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Germanische Wurzeln in Pompeji

Pflanze der Woche, 7.-13. September 2026

Pompeji hatte etwas Unwirkliches. Zwischen den Mauern, die einst Zimmer gewesen waren, zwischen zerbrochenen Säulen und den schwarzen Spuren des Vesuvs, lag die Stadt noch immer da, als hätte jemand sie vor zweitausend Jahren verlassen und nur vergessen, die Tür hinter sich zu schließen. Anna Blume und Heino gingen durch eines der alten Häuser. Eine Führerin erzählte etwas auf Italienisch, Heino hörte nur halb zu. Anna dagegen blieb vor einer Wandmalerei stehen.

„Schau mal.“ Es war ein Gemälde im sogenannten dritten pompejanischen Stil. Eine junge, blonde Frau saß vor einem Gefäß und stampfte etwas in einem Mörser. Darunter und daneben waren verschiedene Dinge dargestellt, die in einer römischen Küche wohl nicht völlig fehl am Platze gewesen wären.

Und darunter: lange, helle Wurzeln. Sie sahen ein wenig aus wie Möhren. Aber eben nicht richtig. Möhren sind schließlich meistens orange. Diese hier waren blasser, fast elfenbeinfarben.

Die Führerin sprach weiter. Heino verstand zunächst nur „Germania“. Dann „Tiberio“.

Er horchte auf. Die Frau erklärte etwas über die römischen Haushalte, über Sklaven und Sklavinnen, die aus allen Teilen des Reiches nach Italien gebracht worden waren. Griechen waren darunter, die kunsthandwerkliche Arbeiten verrichteten. Andere stammten aus den nördlichen Provinzen. Auch blonde Frauen aus Germanien sollen in den reichen Häusern Pompejis aufgefallen sein.

Anna sah die blonde Frau auf dem Bild an.

„Na, das passt ja.“„Was?“ Die Germania.“ Die Führerin sprach inzwischen über eine Wurzel.

Heino wurde hellhörig.„
Hast du das verstanden?“

„Nein.“ „Irgendwas mit einer Wurzel aus Deutschland.“

Anna lauschte.

„Tiberius“, sagte sie.

„Ja.“

„Der römische Kaiser.“

„Ja.“

„Und die Wurzel kam aus Germanien.“

„Offenbar.“

Die Führerin zeigte auf das Bild und dann auf eine Pflanze, die tatsächlich zwischen den alten Mauern wuchs. Ein kräftiges Gewächs mit großen Blättern und hohen Stängeln, an deren Ende sich breite Schirme aus kleinen gelblich-grünen Blüten öffneten.

Die Führerin redete weiter. Diesmal verstand Heino nur noch „Gelduba“.

„Gelduba?“

Anna grinste.„Das klingt ja fast nach Geld.“

Tatsächlich aber ging es um einen Ort am Rhein. Eine römische Festung. Dort, so erzählte die Führerin, habe es eine besondere Wurzel gegeben, die sogar auf dem Tisch des Kaisers Tiberius geschätzt worden sei.

Eine Wurzel aus dem kalten Norden, die es bis an die kaiserliche Tafel geschafft hatte.Anna sah wieder auf das Gewächs zwischen den Ruinen. „Schon merkwürdig“, sagte sie. „Sonst erzählt man uns immer, dass die Römer uns die ganzen guten Sachen gebracht haben.“

„Oliven.“„Wein.“„Feigen.“

„Und jetzt kommt plötzlich eine deutsche Wurzel nach Rom.“Anna ging zu der Pflanze hinüber.
Ich glaube, ich reiße die hier raus, und wir nehmen sie mit. „Vielleicht will sie ja ihr Land zurück“, grinste Heino. Unkraut mit Sehnsucht.

Unsere Fragen

1. Welche Pflanze ist auf unserem Vorschaubild zu sehen?
Ihre große, kräftige Wurzel war einst ein beliebtes Gemüse – und findet sich bereits in der römischen Überlieferung.

2. Was hat diese Wurzel mit Kaiser Tiberius zu tun?
Warum ließ der römische Kaiser eine besondere Wurzel jedes Jahr aus Germanien an seine Tafel bringen?

3. Und wo genau lag dieses geheimnisvolle Germanien?
Der von Plinius genannte Ort Gelduba lässt sich auf der heutigen Landkarte ziemlich genau verorten. Ein kleiner Hinweis: Wir müssen dafür an den Niederrhein.

4. Ist die Pflanze auf dem Bild vielleicht tatsächlich ein Nachfahre jener berühmten römischen Wurzel?
Oder haben wir es mit einer ganz anderen Pflanze zu tun?

Auflösung der letzten Pflanzte der Woche (Der Suppendämon): Winterbohnenkraut, Bergbohnenkraut, Satureja montana

Ja, richtig:, Gork von Ork schrieb: Bei der Pflanze handelt es sich um Bohnenkraut, hier, wegen des Bezuges auf Winter, um Winter-Bohnenkraut.
Auch als Satureja montana bekannt. Aus diesem leite ich den Namen der gehörnten Figur ab, es handelt sich um einen Satyr bzw. Faun. Das Wort Satire entstammt aus dem lateinischen satira, das wiederum aus satura lanx hervorging und ‚mit Früchten gefüllte Schale‘ bedeutet. In früherer Zeit wurde Satire fälschlicherweise auf Satyr zurückgeführt, daher die ältere Schreibweise Satyra.
Bohnenkraut war als „Kraut des Satyrs“ bekannt, in Bezug auf die mythologische Figur, halb Mensch und halb Ziege, mit einem unersättlichen sexuellen Appetit.



