Die letzten Sonnenstrahlen zitterten über dem alten Kanal, als zwei Gestalten langsam das Ufer entlanggingen – eng beieinander, Hand in Hand. Seit jener Reise ins Tal der Düfte war vieles anders geworden. Heino und Nixi waren sich nah, auf eine Weise, die Worte nur unzureichend beschreiben konnten.
„Hier ist es schön“, sagte sie, und ihr smaragdgrünes Kleid schimmerte wie Wasserlicht zwischen Weiden und Erlen.
Heino nickte. „Wie ein Ort, an dem eine Geschichte beginnt.“
Und Nixi begann zu erzählen – wie beiläufig, fast flüsternd.
„In alten Zeiten, sagte man, ging der Gott der Unterwelt einmal ans Licht. Er folgte dem Fluss der Klagenden, und dort sah er eine Frau sitzen – ganz still, in blassem Grün, mit einem Duft, der selbst den Tod vergaß.
Er setzte sich zu ihr. Redete, warb, versprach. Einen Kuss – mehr wollte er nicht. Und sie, vielleicht klug, vielleicht müde, ließ es geschehen. Im nächsten Augenblick stand sie in der Oberwelt. Doch der Gott war fort. Frühling lag in der Luft – seine Gemahlin, sagte er, dürfe nichts erfahren.
Die Frau hätte schweigen können. Doch sie prahlte. Rief hinaus, dass sie schöner sei, begehrenswerter. Und so wurde sie verwandelt. Zertreten. Ihr Duft aber blieb – und wächst seither an stillen Wassern.“
In diesem Moment rutschte Nixi auf einem glitschigen Stein aus. Mit einem juchzenden Schrei platschte sie in den Kanal.
Heino beugte sich erschrocken über das Ufer – doch da war sie schon wieder, triefend und lachend, das Kleid eng an Haut und Glieder geschmiegt. Ihr Anblick ließ ihn kurz den Faden verlieren.
„Schau mal“, sagte sie, während das Wasser noch von ihren Haarspitzen tropfte. In ihrer Hand hielt sie ein Büschel feiner, glänzender Blätter.
„Ich kenne den Duft“, murmelte Heino, als sie ihm die Pflanze unter die Nase hielt. „Aber irgendwie nicht nur frisch. Da ist was… Tieferes.“
„Erinnert an etwas Modriges. Und etwas, das wachmacht“, flüsterte sie.
Wenig später, daheim, trockneten sie sich lachend ab, schlugen Bücher auf, blätterten in alten Drucken.
„Die kenn ich!“, sagte Heino, als sie auf ein Bild stießen: Nixen in einem Boot, halb träumend, halb lauernd. „Hängt in der Alten Post. Früher bei Oma auch.“
„Er hat viele davon gemalt. Und er war damit sehr erfolgreich. Dank der großen Lithographenanstalten wurden sie rasch Massenware. Sogar in Arbeiterwohnungen“
Fragen an unsere Leserinnen und Leser:
– Um welche Pflanze handelt es sich, die am Wasser wächst und zugleich kühl, scharf und sinnlich duftet?
– Was berichtet der griechische Mythos über ihre Herkunft – und wer war es, der sie verwandelte?
– Warum riecht diese Pflanze nach mehr als nur Frische – was ist ihre chemische Komponente?
– Und wer war der Maler, der so viele Nymphen in Booten festhielt – und damit die Gattung der „Schlafzimmer-Bilder“ schuf ?
Auflösung der letzten Pflanze der Woche: („Lascia la spina, cogli la rosa: Süßliche Kitschgrüße aus dem Urlaub“) Rosa × damascena – die Damaszener-Rose
Unser Leser Rati schrieb und beantwortete ganz richtig unsere Fragen:
– Rose von Kazanlik (Rosa Trigintipetala)
– Sie wird im Gebiet um die Stadt Kazanlak (Bulgarien) zur Rosenölgewinnung genutzt.
