Pflanze der Woche, 21.-27. September 2028
Anna Blume hatte ein altes Fotoalbum aus Heinos Jugend gefunden. Auf einer Seite blieb Anna hängen. Eine Gruppe blonder Mädchen kam gerade aus einer Kirche. Sie trugen weiße Kleider und hielten rosafarbene Kerzen in den Händen. Das Mädchen ganz vorn war besonders hübsch. Auf ihrem Kopf saß eine Krone aus hohen, weißen Kerzen. Sie schienen zu singen.
Anna betrachtete das Bild eine Weile. Dann sah sie Heino an.
„Was ist das?“
Heino, inzwischen immerhin Mitte dreißig, brauchte nicht lange.
„Schüleraustausch. Helsinki.“
„Und was macht ihr da?“
„Irgend so ein komisches Fest im Dezember. Wir mussten für die Mädchen Kerzen basteln.“
Er grinste.
„Und weißt du: Wir waren damals alle
in der Pubertät. Und besofffen“.
„In Finnland? Wie das, da gabs doch nichts legal?“
„Man hatte so seine Quellen. Das war ein Sport. Unsere tägliche
Jagd auf Wein“
„Eine Kerze haben wir zu einem richtigen Prachtstück umgestaltet.“, erzählte Heino.
Anna blickte ihn an. „Und dem armen
Mädchen in die Hand gegeben?
Heino wurde rot. „Die war ganz nett, eigentlich. Die hieß
„Gaura“.
„Komischer Name“, fand Anna.
„Unser Klassenlehrer, der Herr Lindheim, hat ein ziemliches Theater gemacht. Beinahe hätten wir abreisen müssen“.
Sie sah noch einmal genauer hin. Neben den Mädchen waren auf dem Bild Blumen zu erkennen. Lange, dünne Stängel, daran unzählige kleine Blüten, weiß und rosa, als wären sie zwischen den Menschen in die Höhe gewachsen.
„Moment“, sagte Anna. „Das da sind doch Blumen.“
„Ja.“
„Die wachsen doch nicht in Finnland.“
„Keine Ahnung. Die waren jedenfalls überall.“
Anna zoomte mit dem Telefon in das alte Foto hinein.
Die Pflanze wirkte beinahe schwerelos. Lange, dünne Stängel, die sich bogen und verzweigten, und an ihnen Blüten, die aussahen, als könnten sie jeden Augenblick davonfliegen. Manche waren weiß, andere schon rosa verfärbt. Überall kleine Blüten, als hätte jemand eine Handvoll Schmetterlinge an lange Fäden gesetzt.
„Komisch. Diese Blumen bei einem Fest mit echten Kerzen. Und dann auch noch im Dezember.“
Fragen an die Leser
- Welche Pflanze ist auf dem Foto zu sehen?
- Was für ein traditionelles Fest wird in Finnland am 13. Dezember gefeiert?
- Warum trägt das Mädchen eine Krone aus Kerzen?
- Welches Lied wird bei dieser Prozessionen gesungen – und warum stammt es ausgerechnet aus Italien?
- Was hat eine italienische Stadt am Golf von Neapel mit einem finnischen Winterfest zu tun?
- Und woher stammt die Pflanze ursprünglich, wenn sie heute in Gärten rund um die Welt wächst?
- Wer ist dieser Herr Lindheim?
- Und die begierliche Jagd nach dem Wein? Was hat das damit zu
tun?
Auflösung der
letzten Pflanze der Woche: „Das Licht aus dem vertrockneten
Kelch“: Napf-Schwarznesssel, Ballota acetabulosa.

Die Pflanze ist die Napf-Schwarznessel, die traditionell unter dem Namen Ballota acetabulosa geführt wird. Nach heutiger botanischer Systematik lautet der akzeptierte Name Pseudodictamnus acetabulosus. Sie gehört zu den Lippenblütlern (Lamiaceae) und ist im südlichen Griechenland, im Ägäisraum und bis in die westliche Türkei verbreitet.
Die ausdauernde Pflanze kann bis zu etwa 60 bis 80 Zentimeter hoch werden. Ihre Stängel und Blätter sind dicht grau behaart, was ihr das etwas wollige, graugrüne Aussehen gibt. Auffällig sind vor allem die becher- oder napfförmigen Kelche, die auch nach dem Verblühen erhalten bleiben.
