Pflanze der Woche, 4.-10. Mai 2026
Leonhard wachte langsam auf. Der Schlaf hing noch schwer in ihm, dumpf und unruhig.
Die Decke über ihm kannte er nicht. Die Wände auch nicht. Abgeblätterte Tapete, matte Farben, ein Zimmer, das bessere Zeiten gesehen hatte. Irgendwo in Halle, fiel ihm ein. Mühlwegviertel. Altbau.
Dann kam der Rest bruchstückhaft zurück.
Maifeier. Zu viel Waldmeisterbowle.
Ein Baumarkt. Zwischen Pflanzen hatte er sie getroffen. Nixi.
Sie war nett gewesen. Und schön. Sie waren zusammen losgezogen. Wohin genau – keine Ahnung mehr.
Er erinnerte sich noch an das Bett. Daran, dass sie ihn festgehalten hatte, fast zu fest. Dann riss alles ab.
Filmriss.
Ein Geräusch aus der Ferne zog ihn zurück. Klappern. Stimmen.
Ein Mann, laut. Wütend. Heino? So hatte sie ihn genannt.
Und eine Frauenstimme, schrill. Anna vielleicht.
Dazwischen Nixi. Klar, bestimmt. Eine Tür fiel. Schritte. Dann Ruhe.
Leonhard öffnete die Augen ganz.
Was war das für ein Zimmer?
Links neben ihm stand eine Lampe. Der Schirm aus buntem Glas, mit floralen Mustern. Das Licht weich, gedämpft. Über der Tür ein Fenster im gleichen Stil. Staubig, aber noch immer voller Linien, die sich ineinander verschlangen.
Und dann bemerkte er den Geruch.
Er kam nicht von draußen. Nicht aus der Küche.
Er kam vom Nachttisch.
Dort stand eine Vase. Violette Blüten, schlicht, aufrecht.
Leonhard beugte sich leicht vor.
Der Duft war eigenartig. Frisch, grün – und dahinter etwas Fruchtiges.
„Pflaume“, dachte er. „Es riecht nach Jugendstil. Es riecht lila und nach Pflaume.“
Er gehörte zu den Menschen, bei denen die Sinne ineinandergreifen. Zahlen hatten für ihn Farben. Die Acht zum Beispiel – die war auch lila.
Er ließ sich wieder zurückfallen. Schloss die Augen. Schlief vielleicht noch einmal ein.
Als er sie wieder öffnete, stand sie in der Tür.
Nixi.
Sie kam näher, setzte sich zu ihm und schüttelte ihn leicht.
„Hey. Frühstück?“
Er verzog das Gesicht. „Wer bin ich, wo bin ich?“
Sie sah ihn an. „Gestern warst du Leonhard. Und ziemlich betrunken. Aber nett.“
Er stöhnte. „Haben wir…? Und wer bist du?“
„Nixi“, sagte sie. „Und wir sind jetzt allein.“
Sie lächelte kurz. „Magst du frühstücken?“
Er nickte, noch immer benommen. Dann zeigte er auf die Vase.
„Der Duft… was ist das?“
Sie nahm eine der Blüten und hielt sie ihm hin.
„Also die riecht so nach Pflaume?“
„Klar. Kennst du nicht?“
Er deutete zur Lampe. „Und die? Echt?“
„Ich glaube schon. Flohmarkt.“
Vielleicht könnt ihr ihm helfen:
– Woher kommt dieser deutliche Duft nach Pflaume?
– Welche Pflanze steht in der Vase auf dem Nachttisch?
– Pflanzen dieser Gattung waren ein Lieblingsmotiv des Jugendstil – besonders in Flächenornamenten und in der Glaskunst. Auch bei solchen Lampenschirmen. Wie nennt man diese Art von Glaslampen und Glasfenstern – und auf wen gehen sie zurück? Was unterscheidet sie von mittelalterlichen Kirchenfenstern?
– Wenn Leonhard meint, die acht sei lila und Jugendstil röche nach Pflaume: ist er da oben nicht ganz dicht, oder gibt es das öfters?
Auflösung der letzten Pflanze der Woche („kein wirklicher Ersatz“): Tonkabohne, Dipteryx odorata.
Die in der Geschichte gezeigte Frucht ist die Tonkabohne, der Samen von Dipteryx odorata (Familie Fabaceae). Der Baum ist in den tropischen Regenwäldern Südamerikas verbreitet, insbesondere im Amazonasgebiet.