So ist es.
Warum Winter-Bohnenkraut?

Der deutsche Name unterscheidet die Pflanze von ihrem nahen Verwandten, dem Sommer-Bohnenkraut (Satureja hortensis).

Dieses ist einjährig und verschwindet nach einer Vegetationsperiode wieder aus dem Garten. Satureja montana dagegen ist mehrjährig und deutlich robuster. Sie überdauert den Winter und kann – je nach Witterung und Standort – auch außerhalb der Sommermonate noch beerntet werden.

Daher also das Winter-Bohnenkraut.

Das Kraut besitzt ein kräftiges, würziges Aroma und wird traditionell besonders zu Bohnen, Erbsen, Linsen und anderen Hülsenfrüchten verwendet.


Schon Plinius kannte die satureia

Der Name Satureja ist sehr alt. Bereits der römische Naturforscher Plinius der Ältere erwähnt satureia als Gewürzkraut. In der überlieferten deutschen Übersetzung heißt es:

„Thymbra aber ist das, was man cunila nennt. Diese hat bei uns auch noch einen anderen Namen, sie wird nämlich als Gewürzkraut satureia genannt. Man sät sie im Monat Februar. Da sie mit dem Dost (Oregano) rivalisiert, verwendet man niemals beide zusammen, da sie eine sehr ähnliche Wirkung haben.“


Was hat der Satyr mit Satureja zu tun?

Eine alte Erklärung bringt den Namen Satureja mit den Satyrn der griechischen Mythologie in Verbindung.

Satyrn waren jene wilden Begleiter des Dionysos: Mischwesen zwischen Mensch und Tier, Bewohner von Wald und freier Natur, Freunde von Wein, Musik und anderen Vergnügungen. In der Kunst konnten sie Pferdeohren, einen Schweif, später auch zunehmend bocksartige Merkmale und Hörner besitzen.

Dem Bohnenkraut schrieb man seit alters her besondere, anregende Eigenschaften zu. So lag die Verbindung zu den notorisch lebensfrohen Satyrn nahe. Ob dies jedoch nur Volksethymologie ist – ist umstritten. Auffällig ist die Namensähnlichkeit mit Al Satar, der arabischen Bezeichnung für eine Familie vom ehr ähnlichen aromatischen Kräutern.



Und was ist das für ein Künstler: „Das Bild könnte, wenn es „echt“ und nicht KI wäre, ist im Stil des akademischen Realismus, der Salonmalerei oder der mythologischen Romantik empfunden. Bekannte Maler wären Bouguereau, Alma-Tadema oder Arnold Böcklin.“ Meinte Gorck.

Schwierig. Natürlich war das KI. Die aber eher auf barocke Formen denn auf akademischen Realismus getrimmt wurde (Böcklin hat auch gerne Satyrn gemalt, das stimmt).

Und der Hinweis auf den berühmten Barockmaler führt zu Peter Paul Rubens.
Rubens malte mit besonderer Vorliebe mythologische Szenen: Venus und andere Göttinnen, Nymphen, Satyrn, Bacchanten und allerlei Gestalten aus der antiken Welt. Und er hatte bekanntlich eine große Vorliebe für üppige, kräftige Körperformen. Der Begriff „Rubensfigur“ erinnert bis heute daran.
Unser Satyr haben wir aus einem berühmten Bild von Peter Paul Rubens entnommen: „Satyr und Mädchen mit Früchtekorb. 1620-25“ sowie „zwei Satyrn. 1618“



Weitere „Pflanzen der Woche“ findet Ihr in unserem Archiv – alle, seit 2016.



One comment on “Germanische Wurzeln in Pompeji”

  1. Auf dem Foto erkenne ich eine Pastinake.

    Der römische Kaiser Tiberius (Regierungszeit 14–37 n. Chr.) forderte angeblich große Mengen des Wurzelgemüses (damals oft als Siser bezeichnet) aus dem germanischen Raum als Steuer.Durch das kalte Klima im Norden wuchsen dort besonders süße und aromatische Wurzeln

    Überliefert ist nicht genau, ob Tiberius sie nur zum Genuss aß oder ob sie ihm als Heilmittel, Schlankmacher oder Aphrodisiakum dienen sollten.

    Im Südosten des heutigen Krefeld liegen zwei alte Siedlungskerne. Der eine, näher zum Rhein hin gelegene ist Gelduba/Gellep. Hier errichteten die Römer im späten 1. Jahrhundert n. Chr. bei einem ubischen Dorf das Kastell Gelduba.

    Das nahe, aber deutlich getrennte Gräberfeld Gellep-Ost setzt erst gegen 535 n. Chr. ein; an seinem südlichen Rand befindet sich ein eingegrenztes Fürstengräberfeld mit dem Grab des fränkischen Fürsten Arpvar, der mit reichhaltigem Goldschmuck und einem goldenen Spangenhelm beerdigt wurde. DasGräberfeld wurde nicht gesucht.

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