Und diese trockenen Kelche hatten einst eine ganz praktische Aufgabe.
Ein kleiner Kelch wird zum Docht
In Griechenland wurde die Napf-Schwarznessel traditionell für Öllampen verwendet. Die getrockneten Kelche dienten als Schwimmdochte. Der griechische Name fytilaki bedeutet sinngemäß „kleines Dochtchen“.
Das Verfahren hat einen bemerkenswerten Vorteil: Der Docht sitzt nicht fest an einer bestimmten Stelle des Gefäßes, sondern schwimmt auf der Flüssigkeit. Wenn der Ölspiegel sinkt, sinkt der Docht mit ihm. Dadurch bleibt die brennende Spitze stets ungefähr auf derselben Höhe über der Flüssigkeit.
Der Docht wird also nicht, wie bei einer feststehenden Konstruktion, allmählich höher und höher über dem Öl liegen. Er bleibt in seiner wirksamen Position, solange Brennstoff vorhanden ist.
Das ist eine sehr einfache, aber durchaus raffinierte Lösung.
Warum das Wasser?
Das Wasser darunter hat ebenfalls eine wichtige Funktion.
Öl und Wasser vermischen sich nicht, und Öl ist leichter als Wasser. Deshalb schwimmt das Öl obenauf. Das Wasser bildet eine Kühl- und zugleich Löschschicht.
Solange Öl vorhanden ist, brennt der Docht in der Ölschicht. Geht das Öl zur Neige, kommt der Docht schließlich in die Nähe des Wassers. Die Flamme wird dadurch gelöscht. Zugleich verhindert das Wasser, dass sich das Gefäß durch die Flamme unnötig stark erhitzt, wenn der Brennstoff fast vollständig verbraucht ist.
Das ist ein wesentlicher Vorzug der Konstruktion: Die Lampe kann ihren Brennstoff nicht einfach unkontrolliert bis zum letzten Rest verbrennen, während das Gefäß immer heißer wird. Das Wasser bildet eine natürliche Grenze zwischen Brennen und Erlöschen.
Und warum Glas?
Noch etwas fällt auf, wenn man über solche Lampen nachdenkt: das Glas.
Der entscheidende Vorteil des durchsichtigen Materials liegt nicht nur darin, dass man den Ölstand sehen kann. Die Lampe schluckt ihr eigenes Licht nicht.
Ein undurchsichtiges Gefäß steht einem Teil des ausgestrahlten Lichtes gewissermaßen selbst im Weg. Bei einem Glasgefäß kann das Licht dagegen nach außen treten. Das ist besonders bei aufgehängten Lampen sinnvoll: Die Lampe soll nicht nur unmittelbar dort leuchten, wo der Docht sitzt, sondern den Raum möglichst weit erhellen – vor allem auch nach unten leuchten. .
Dass Glas bereits in der Antike für Öllampen verwendet wurde, ist ebenfalls belegt. Neben Lampen aus Ton, Stein oder Metall gab es auch gläserne Gefäße. Die transparente Wand machte aus der Lampe gewissermaßen selbst einen Teil des Lichtkörpers.
Und damit sind wir bei einem berühmten Bild.
Maria Magdalena und das Öllicht
Der französische Maler Georges de La Tour (1593–1652) hat die büßende Maria Magdalena mehrfach dargestellt. In einer seiner bekanntesten Fassungen sitzt die Heilige im Dunkel, während eine kleine Lampe den Raum erhellt.
Das Bild entstand natürlich nicht als Darstellung einer Schwimmdochtlampe. Aber es zeigt sehr eindrucksvoll, welche Bedeutung eine einzelne Öllampe einst haben konnte. Die kleine Flamme ist die einzige Lichtquelle des Raumes. Sie macht nicht nur Gegenstände sichtbar, sondern bestimmt die ganze Stimmung des Bildes.
Vor einer Ikone erfüllt eine solche Lampe eine andere, religiöse Funktion. Im griechisch-orthodoxen Raum kennt man die καντήλι (kandili), die Votiv- oder Öllampe vor einer Ikone. Solche Lampen können über längere Zeit brennen beziehungsweise immer wieder mit Öl versorgt werden.
Die Pflanze aus den griechischen Bergen konnte dafür das liefern, was man am dringendsten brauchte: den kleinen Docht.
