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Gänseklein und Meldepflicht


(Pflanze der Woche, 17.-23. November 2025)

Nixi wachte schweißgebadet auf. Ein Alptraum: Ihr Schwiegervater raste durch den Gänsestall, Hackmesser in der Hand, und etliche der stolzen Tiere fielen dem blutigen Massaker zum Opfer.
„Besonders lecker – die Füße!“, schrie er, während er den Vögeln die Gliedmaßen abhackte.
„So kommen wir der Vogelgrippe und der Meldepflicht zuvor – dann laufen die Gänse gar nicht mehr raus!“ Das Wort hallte in Nixis Kopf: Meldepflicht für kranke Gänse, für gesunde, für alles, was federt und quakt. Alles wirr, alles durcheinander. Vor dem Stall türmte sich ein blutiger Haufen abgetrennter Gänsefüße. Darunter viele der Tiere, die Nixi so liebevoll mit dem Grünzeug gefüttert hatte, das draußen vor dem Stall und in Omas Garten gewachsen war. Gerne aßen sie es auch, wenn Oma es aus dem Garten nahm und zu einer Art leckeren Spinat gedünstet hatte. Das war auch für die Menschen gesund.

Heino beruhigte Nixi, die noch immer aus dem durchlittenen Traum in die Realität zurückgekehrt war. „Kann man denn Gänsefüße essen?“, fragte sie verwirrt.
„Ja – aber nur, wenn sie grün sind“, fand Heino und sprang in den Garten. Er kam mit Büscheln langer grüner Blätter zurück, teils schon in Samenhüllen übergehend, unter dünnen länglichen Plättchen je ein Korn.
„Komm, probier mal“, sagte er.

Nixi biss hinein und schrie: „Iih, wie bitter!“ Heino kaute nachdenklich: Da stimmt etwas nicht, und besah sich eines der abgepflückten Blätter. „Nicht wie sonst… zu pfeilförmig, zu glänzend, zu gezackt.“
„Was habe ich verwechselt?“, fragte er unsicher.
„Kein Stechapfel“, murmelte sie und stellte beruhigt fest, dass die Blätter zwar ähnlich seien, die Blütenrispen aber winzig und die Fruchtstände unscheinbar – das sei anders als beim Stechapfel oder einem anderen Nachtschatten.
„Es ist eine Art, die eng mit dem richtigen Gemüse verwandt ist. Aber sie hat einen stärkeren, unangenehmen Eigengeschmack.“
„Na, Hauptsache, es bleibt in der Familie“, stellte Heino belustigt fest, als er einen Fuchs mit langem Schwanz um die Ecke biegen sah – im Maul natürlich etwas, das wie ein Gänsefuß aussah.

Die Blätter der Pflanze, die sie probiert hatten, waren schmal, pfeilförmig, leicht gezackt und glänzend-speckig – ein deutlicher Unterschied zu den sanften Gartenblättern, die sie aus Omas Garten kannten. Heino dozierte: „Vieles ist allen Mitgliedern der Gattung gemeinsam – die dreieckige Grundform der Blätter gibt der Gattung den Namen. Hier sagt der lateinische Beiname, dass sie pfeilförmig ist. Im Gegensatz zu den wohlschmeckenden Gartenformen, die man kultiviert.“

Eine wirre Geschichte, ein schlimmer Traum. Ein Traum, den jemand gemalt hatte, der sich gerade durch die Büsche vom Hofe stahl, Pinsel und Staffelei unter dem Arm, seinem heiligen Namen keinesfalls Ehre erweisend…


Fragen
• Um welche Pflanze handelt es sich – die so bitter schmeckt?
• Womit wurde sie verwechselt?
• Innerhalb der Familie und Unterfamilien herrscht viel botanische Verwirrung – weshalb könnte man scherzhaft rufen:
„Fuchs, du hast die Gans gestohlen!“ und „Es wirbeln Füße und Schwänze durcheinander“?
• Welche Merkmale helfen, die glänzende Form von der wohlschmeckenden Gartenform zu unterscheiden?
• Welcher Künstlerstil schwingt im Beitragsbild mit?

Auflösung der letzten Pflanze der Woche „Einfach grotesk: Teller, Löffel, Hasi und der vierte Stil“: Claytonia perfoliata, Gewöhnliches Tellerkraut, Kuba-Spinat, Winter-Postelein,, Winter-Portulak

Auflösung der letzten Pflanze der Woche: Tellerkraut, Winter-Postelein, Kubaspinat, Claytonia perfoliata.

