon richtig. Die Pflanze mit den kleinen, goldgelben Blüten, die wir suchten, gehört zur Gattung der Hahnenfußgewächse (Ranunculaceae). Die Art Ranunculus repens – der Kriechende Hahnenfuß – unterscheidet sich von anderen Arten der gleichen Gattung vor allem durch seinen kriechenden Wuchs: Er bildet Ausläufer, mit denen er sich flach am Boden ausbreitet und ganze Flächen überziehen kann. Die Blätter sind drei- bis fünfzählig gefiedert und glänzen leicht an der Oberfläche. Wie kann man ihn von anderen Hahnenfüßen unterscheiden? Wichtig ist die Unterscheidung zum Gift-Hahnenfuß. Das Blatt des Kriechenden Hahnenfuß ist dreizählig. Zwei Blätter zweigen rechts und links ab, das dritte Blatt sitzt an einem deutlich längeren Stiel. Das Blatt des Scharfen Hahnenfußes (Gifthanenfuß) hingegen ist handförmig um den Stiel angeordnet. Es ist  fünfzählig, manchmal siebenzählig.  

Kriechender Hahnenfuß (links), scharfer (Gift-)Hahnenfuß rechts

Der botanische Name „Ranunculus“ leitet sich vom Lateinischen „rana“ (Frosch) ab, da viele Arten dieser Gattung feuchte Standorte bevorzugen – wie eben auch Frösche. „Repens“ bedeutet „kriechend“ und beschreibt treffend den Wuchscharakter dieser Art.

Die Pflanze enthält – wie viele andere Hahnenfußgewächse – das Protoanemonin, das sich bei Verletzung der Pflanzenzellen zu Anemonin umwandelt. Dieser Stoff kann bei Hautkontakt Reizungen hervorrufen. Beim Kriechenden Hahnenfuß ist der Gehalt jedoch deutlich geringer als bei anderen Arten wie dem Scharfen Hahnenfuß (Ranunculus acris). Dennoch ist Vorsicht geboten: Der Pflanzensaft kann leichte Entzündungen, Juckreiz oder Blasenbildung verursachen. Während der kriechende Hahnenfuß nur relativ wenig dieser Substanz enthält, ist der Gehalt im Gift-Hahnenfuß weitaus höher.

Wegen ihres Gehalts an Giftstoffen ist die Pflanze für Weidetiere nur bedingt geeignet und wird meist gemieden. In Gärten und Parks gilt sie wegen ihres Wucherverhaltens häufig als „Unkraut“, obwohl ihre Blüten durchaus ästhetischen Reiz besitzen.

Weitere „Pflanzen der Woche“ findet Ihr in unserem Archiv – alle, seit 2016.

One comment on “Idylle am Kiosk in HaNeu”

Schreibe einen Kommentar