Pflanze der Woche, 8. Dezember 2025
Heino hatte schon einige Zeit ein merkwürdiges Druckgefühl im Unterbauch. Erinnern konnte er sich nur, dass das irgendwie im Zusammenhang mit den Pflasterarbeiten gestanden hatte. Nixi und er hatten das kleinteilige Kopfsteinpflaster im Hof herausgenommen, weil sich dazwischen ohnehin nur dieses winzige, schlingpflanzenartige Unkraut angesiedelt hatte.
Sie hatte die Steine rausgehackt, alles mit den lästigen Pflänzchen auf den Haufen geschmissen, eine große Steinplatte gewuchtet — und beim Anheben meinte Heino, sei dieses Gefühl gekommen.
Eines Abends blickte er an sich herunter — und sah eine Veränderung. Neben seinem Allerwertesten wölbte sich etwas hervor. Wenige Tage später — er hatte die Wölbung zunächst ignoriert, obwohl Nixi ihm geraten hatte, doch mal zum Arzt zu gehen — kamen die Schmerzen: erst ein dumpfes Ziehen wie bei Verstopfung, dann heftige Bauchschmerzen, Fieber. Krankenhaus.
Als er von der Narkose aufwachte, verstand er zunächst nur „Leistungseinbruch“.
„Was?“ fragte Heino den Arzt, schließlich meinte er, besonders viel geleistet zu haben in den vergangenen Tagen.
„Da haben Sie etwas falsch verstanden. Sie haben eine Hernie“, sagte der Arzt.
„Ja, das hätte schlimm ausgehen können“, murmelte Heino.
„Sagen Sie mal, vielleicht ist das eine kleine Rache dieser Pflanze, auf der Sie da rumgetrampelt haben? Die zwischen den Steinritzen?“
„Wie das?“
„Nun, wissen Sie, früher hat man mit dieser Pflanze Kleidung behandelt. Klingt nach Mittelalter? Ist es auch. Aber damals hatte man nichts anderes.“
Heino betrachtete die OP-Bilder. Seinen haarigen Bauch hatten sie aufgeschnitten, die Haare abrasiert, die Eingeweide waren hervorgequollen, die man anschließend wieder zurückgelegt hatte. Gruselig.
„Die Haare wachsen schon wieder nach, keine Sorge“, hatte die Schwester gesagt.
„Aber denken Sie daran“, fügte sie hinzu, „Sie hätten der Pflanze mehr Beachtung schenken sollen.“
Fragen an die Leserinnen und Leser
- Welche Pflanze hat Heino zwischen den Pflastersteinen so missachtet?
- Was hat diese Pflanze mit Heinos Erkrankung zu tun?
Auflösung der letzten Pflanze der Woche („Der nette Onkel Dittmeyer vom Riebeckplatz„): Pyrus communis, die Kulturbirne
Rati hatte eigentlich schon alles beantwortet: „Hier wird auf Theodor Fontanes „Unterm BIrnbaum“ angespielt. Sollte also eine Birne (Pyrus communis) sein, die Sorte „Williams Christ“? „Onkel Dittmeyer“ war Rolf H. Dittmeyer (1921–2009), deutscher Unternehmer und Gründer der Fruchtsaftmarken Valensina und Punica. Er wurde bekannt durch seine Auftritte in der Fernsehwerbung mit dem Satz: „Entweder frisch gepresst oder Valensina.“ Er gründete 1960 das Unternehmen Dittmeyer’s Naturrein und die Marke Valensina (Anmeldung 1961, bundesweite Einführung 1967). Die Marke Punica kam 1975/1976 hinzu.






Die gesuchte Pflanze, die Kulturbirne, Pyrus communis, ist ein altes Obstgehölz aus der Familie der Rosengewächse. Ihrem Ursprung nach reicht sie tief in die europäischen und vorderasiatischen Landschaften zurück: Wildformen wachsen seit jeher in lichten Wäldern, an alten Wegrainen und Hängen. Schon in der Antike pries man sie, in den Klostergärten des Mittelalters wurde sie veredelt, und in märkischen Gutsgärten stand sie als Sinnbild milder Gaben.
Ihre Botanik ist ebenso vertraut wie poetisch: ein mittelgroßer Baum mit zarter Blüte im Frühjahr, süßem Duft, lederartig glänzenden Blättern und jenen Früchten, deren Gestalt zwischen schlankem Kelch und rundem Bauch schwankt — je nachdem, wie sie der Mensch über Jahrhunderte geformt hat. Es gibt kaum ein Obstgehölz, in dem menschliche Kulturgeschichte so unmittelbar fortlebt wie in der Birne.
Berühmt wurde sie in der deutschen Literatur vor allem durch Theodor Fontanes Ballade „Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland“: Der gutmütige Edelmann, dem die Birnen im Garten gehörten, verschenkte sie freigiebig an die Kinder des Dorfes. Und selbst nach seinem Tod ließ er sich eine Birne „ins Grab mitgeben“, damit aus ihr ein neuer Baum wachse — und die Kinder weiterhin ihre Früchte erhielten.
Der von Heino vermeintlich chauffierte Adlige spielt genau auf diesen literarischen Herrn von Ribbeck an, dessen reales Vorbild der Gutsherr Friedrich Sigismund von Ribbeck war. Seine Gestalt hat sich mit Fontanes Versen so tief in die Erinnerung eingeschrieben, dass er heute als Sinnbild für Güte, Weitergabe und die stille, fruchttragende Großzügigkeit des Lebens gilt.
Das Schloss Ribbeck im Havelland ist ein Herrenhaus vom Ende des 19. Jahrhunderts in neobarockem Stil. Dieses Schloss kannte Fontane nicht, aber dessen klassizistischen, bescheideneren Vorgängerbau (s. Bild) das auf den älteren Gutssitz der Familie von Ribbeck zurückgeht. das neue Schloss wurde nach der Wiedervereinigungumfassend restauriert und beherbergt heute ein Museum, das Fontanes Ballade, die Geschichte der Familie und die regionale Kultur thematisiert. Der Birnbaum vor dem Schloss — ein Nachfahre des berühmten Ribbeckschen Baumes — gilt als literarisches Wahrzeichen und zieht bis heute Besucher an.

Weitere „Pflanzen der Woche“ findet Ihr in unserem Archiv – alle, seit 2016.
2 comments on “Ein merkwürdiger Unterbauch und das kleinteilige Unkraut”
Herniaria (Bruchkraut) wächst gern zwischen Steinen und könnte auf dem Bild bei den Totenköpfen zu sehen sein, in der Hand hält Heiko eher Seifenkraut, dessen Nutzen für die Kleidung in Ermanglung von Seife bekannt ist.
Das Kraut hat Haare auf den Blättern. Heino hat chon das richtige Kraut für seine Beschwerden in der Hand.