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Die Witwe von Scupi

Pflanze der Woche, 10.-16. August 2026

Es gibt Gegenden, die niemand auf seine Wunschliste setzt. Gerade deshalb sind sie oft die schönsten.

„Dieses Jahr fahren wir nicht ans Meer“, erklärte Heino eines Abends.

Anna Blume sah erstaunt auf.

„Nicht ans Meer? Was soll man denn im Süden ohne Meer?“

„Geschichte.“

Sie zog eine Augenbraue hoch.

„Davon wird man nicht braun.“

„Aber klüger.“

Sie nahmen den alten Straßenatlas aus dem Regal. Nicht den im Mobiltelefon. Papierkarten haben eine merkwürdige Eigenschaft: Sie machen die Welt größer.

„Hier“, sagte Heino und tippte auf einen unscheinbaren Punkt. „Scupi.“

„Nie gehört.“

„Eben.“

Römische Ausgrabungen. Eine steinerne Brücke. Berge ringsum. Sommerhitze. Und kaum Reisegruppen.

„Gut“, sagte Anna. „Dann fahren wir eben dahin.“


Ganz stimmte das mit den Reisegruppen allerdings nicht.

Schon am zweiten Tag begegneten ihnen mehr Fotografen als Ziegen.

„Ich kann Touristen nicht ausstehen“, sagte Anna.

„Das behaupten Touristen erstaunlich oft“, bemerkte Heino trocken.

Im Fremdenverkehrsbüro fragte sie schließlich:

„Please tell me, where tourists never go.“

Der ältere Herr hinter dem Schalter lächelte.

„To the cemetery.“


So kamen sie auf einen alten Friedhof.

Zwischen den hellen Grabsteinen summten Bienen. Manche Inschriften waren griechisch, obwohl sie sich doch gar nicht in Griechenland befanden.

„Merkwürdig“, sagte Anna.

„Nicht wirklich“, erwiderte Heino. „Hier haben Griechen, Römer, Slawen, Albaner, Osmanen und viele andere ihre Spuren hinterlassen. Der Balkan ist kein Flickenteppich – er ist ein gewebter Teppich. Nur glaubt jeder, er habe ihn allein geknüpft.“

Anna pflückte eine tief purpurrote Blüte.

Sie erinnerte an eine Kornblume. Nur dunkler. Samtiger. Würdevoller.

Da bemerkten sie eine Frau.

Ganz in Schwarz.

Langsam ging sie zwischen den Gräbern hindurch.

Sie legte dieselben dunkelroten Blumen auf einen Grabstein.

„Mein Mann“, sagte sie leise. „Der Krieg.“

Mehr erklärte sie nicht.

An ihrem schwarzen Kleid glänzte eine Brosche.

Eine goldene Sonne.

Oder war es ein Stern?

Sechzehn feine Strahlen gingen von ihrer Mitte aus.

Heino blieb stehen.

„Den kenne ich.“

Die Witwe nickte.

„Viele kennen ihn.“

Der Wind strich über die roten Blüten.

Anna sah der Witwe nach.

„Eine Blume, eine Witwe, ein goldener Stern – das kann doch unmöglich Zufall sein. Und dieses Land. Hängt das irgendwie zusammen? “


Unsere Fragen

  1. Welche Pflanze wächst hier zwischen den alten Grabsteinen und schmückt bis weit in den Herbst unsere Gärten mit ihren samtig purpurroten Blüten?
  2. In welchem Land spielen Anna und Heinos Ferien – jenem Staat, dessen Name über Jahrzehnte für diplomatischen Streit sorgte?
  3. Welche historische Landschaft gab dieser Pflanze ihren Artnamen?
  4. Was stellt die goldene Brosche der Witwe dar? Warum wurde ausgerechnet dieses alte Symbol zum Gegenstand eines internationalen Konflikts?

Auflösung der letzten Pfanze der Woche (Trouble um Leonhardts beste Stück): Rauhaariger Fuchsschwanz, zurückgebogener Fuschsschwanz, Amaranthus retroflexus.

Gork vom Ork fand es heraus: „Bei der Pflanze handelt es sich um zurückgebogenen Amarant (Amaranthus retroflexus), auch zurückgekrümmter Fuchsschwanz (daher die Analogie auf Leonhard Fuchs und sein bestes Stück :-)) oder auch Rauhaariger Amarant genannt. Sie stammt aus Nordamerika und führt wirtschaftlich als Unkraut auf Feldern eher zu Ertragseinbußen. Sie verdrängt ökologisch gesehen, als eingeschleppte Pflanze, einheimische Arten. Zurückgebogener Amarant wird jedoch in einigen Teilen der Welt als Gemüse gegessen. Ihren irreführenden Namen schuldet die Pflanze dem kümmerlichen Exemplar, das ihr Erstbeschreiber Carl von Linné in einem Topf heranzog.“

Und NhuDeng ergänzte: Die wirtschaftliche Bedeutung von Amaranthus liegt vor allem in der Nutzung als wertvolles Pseudogetreide, traditionelles Blattgemüse sowie als robuste Bioenergie- und Zierpflanze, während einige Arten weltweit als schwer bekämpfbare Agrarunkräuter gelten. Der Begriff „Fuchsschwanz“ bezeichnet in erster Linie die Pflanzengattung Amarant (Amaranthus). Als Pflanze stammt der Garten Fuchsschwanz aus Südamerika, besonders aus dem Andenraum.



Das Pseudogtreide wird allerdings von anderen Fuchsschwanzarten (-caudatus etc) gewonnen, da sind die Samen größer. Die Bemerkung von HeiWu zum Gemüse: Man kann eigentlich alle Fuchsschwänze essen – unter der großen Gattung mit bis zu 100 Arten gibt es kein einzige giftige Pflanze.

Weitere „Pflanzen der Woche“ findet Ihr in unserem Archiv – alle, seit 2016.

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