– Die Rosenblüten werden von Hand und in den frühen Morgenstunden geerntet. Zu dieser Zeit ist der Gehalt an ätherischen Ölen am höchsten.Für die Gewinnung einer geringen Menge Rosenöl sind immense Mengen an Blütenblättern erforderlich. Für die (Wasserdampf-)Destillation von einem Liter Rosenöl werden 3.000 bis 5.000 Kilogramm Rosenblüten benötigt.Die frisch geernteten Blütenblätter werden in einen Destillierkolben oder eine Destille gegeben.Die Blütenblätter werden mit Wasser erhitzt. Der aufsteigende Wasserdampf durchdringt die Blütenblätter und löst die darin enthaltenen flüchtigen Duftmoleküle (das ätherische Öl).Der mit den Ölen angereicherte Dampf wird anschließend durch ein Kühlsystem geleitet, wo er kondensiert .Das Kondensat besteht aus zwei Phasen: dem leichten, auf der Oberfläche schwimmenden Rosenöl und dem schwereren Rosenwasser (auch Hydrolat genannt). Da sich Öl und Wasser nicht vermischen, können sie leicht voneinander getrennt werden. Das Rosenwasser enthält ebenfalls Duftstoffe und wird oft als wertvolles Nebenprodukt weiterverwendet.
– Rosenöl: Verwendung als Komponente in hochwertigen Parfüms, in der Aromatrerapie, wegen der antiseptischen Eigenschaften in der Hautpflege und Medizin und zum Aromatisieren orientalischer Desserts.
Rosenwasser: ähnliche Anwendungsbereiche, dazu auch in der Haarpf´lege und als Duftwasserspray, und auch wieder zum Aromatisieren von Baklava, Lokum oder auch MARZIPAN
Die Damaszener-Rose (Rosa × damascena) gilt als eine der duftintensivsten Rosensorten der Welt. Sie ist eine historische Hybride, vermutlich entstanden aus der Kreuzung der galicischen Rose (Rosa gallica) mit asiatischen Wildrosen. Ihren Namen verdankt sie der syrischen Stadt Damaskus, von wo sie im Mittelalter – wahrscheinlich durch Kreuzfahrer – nach Europa gelangte.




Heute liegt das Zentrum ihres Anbaus im bulgarischen Rosental, insbesondere rund um die Stadt Kasanlak (türkisch: Kazanlık, „Ort des Kessels“ (Kazan=Kessel)) – benannt nach den traditionellen Destillierapparaten, in denen seit Jahrhunderten Rosenöl gewonnen wird.
Geerntet werden die Blüten frühmorgens, bei Sonnenaufgang – wenn die Konzentration ätherischer Öle am höchsten ist. Durch schonende Wasserdampfdestillation entsteht das kostbare Rosenöl – für einen einzigen Liter braucht es rund 4.000 Kilogramm Blüten. Nebenbei fällt auch das Rosenwasser an, das als Nebenprodukt ebenfalls geschätzt wird.
Beide Stoffe finden in der Parfümerie, Naturheilkunde und Küche Verwendung. Rosenwasser ist eine klassische Zutat in Marzipan, Halva, Speiseeis – und im bekannten türkischen Lokum, dem rosafarbenen Würfelkonfekt, das auf dem Statusbild zu sehen war. Selbst in Norddeutschland wird Rosenaroma zum Verfeinern traditioneller Süßspeisen verwendet.
Chemisch basiert der Duft der Damaszener-Rose vor allem auf einer komplexen Mischung aus Citronellol, Geraniol, Phenylethanol und Nerol. Diese natürlich vorkommenden Alkohole und Ester sorgen für das charakteristische, warme, süßlich-blumige Bouquet. Ein besonders seltener Bestandteil ist das sogenannte β-Damascenon, das trotz seines geringen Anteils für die Tiefe und Strahlkraft des Rosenduftes verantwortlich ist – und der Rose wohl auch ihren Namen mitgegeben hat.
Musikalische Fußnote: Die Melodie des Glücks
Die Zeile „Lascia la spina, cogli la rosa“ („Lass den Dorn, pflücke die Rose“) entstammt einer frühen Oper Georg Friedrich Händels – ursprünglich mit dem Text einer Buß-Arie unter dem Titel „Lascia la spina, cogli la rosa“. Später verwendete Händel exakt dieselbe Melodie erneut – diesmal mit neuem Text – im berühmten Klagelied „Lascia ch’io pianga“ („Lass mich weinen“) in seiner Oper Rinaldo.
So wurde aus einer zarten Aufforderung zum Glück ein herzzerreißender Ruf nach Erlösung.
Dass Heino diese Melodie einst auf dem Redaktionsflur pfiff – und sie nun, mit veränderter Bedeutung, in seinem Leben widerhallt – ist vielleicht mehr als Zufall.
Manchmal genügt ein neues Kapitel – oder ein anderer Text – um aus einer Klage ein Liebeslied zu machen.
Weitere „Pflanzen der Woche“ findet Ihr in unserem Archiv – alle, seit 2016.