Pflanze der Woche: 28. Juli – 3. August 2025
Sie kamen gleichzeitig, aber von verschiedenen Seiten. Heino schleppte sich mit gesenktem Blick an die linke Stammseite des Baumes, wo sich das Laub dichte Schatten warf. Er hatte schlecht geschlafen, wie so oft in letzter Zeit. Herzstolpern, Unruhe, eine Traurigkeit, die sich nicht recht benennen ließ. Nixi hingegen näherte sich von der anderen Seite, wo das Licht golden auf die gefiederten Blätter fiel. Auch sie suchte etwas. Trost, vielleicht. Oder eine Antwort.
Beide wussten nichts voneinander. Und beide richteten, fast zeitgleich, ihre Hände an die Rinde des riesenhaften Baumes, der neuerdings in Halle-Neustadt stand. Ein Ort, von dem es hieß, der Glaube sei dort längst verdunstet – aber vielleicht war genau das der Grund, weshalb die Götter gerade hier eingezogen waren.
Denn oben, auf den weit ausladenden Ästen, saßen sie: Allah und Shiva, Buddha, Odin, Zeus, die Jungfrau Maria, eine rabbinische Figur und ein paar vergessene aztekische Gottheiten – alle in einträchtiger Uneinigkeit vereint. Der alte olympische Zwist hatte sich verlagert in die luftigen Höhen der neuen himmlischen Wohngemeinschaft. Den germanischen Göttern war der Baum zunächst nichts. „Sieht zwar aus, wie unser alter. Aber er stinkt einfach bestialisch nach Asien“. „Dafür wächst er aber schneller, gab Krishna zurück. Nicht so langsam wie Eure germanischen Bauprojekte“.
Ach, übrigens, gibt’s was zu Essen?. Wir sind doch extra wegen Kathi hergezogen“.
Kannste vergessen. Die sind doch übernommen worden?“.
Thor ließ wütend seinen Donnerkeil herniedersausen. „Ein weitere Ewigkeit nur Götterspeise? Das halt ich nicht aus.“
„Ich hab seit Jahrhunderten keine Gebete mehr bekommen!“, rief einer.
„Hast du mal in deinem Spamfilter nachgeschaut?“, erwiderte ein anderer.
„Wenn kein Eingangsstempel drauf ist, bin ich nicht zuständig!“, polterte Zeus.
„Wer hat eigentlich heute Dienst?“, fragte Maria mit müdem Lächeln. „Und wer ist für Liebeskummer verantwortlich?“
„Für Neurosen sind doch die Psychiater da unten zuständig!“, warf Odin ein.
„Und für Sexvermittlungen fühl ich mich nun wirklich nicht zuständig“, brummte Jahwe.
„Klar“, gluckste jemand, „du hast nur Angst, dass die da unten einen kleinen Jehova zeugen!“
Das Gezänk nahm kein Ende. Einige forderten eine Reform der Gebetsannahme. „Warum nicht alles digitalisieren?“ – „Die sollen ihre Bitten online einreichen!“ – „Wie denn ohne WLAN?“, rief Vishnu.
Am Ende machte der dicke Buddha einen Vorschlag: „Wenn wir das alles nicht mehr leisten können – sollen wir nicht… eine KI beauftragen?“
„Einen Deus ex Machina?“, flüsterte es ehrfürchtig von mehreren Ästen.
Man nickte. Und so aktivierten sie das längst vergessene göttliche Dienstfahrzeug, einen klapprigen Ratatöskr, der nun zu einer allwissenden Maschine umgebaut wurde. Prompts aus dem Erdenreich wurden fortan empfangen, verarbeitet – und mit fast schon erschreckender Effizienz beantwortet.
Auch Heino und Nixi spürten plötzlich ein Kribbeln. Ein warmes, fast elektrisches Gefühl, das vom Boden aufstieg. Ohne zu wissen, dass sie nicht allein waren, lehnten sie sich beide gleichzeitig ein klein wenig tiefer an die Rinde.
Insgeheim spürten sie: Vielleicht könnte es doch einen Ausweg geben. Vielleicht – könnten sogar Götter helfen.
Fragen an unsere Leserinnen und Leser:
– Um welchen Baum handelt es sich?
– Was hat es mit dem Begriff Deus ex Machina auf sich – und wie passt er hierher?
– Und woran kann man diesen Baum von anderen Ähnlichen unterscheiden – etwa von dem alten, germanischen Regierungsbaum?
– Wo in Halle habt ihr ihn schon mal gesehen?
– Ist Ratatöskr eine Maschine?
Auflösung der Pflanze der Woche: („Lascia ch’io pianga“ – eine Bootsfahrt im Tal der Tränen): Lamprocapnos spectabilis oder Dicentra spectabilis – das Tränende Herz
Unser Leser Rati war schnell mit den richtigen Antworten zur Stelle: Rati sagte:
– Tränende Herz (Lamprocapnos spectabilis)
– wird auch als Männchen in der Badewanne bezeichnet
– im Englischen ist das Männchen eine Lady
– die Blütenblätter sind geschlossen
– aus Fernost
– in Händels Opern geht es häufiger um (Herz)-Schmerz, hier geht es wohl um die Oper „Ronaldo“
ähem „Rinaldo“
Das Tränende Herz, botanisch Dicentra spectabilis, ist eine in Ostasien beheimatete Staude aus der Familie der Mohngewächse (Papaveraceae, früher Fumariaceae). Ihre ungewöhnlich geformten, hängenden Blüten erinnern an kleine, rosafarbene Herzen mit einer weißen Träne am unteren Rand – was der Pflanze im deutschen Sprachraum ihren poetischen Namen einbrachte.



Die Blüten erscheinen im Frühjahr und Frühsommer, bevor sich das Laub im Hochsommer oft zurückzieht. Besonders auffällig ist die Symmetrie der Blüte, die aus zwei äußeren, rosafarbenen Hüllblättern und zwei inneren, weißen, tropfenförmigen Kronblättern besteht. Dreht man die Blüte um 180 Grad, erinnert sie an eine Figur, die in einer rosa Badewanne sitzt – was ihr im angelsächsischen Raum den liebevollen Spitznamen „Lady in the bath“ eingebracht hat.
Der Gattungsname Dicentra bedeutet „zweispornig“ (von griech. dis = zweimal und kentron = Sporn, Stachel) und beschreibt die Form der Blüte. Der Artname spectabilis verweist auf das Spektakuläre, Auffällige ihrer Erscheinung. Der Name erinnert an ein barockes Opernfinale – dramatisch, sinnlich, fast zu schön, um wahr zu sein.
Die Pflanze ist in Gärten sehr beliebt, sollte aber in Ruhe gelassen werden, da sie empfindlich auf Umpflanzen reagiert. Alle Pflanzenteile sind leicht giftig und reizen insbesondere den Magen-Darm-Trakt bei Verzehr.
Weitere „Pflanzen der Woche“ findet Ihr in unserem Archiv – alle, seit 2016.
2 comments on “Himmlische KI”
Hinweis: im Volksmund nennt man das Gewächs „Ghettopalme“. Dabei kommt es nicht nur auf der Silberhöhe oder Ha-Neu vor, sondern auch in Massenbeständen im gepflegten Kröllwitz
Götterbaum. Habe diese Woche keine Zeit, ausführlicher drauf einzugehen.