Was bedeutet „Fitili“?
Das moderne griechische φιτίλι (fitíli) bedeutet „Docht“. Das Wort wird gewöhnlich als Lehnwort erklärt: über das Türkische gelangte es aus dem Arabischen fatīl ins Griechische.
Der Name fytilaki, unter dem die Pflanze in Griechenland bekannt ist, nimmt also auf ihre Verwendung als kleinen Docht Bezug.
Das Bemerkenswerte ist dabei, dass nicht etwa ein besonderer Bestandteil der Pflanze brennbar sein musste. Es genügte ihre trockene, kelchförmige Struktur, die sich als kleiner Träger für das Öl eignete.
Und was hat der Essig damit zu tun?
Anna lag mit ihrem Verdacht tatsächlich nicht ganz falsch.
Das lateinische acetabulum war ein kleines Gefäß oder Schälchen, insbesondere auch ein Gefäß für Essig. Das davon abgeleitete acetabulosus bedeutet sinngemäß schalen- oder napfförmig.
Ballota acetabulosa beschreibt also die Form der Kelche: Sie erinnern an kleine Schalen oder Näpfe.
Der Essig ist deshalb nicht der geheimnisvolle Inhaltsstoff der Pflanze. Er weist lediglich auf ein kleines lateinisches Gefäß hin.
Und die Ampel?
Die letzte Spur führt erstaunlich weit.
Das deutsche Wort Ampel bezeichnete ursprünglich keine Verkehrsregelung. Es ging auf das lateinische ampulla, ein kleines Gefäß beziehungsweise Öl- oder Flüssigkeitsgefäß, zurück und gelangte über das Althochdeutsche und Mittelhochdeutsche ins Deutsche.
Im Mittelalter war eine Ampel eine hängende Lampe, insbesondere eine Öllampe, die vor einem Altar brannte. Erst später wurde das Wort auch für andere hängende Lampen verwendet. Die heutige Bedeutung als Verkehrssignal entwickelte sich sehr viel später.
Damit schließt sich ein etwas unerwarteter Kreis:
Der vertrocknete Kelch der Schwarznessel konnte zum Docht werden. Der Docht schwamm auf dem Öl. Das Öl brannte in einer Lampe. Die Lampe konnte als hängende Ampel vor einem Altar dienen. Und aus dieser alten „Ampel“ wurde schließlich das Wort für die Leuchte an der Kreuzung.
One comment on “Eine prächtige Kerzenprozession”
Welche Pflanze ist auf dem Foto zu sehen?
Bei der Pflanze handelt es sich um die Prachtkerze (Gaura lindheimeri, heute botanisch oft Oenothera lindheimeri benannt).
Was für ein traditionelles Fest wird in Finnland am 13. Dezember gefeiert?
-> Am 13.12. ist in Finnland das Hauptfest zur Krönung der (weiß gekleideten) Lucia gefeiert. Das Fest geht auf den Gedenktag der heiligen Lucia von Syrakus zurück.
Warum trägt das Mädchen eine Krone aus Kerzen?
-> Lucia trägt eine eindrucksvolle Krone aus großen weißen Kerzen und singt alte Lieder, um den Menschen ihren winterlichen Trübsinn zu vertreiben.
Welches Lied wird bei dieser Prozessionen gesungen – und warum stammt es ausgerechnet aus Italien?
Bei der feierlichen Prozession wird das weltberühmte Lied „Sankta Lucia“ gesungen. Die Melodie stammt ursprünglich aus einer neapolitanischen Barkarole aus Italien (Golf von Neapel), erlangte jedoch im 19. Jahrhundert durch einen schwedischen Text ihre traditionelle Bedeutung im Norden.
Was hat eine italienische Stadt am Golf von Neapel mit einem finnischen Winterfest zu tun?
Die Verbindung liegt in der Hymne des Festes: dem weltberühmten Lied „Sankta Lucia“ welches aus Italien stammt.
Und woher stammt die Pflanze ursprünglich, wenn sie heute in Gärten rund um die Welt wächst? Wer ist dieser Herr Lindheim?
Die Prachtkerze stammt aus den südlichen USA (Texas und Louisiana) sowie aus Mexiko. Benannt wurde sie nach dem deutschen Botaniker Ferdinand Lindheim, welcher als „Vater der texanischen Botanik“ gilt.