Gork vom Ork fand auf jeden Fall die Pflanze heraus, er schrieb: „Gewöhnliches Tellerkraut, auch Winterportulak genannt. Aussähen kann man die Pflanze im November. Die Samen des Telelrkrauts keimen erst bei einer Temperatur unter 12 °C. SIe werden in der Zeit von September bis März ausgesät (daher Winterportulak). Alles was mit Clayton zu tun hat, können sehr gern die anderen regen Teilnehmer beantworten.“

 
Die Pflanze, die hier beschrieben wird, ist Claytonia perfoliata, auch bekannt als „gewöhnliches Tellerkraut“, „Winter-Postelein“, „Kuba-Spinat“ oder „Winter-Portulak“. Sie gehört zur Familie der Quellkrautgewächse (Montiaceae) und ist ursprünglich in Nordamerika heimisch. Diese robuste Pflanze ist dafür bekannt, dass sie auch in den kälteren Monaten wächst, was ihr den Spitznamen „Winter-Postelein“ einbrachte. Sie ist ein zartes, aber widerstandsfähiges Gewächs, das unter anderen Bedingungen wächst und sich besonders in gemäßigten Klimazonen, wie sie auch in Finnland zu finden sind, wohlfühlt. Die Gattung Claytonia wurde 1753 durch Carl von Linné in Species Plantarum, Tomus I, S. 204 aufgestellt. Der wissenschaftliche Gattungsname Claytonia ehrt den Botaniker John Clayton (1694–1773).

Der Ausdruck „durchwachsen“ bezieht sich darauf, dass die Blütenstile die tellerförmigen Blätter zu „durchwachsen“ scheinen. Daher rührt auch das Art-Epitheton „ perfoliata“ 8durch das Blatt dringend“. Die Tellerförmigen Blätter sind eigentlich Doppelblätter. Sie entstehen, wenn zwei der Spatel- oder Löffelförmigen primären, fleischigen  Blätter zusammenwachsen. Claytonia perfoliata ist ein Neophyt, was bedeutet, dass sie in neuen Regionen wächst und hier meist als ein „importiertes“ Gewächs angesehen wird.

Und die anderen Fragen?

Vierter Stil ?

Und die anderen Fragen?

Der vierte Stil

„Vierter Stil“ ist ein Verweis auf die pompejanische Wandmalerei, die im ersten Jahrhundert v. Chr. populär war. Im vierten Stil wurden Dekorationen verwendet, die sich durch phantasievolle Gebilde auszeichneten, die an filigrane Gestelle aus dünnen Säulchen, umschlungen von Rankenwerk, auszeichnen. Gern verwendete man auch so genannte „Kandelabermotive“, die sich von römischen Lampenständern herleiteten. Dies waren dünne, umrankte Stäbe, die tellerförmige Plattformen trugen, auf denen sich allerhand tummelte. Gerne verwendete man diese Gebilde als Rahmenwerk für illusionistische Felder, auf denen  „fliegende Figurengruppen“ schwebten. Diese Wandbilder vermischten perspektivische Elemente mit ornamentalen Darstellungen von Natur und Pflanzen. So erinnert die Art und Weise, wie Claytonia perfoliata ihre Blütenstile aus den „Tellern“ herauswachsen lässt, an die Etageren-artigen Kandelabermotive der pompejanischen Malerei.

Da diese Pflanze jedoch aus der Neuen Welt stammt, hätten die Römer den Winter-Postelein nicht gekannt. Es ist eher eine künstlerische Assoziation, die die Pflanze in die visuelle Sprache des vierten Stils einbindet, nicht weil die Römer sie gekannt hätten, sondern weil ihre Wuchsweise und Struktur an die ornamentalen Techniken der Wandmalerei erinnern.

Einfach grotesk?
Und was war mit „grotesk?“ gemeint Der Begriff „Groteske“ wurde erstmals in der Renaissance geprägt, nachdem 1479 in Rom antike Wanddekorationen in der Domus Aurea des Kaisers Nero entdeckt worden waren. Diese Dekorationen, die ähnlich wie der pompejanische „vierte Stil“ eine phantastische, übersteigerte Formensprache aufwies, die mit den Beschreibungen in Vitruvs Architectura übereinstimmte.

Weil die Wandgemälde in verschütteten, unterirdischen Räumen gefunden wurden, erhielt der Begriff den Zusatz „grottesco“, abgeleitet vom italienischen grotta (Höhle). „grotesken“ waren zunächst in der Renaissancezeit fantasievolle ornamentkompositionen, die diese römischen Vorbilder aufgriffen und Mode wurden. Später bezeichnete man sowohl diese antiken Darstellungen als auch ihre späteren Nachahmungen sowie verzerrte, übersteigerte Darstellungen in Kunst und Literatur als „grotesk“.

E. VICO (1523-1567), Groteske Wandfüllung, um 1573, Renaissance . Ornamentvorlage im Stil römischer Wanddekoration.

Heute verwenden wir den Ausdruck „grotesk“, oder auch salopp „grottig“ für Dinge, die irgendwie absurd und merkwürdig erscheinen, oft mit einer negativen Konnotation.

Weitere „Pflanzen der Woche“ findet Ihr in unserem Archiv – alle, seit 2016.

One comment on “Gänseklein und Meldepflicht”

  1. Der Weiße Gänsefuß (Chenopodium album), ist eine Pflanzenart aus der Gattung Gänsefuß (Chenopodium) in der Familie der Fuchsschwanzgewächse (Amaranthaceae). Die Blätter sind weiß bestäubt.

    Ich vermute es handelt sich um einen surrealistischen Malstil.

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