Pflanze der Woche, 09. März 2026
Heino hatte Frühjahrskummer. Jedes Jahr, wenn die ersten milden Tage die Menschen in Gärten und Gewächshäuser lockten, begann auf seiner Fensterbank das große Hoffen – und das große Sterben. Dieses Jahr traf es besonders seine Tomaten. Die Sorte Harzfeuer, sonst zuverlässig, knickte reihenweise um. Die Keimlinge standen zunächst ordentlich in Kokos-Quelltöpfen – bald wirkten sie weich und schlaff, und einer nach dem anderen fiel um.
Er suchte Rat in Foren, doch Hunderte Watt seiner Lampen hatten schon genug Licht geliefert. Heino wusste, wo das Problem lag: Seit Nixi den Torf verboten hatte.
„Moore schützen! Keine Torf-Presstöpfe mehr!“ hatte sie gesagt.
Doch gerade als er über seine kränklichen Pflanzen grübelte, tauchte Anna Blume auf. Sie hörte Heinos Klagen geduldig an. Während Nixi lauschte – denn sie hatte einen Verdacht.
„Du brauchst ein ordentliches Substrat“, meinte Anna Blume. „Woher nehmen?“ fragte Heino skeptisch. „Aus meiner Heimat“, antwortete sie.
Soso, da will also unser Heino mit Anna Blume Feuchtgebiete erkunden, zischte die eifersüchtige Nixi ihn an, Schlimmes befürchtend. Trotz Nixis Protest fand sich Heino wenige Tage später auf dem Bahnsteig von Wernigerode wieder, unterwegs in das Brockenmassiv. Sie stiegen aus in Drei Annen Hohne, gingen durch einen stillen Wald, feucht und neblig, bis Anna stehenblieb: „Wir nennen es das Blumentopf-Moor“.
„Feuchtigkeit muss sein“, sagte sie und bückte sich. Sie reichte ihm ein grünes, schweres Bündel: ein lebendiges Geflecht kleiner Pflanzen, vollgesogen mit Wasser. „Das ist das beste Anzuchtmedium für deine Tomaten.“
Als Heino die Masse in den Händen hielt, schaute er Anna in Gesicht – und erschrak. Aus ihren nebelnassen Haaren krochen Schlangen. Grün, zischelnd, giftig. „Brockenhexe !“ durchfuhr es ihn. Eine Brocken-Medusa. Mit einem Schrei fuhr er hoch.
„Heino!“ Nixi rüttelte ihn wach. „Warum schreist du nachts nach dieser blöden Anna Blume?“ Heino setzte sich auf. Seine Hand war geschlossen. Langsam öffnete er sie. Darin lag ein nasses Bündel Pflanzenstücke. Unten bräunlich. Oben gelblichgrün. Tropfnass. „Dann habe ich also doch nicht alles geträumt …“ Nixi betrachtete das Bündel. „Ach so“, sagte sie. „Das ist doch… klar.“ Aber vielleicht wissen unsere Leser genauer Bescheid.


Fragen an unsere Leser
- Welche Pflanzengattung hat Heino aus dem Moor mitgebracht – vielleicht sogar welche Art?
- Von wegen Anna Blume: kann diese Pflanze überhaupt Blüten hervorbringen?
- Warum könnten Tomatensämlinge in Kokos-Substrat anfälliger für Krankheiten sein?
- Warum wurden im Text Schlangen erwähnt – hängt das mit dem Namen der Pflanze zusammen?
- Gibt es dieses Blumentopf-Moor im Harz wirklich?
- Woher stammt der Ortsname Drei Annen Hohne?

Auflösung der letzten Pflanze der Woche: („Merz ist nicht dada“): der Merzenbecher, (Leucojum vernum)
Das war ein merkwürdiger Text. Die Pflanze war eigentlich recht gut zu bestimmen. ihre Blüte bildete den Becher, den Merz in der Hand hatte. Wir suchten den Märzenbecher, auch Frühlings-Knotenblume :
- Familie: Amaryllidaceae
- Morphologie: Zwiebelpflanze; 15–25 cm hoch; grundständige, lineale Laubblätter; Blüte glockenförmig, hängend, weiß, mit charakteristischen gelbgrünen Spitzen an den Tepalen.
- Blütezeit: Frühblüher, meist Februar bis April.
- Standortansprüche: Feuchte, nährstoffreiche, halbschattige Standorte; häufig in Auwäldern, Quellwäldern, Bachläufen.
- Vorkommen: Mitteleuropa, punktuell auch Süd- und Osteuropa; in Deutschland regional geschützt.


Aber was bedeutete „März ist nicht dada?“ Dahinter verbarg sich der der Künstler Kurt Schwitters und seine „Merz-Kunst“.
- Geboren 1887 in Hannover; gestorben 1948 in London.
- Vertreter der Avantgarde; eigenständige Kunstrichtung Merz, abgeleitet aus dem Wort „Commerzbank“.
- Werke: Collagen, Typografieexperimente, Lautgedichte (u. a. „Ursonate“).
- Merz ist keine Dada-Unterform, sondern Schwitters’ eigenes, autonomes Konzept der Kunstpraxis.
- Zentrales Werk: Merzbau, ein über Jahrzehnte gestalteter Raumkörper mit Assemblagen, Nischen, Fundstücken – eine Architektur-Skulptur im Inneren eines Wohnhauses.
- Schwitters’ Abgrenzung: Mit der Aussage „MERZ ist nicht Dada“ wollte er sich bewusst von den Dadaisten unterscheiden; diese wiederum fanden Schwitters’ Arbeiten eher spießig.
- Im Rätseltext tauchen Fragmente seines Gedichts „Anna Blume“ auf, das spielerisch Laut, Rhythmus und Typografie kombiniert.
- Bedeutung: Wegweisend für Collage, Objektkunst, Intermedia und Konzeptkunst.



Weitere „Pflanzen der Woche“ findet Ihr in unserem Archiv – alle, seit 2016.