Botanik
Dipteryx odorata ist ein bis zu 30–40 m hoher Baum. Die Frucht ist eine einsamige, bohnenartige Struktur (Samen innerhalb einer Steinfrucht). Die getrockneten Samen werden als Tonkabohnen bezeichnet und sind aromatisch nutzbar.





Inhaltsstoffe
Der wichtigste aromawirksame Inhaltsstoff ist Cumarin (chemisch: 1,2-Benzopyron). Weitere Begleitstoffe sind u. a. ätherische Öle und Bitterstoffe.
Cumarin ist verantwortlich für den charakteristischen Geruch, der beschrieben wird als:
- süßlich-vanilleartig
- mandelähnlich
- heuartig
Vergleich mit Waldmeister
Waldmeister (Galium odoratum) enthält ebenfalls Cumarin bzw. dessen Vorstufe (in gebundener Form als Glycosid). Beim Trocknen oder Welken wird Cumarin freigesetzt. Dadurch entsteht der typische „Waldmeisterduft“.
→ Chemische Gemeinsamkeit: Cumarin als Leitstoff
→ Botanisch: keine enge Verwandtschaft (Rubiaceae vs. Fabaceae)
Toxikologie
Cumarin kann in höheren Dosen hepatotoxisch wirken (leberschädigend). Die Bewertung basiert auf tierexperimentellen Daten und toxikologischen Schwellenwerten.
Rechtslage (EU)
- Cumarin ist als Zusatzstoff nicht zugelassen.
- Natürliche Quellen (z. B. Waldmeister, Tonkabohne) dürfen in Lebensmitteln verwendet werden, jedoch nur unter Einhaltung von Höchstmengen.
- Die Verwendung wird durch die EU-Aromenverordnung sowie nationale Lebensmittelüberwachung geregelt.
Lebensmitteltechnologische Anwendung
- Tonkabohne: Verwendung in sehr geringen Mengen als Gewürz (Feinkost, Patisserie, Gastronomie)
- Waldmeister: traditionell für Getränke und Süßspeisen, heute oft durch Aromastoffe ersetzt
- Industrielle Produkte verwenden häufig synthetische Aromastoffe, die kein Cumarin enthalten, aber ähnliche sensorische Eigenschaften besitzen
Technische Ersatzstoffe
„Waldmeisteraroma“ in industriellen Produkten basiert meist auf synthetischen Aromakomponenten, die gezielt den Duftcharakter nachbilden, jedoch nicht mit Cumarin. Man verwendet beispielsweise das Derivat 6-Methylcumarin. Dies wird in Lebensmitteln als künstliches Waldmeister- oder Kokosnussaroma verwendet. Die Höchstmenge in verzehrfertigen Lebensmitteln ist mit 30 mg/kg festgelegt. Diese sind lebensmittelrechtlich zugelassen, solange sie den jeweiligen Reinheits- und Sicherheitsanforderungen entsprechen.
Zusammenfassung
Die Tonkabohne ist eine natürliche Cumarinquelle aus einem südamerikanischen Hülsenfrüchtlerbaum. Sie weist aromatische Ähnlichkeit zum Waldmeister auf, da beide Cumarin enthalten. Aufgrund toxikologischer Eigenschaften ist die Verwendung von Cumarin in Lebensmitteln regulatorisch eingeschränkt, wodurch in der Lebensmittelindustrie häufig synthetische Ersatzaromen eingesetzt werden.
Weitere „Pflanzen der Woche“ findet Ihr in unserem Archiv – alle, seit 2016.
2 comments on “Frühstück bei Tiffani”
Weil ihre Blüten einen intensiven Duft verströmen, der stark an reife Pflaumen erinnert, bezeichnet man die Iris graminea als Pflaumeniris .
Tiffany-Stil Tiffany-Lampe
Diese kunstvollen Glaslampen sind benannt nach Louis Comfort Tiffany, dem bekanntesten Designereiner Ikonen des Jugendstils .
Bei der Tiffany-Technik werden die Glaskanten mit selbstklebender Kupferfolie umwickelt und anschließend miteinander verlötet. Dies ermöglicht sehr feine Linien und das Zusammenfügen von kleineren, komplex geformten Glasteilen.
Die Technik bei Mittelalterliche Fenstern ist eine ganz andere. Die Glasstücke werden in H-förmige Bleiruten gesteckt, deren Schnittstellen verlötet werden. Die Bleiruten sind deutlich breiter und sichtbarer als Kupferfolie
🙏 Treffer mittschiffs, @NhuDeng